Jazzfestival Münster - Wunderbar Unerwartetes

Xhosa Cole, Pat Thomas
Xhosa Cole, Pat Thomas, Foto: Elmar Petzold

Eine fantastische Wundertüte mit vielen Premieren und ungewöhnlichen Instrumenten war die diesjährige Ausgabe des Internationalen Jazzfestivals in Münster. Kaum ein Festival kann vermutlich mit so vielen Geigen, Bratschen, Celli, Harfe oder Fagott im Lineup aufwarten, von den pferdehufgroßen Kastagnetten aus Ibiza ganz zu schweigen.

Vom 3. bis 5. Januar 2025 fanden im Theater und der Dominikanerkirche 19 Konzerte statt, was den Fans der zumeist ausverkauften Konzerten ordentliches Sitzfleisch abverlangte, vier (Freitag) bis neun (Sonntag) Konzerte standen pro Tag auf der Agenda.

„Ästhetik der Kontraste“, so beschreibt der Festivalleiter Fritz Schmücker sein Konzept. Seit 40 Jahren zeichnet er für das Programm verantwortlich, ein Jubiläum, für das er von seinen Mitarbeitern eine Flasche Maracujanektar und einen Miniaturnachbau des roten Flügels bekam, der jahrelang Markenzeichen des Festivals war.

Den Freitagabend eröffnete das Brainteaser Orchestra aus den Niederlanden. Ensembleleiter und Komponist Tyn Wynbenga leitete sein 13köpfiges Ensemble mit Streicher- und Bläsersektion durch komplexe Kompositionen, als Gast fügte sich der Geiger Théo Ceccaldi gut ein. Seine Improvisationen aus einem Konzert im Amsterdamer Bimhuis dienten Tyn Wynbenga auch als Grundlage für eine seiner Kompositionen.

Die japanische Pianistin Makiko Hirobayashi, die seit langem in Kopenhagen lebt, stellte mit ihrem Quartett Weavers ihre Vision auf Werke des Barockkomponisten Georg Friedrich Händel dar. Dessen Oratorium Messias und andere Werke wie Ombra Mei Fu oder die Wassermusik eröffneten in überraschenden Bearbeitungen neue Blickwinkel auf scheinbar bekannte Werke. Auch streng vorgetragene Melodien (zusammen mit Saxophonist Frederik Lundin) bekamen durch sich ständige verändernde Harmonien ein neues Gewand.

Jan Klare, selber Münsteraner Jazzmusiker mit ungewöhnlichen Projekten wie „The Dorf“, stellte mit KIND den jüngsten Nachwuchs vor. Quasi sechs Sorgeberechtigte haben einen Blick auf das Kind, das Klare selbst in lustigen Ansagen als nicht sonderlich hochbegabt bezeichnet. Die wilde Jagd verlor nach den ersten Stücken etwas an Fahrt und wirkte gegen Ende eher wie eine Kopfgeburt. Posaunistin Shannon Barnett, Klarinettistin Shabnam Parvaresh verliehen dem KIND einige schillernde Sticker.

Den ersten Abend beschloss ein Wiedergänger: Klarinettist Gianluigi Trovesi war in den letzten Jahren regelmässiger Gast des Festivals. Vor 40 Jahren, 1985 erschien sein Album „Dances“, sein Programm 2025 hiess daran angelehnt „Old and New Dances“. 81 Jahre alt ist Trovesi mittlerweile, doch das merkt man der spritzigen Spielweise nicht an, vor allem auf der Altklarinette hat der Italiener seinen ganz eigenen Sound, den er mit seinem fabelhaften Trio mit Bassist Paolo Damiani und Schlagzeuger Ettore Fioravanti nicht nur für Melodien, sondern auch Begleitstimmen nutzte. Humoristisch waren seine Fassungen ein und dasselben Liebeslieds nach zehn, 20 und 30 Jahren Beziehung, in denen hörbar immer mehr Geschirr zerschlagen wurde.

Der Festivalsamstag eröffnete mit einer freien Improvisation von Louis Sclavis an der Bassklarinette, mit der er die Gerhard Richter Installation „Zwei Graue Doppelspiegel für ein Pendel" in der Dominikanerkirche umrundete, bevor der Nachmittag im kleinen Saal des Theaters von der belgischen Posaunistin Nabou Claerhout eröffnet wurde. Claerhout hatte schon beim Brainteaser Orchestra für Glanzlichter gesorgt, ihr eigenes Quartett war nicht nur Deutschland-Premiere, sondern eine „Überhaupt“-Premiere. Gut durchdachte Kompositionen mit Witz und gute Mitmusiker (Reinier Bass (g), Glenn Gaddum (b) und Schlagzeuger Jamie Peet) begeisterten das Publikum. Vor allem Claerhoults Vermieter gewidmete Komposition „Fucker“ zeigten ihren wandelbaren und expressiven Posaunenklang.

In 40 Jahren noch nie passiert ist laut Fritz Schmücker, dass ein Musiker vor seinem Gig ernsthaft krank wurde. So musste das Quartett der südkoreanischen Pianistin Chaerin Im erst im Trio beginnen, bevor die Leaderin unerwartet doch noch hinter den Tasteninstrumenten auftauchte. Der Jazzbegriff ging hier in Richtung Indie-Jazz und K-Pop. Die schrägen analogen Synthiesounds passten da ebenso wunderbar wie der Gast Niccolò Ricci am Tenorsaxophon.

Der Pianist Daniel García Diego bewegt sich mit seinem Sextett weg von der Verbindung von Jazz und Flamenco zu einem ganz eigenen Gebräu verschiedenster Nationalitäten. Im Vergleich zu den schon gehörten Acts des Festivals möchte man fast „herkömmlich“ sagen, so waren halbwegs normale Metren und klare Songstrukturen zu erkennen, die von den Solisten Delaram Kafashzadeh (voc) und vor allem Miron Rafajlovič mit seiner fiebrigen Trompete ausgefüllt wurden. Schön ist, dass Projekt und Sound über den Musikern stehen und eine absolut schlüssige, gut geprobte Premiere auf der Bühne stand.
Zwischen all den grossen Ensembles, die mittlerweile nur noch für von öffentlicher Hand geförderte Festivals finanzierbar sind, war das Duo der ukrainischen Harfenistin Alina Bzhezhinska und des britischen Saxophonisten Tony Kofi (der auch den zweiten Solospot in der Dominikanerkirche übernahm) in ihrem Pharoah Sanders und Alice Coltrane gewidmeten Programm klein und intim.

Der dänische Kontrabassist Jasper Høiby musste für sein Trio Three Elements umdisponieren. Reichte es für die Pianistin Chaerin Im für ihr eigenes Set noch gesundheitlich, musste sie für Høibys späteren Gig passen. So zog Fritz Schmücker den Pianisten Daniel García vom seinem Essen aus dem italienischen Restaurant weg und fragte ihn, ob er sich vorstellen könne, quasi nur mit einem Beschnuppern im Soundcheck mit Jasper Høiby auf die Bühne zu gehen. Was in der Klassik fast undenkbar ist, ist im Jazz möglich, spontane Improvisation und Kommunikation ist der Schlüssel zu überraschenden Momenten. In 40 Minuten Soundcheck fand ein vorsichtiges Abtasten statt, so dass die anspruchsvollen Kompositionen des Bassisten im Konzert anders, aber mit vollem Risiko gespielt wurden. Auch ein politischer Zwischenfall, als der Bassist sich in einer Ansage für Palästina stark machte und Widerspruch im Publikum erfuhr, löste sich im anschliessenden Gespräch mit einem Handschlag und einer Umarmung auf.
Louis Sclavis beendete den wunderbar stimmigen zweiten Festivalabend mit seinem Quintett. In seinem „India“-Programm trafen Raga auf Musette und das ganze Quintett (Sarah Murcia am Bass, Benjamin Mouusay am Klavier, Christophe Lavergne an den Drums und Olivier Laisney an der Trompete) brannte wahre Feuerwerke in den Soloparts ab.

Ein halbes Quartett eröffnete den dritten und letzten Festivaltag, Sound stand bei Saxophonist und Flötist Xhosa Cole und Drummer Tim Giles zentral, vor allem an der Flöte zauberte Cole mit Whispertones und False Fingerings ein besondere Atmosphäre. „Pauline Réage“, das Leipziger Quartett um die Frontfrau Anna Munka, jagte das Publikum durch vierstimmige Kanons, bei denen die Texte nicht immer richtig rund liefen.
Clara Haberkamp stellte sich als Westfalen-Jazz 2025 Preisträgerin mit ihrem Trio mit Oliver Potratz am Bass und dem norwegischen Schlagzeuger Jarle Vespestad vor. Ganz besonders wurde es mit YOM auf der Bühne. YOM, bürgerlich Guillaume Humery, ist Klarinettist, musikalisch beheimatet von Klezmer bis Electro Rock. YOM ist sein Trio mit den Ceccaldi Brüdern, Théo an der Geige und Valentin am Cello. Zusammen – und der Klarinettist meist im Lotussitz - erschufen sie einen Konzertblock ohne Pausen mit Spannungsbögen von sparsam-leise bis erdrückend-voll. Für das Publikum ein unerwartetes Erlebnis, das es in stehenden Ovationen nach Zugaben fordern liess.
Freemonk aus Grossbritannien holte den Saxophonisten Xhosa Cole und den Drummer Tim Giles zurück auf die Bühne, nun im Quartett mit Josh Vadiveloo am Bass und Pat Thomas am Klavier. Die vier haben sich dem Werk Thelonious Monk auf erfrischende Weise angenähert, die Kompositionen wurden im Speeddating zusammengefasst, zerpflückt, seziert, anders wieder zusammengebaut, zelebriert und zärtlich verabschiedet. Wo andere Bands Monk nachspielen, ist Freemonk eine wahre Hommage. Absolut begeisternd war der – unvorstellbar ad hoc gespielte und ungeprobte – Mashup von „Round Midnight“ und „Blue Monk“, bei dem beide Melodien so neben- und übereinander geschoben wurden, dass sie zu flirren begannen.

Für einen flirrenden Abschluss des grossartigen Festivals sorgte der erst 24jährige Marimbaspieler André Coll von der spanischen Insel Ibiza. Hier lebt auch die deutsche Jazzlegende Joachim Kühn, der den jungen Musiker unter seine Fittiche genommen hat und dessen langjährige Mitmusiker sich Coll „auslieh“. „Odyssey“ war das Programm des Quartetts überschrieben, eine Irrfahrt war es aber mitnichten. Mit den typischen großen Ibiza-Kastagnetten und im Duett mit Drummer Ramón López sah Coll aus, als ob er in einen musikalischen Stierkampf verwickelt war. Locken, tänzeln und ausweichen könnte man auch die Spielweise der Band beschreiben, Majid Bekkas Guembri und Mateusz Smoczynskis Geige passen klanglich wunderbar zum Marimbaphon und ergänzen Colls Umgang mit den verschiedensten Musikstilen. Egal, ob es wie eine poppige Filmmusik aus den 60ern klingt, eine Komposition von Joachim Kühn ist oder marokkanische Gnawa-Musik – der junge Marimbaspieler nähert sich allem mit grosser Neugier und Respekt.
Fritz Schmücker kann mit der diesjährigen Ausgabe des Jazzfestival Münster in seinem persönlichen 40. Jubiläumsjahr mehr als zufrieden sein, seine Ästhetik der Kontraste ging in 19 Konzerten mit 80 Musikern aus 22 Ländern traumhaft auf.

Text: Angela Ballhorn
Fotos: Elmar Petzold

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