Jazzkaar 2026 (Part 2): Zwischen Festivalrausch und Homeconcerts

Dip in the audience Kennedy Administration
Dip in the audience Kennedy Administration, Foto: Angela Ballhorn

Von Angela Ballhorn

Nun ist die 37. Ausgabe der Jazzkaar in Tallinn schon wieder Geschichte, und von 30 Konzerten auf den Hauptbühnen habe ich fast alle mitverfolgt (ausgenommen das Kinderkonzert, das bestimmt auch gut, aber komplett in estnisch war), dazu kamen noch eine phänomenale Session im Philly Joe’s Jazzclub, drei homeconcerts, eine Handvoll freier Konzerte vom musikalischen Nachwuchs sowie ein Workshop von Saxophonist und Sänger Antonio Lizana und ein Panel über die Zusammenarbeit der baltischen Staaten im Jazzbereich.  Und das alles in nur in acht Tagen, es war ein wilder musikalischer Ritt also.

Einige interessante Erkenntnisse ergaben sich in dieser Woche:

Das Programm, das auf den ersten Blick wie ein wildes Sammelsurium erscheint, ist klug kuratiert. Für jeden Geschmack ist etwas dabei, auch an jedem Abend sind die Konzerte wie ein aufregendes Mahl, bei dem man nicht genau weiss, was oder wie der nächste Gang sein wird. Viele einheimische Bands von fantastischer Qualität und Originalität passten wunderbar mit internationalen Acts zusammen.
Jazz, Funk oder spanische oder lateinamerikanische Bands fügten sich ebensogut aneinander wie Soul-Konzerte oder Folk-Einflüsse.

Gleiche Startbedingungen, unterschiedliches Ergebnis

Und auf dem Papier ähnliche Konzepte können in total unterschiedliche Richtungen gehen – die Kennedy Administration heizte dem Publikum so ein, dass der komplette Saal zum Ende des Konzerts tanzte und mitsang, während Mica Miller – Sängerin wie Kennedy, musikalisch ähnlich ausgerichtet in Soul und R’n’B – zwar ein solides Konzert lieferte, bei dem der Funke aber nicht richtig überspringen wollte.

Das frisch mit dem Deutschen Jazzpreis für das Debütalbum des Jahres ausgezeichnete Moses Yoofee Trio hatte eine gute Masterclass für interessierte junge Musiker gegeben, dementsprechend hoch waren die Erwartungen an das Konzert des MYT. Beachtliche Skills, eine extrem tighte Rhythmusgruppe und interessante Keyboardlinien waren für mich allerdings eher nur zu erahnen, weil die Lautstärke alles zudeckte. Waren zu Beginn die beeindruckenden Grooves von Drummer Noah Fürbringer im Vordergrund, wurden die wummernden Bässe immer lauter und die Keyboardsounds schwammiger und indifferenter. Bei leiseren Passagen konnte ich die musikalischen Qualitäten des Trios durchaus genießen, bei full power war mir sogar im hinteren Teil des Konzertsaals die Lautstärke zu viel.

Clickbait Rage und budget-friendly propaganda

Ebenso viel Power, aber differenzierter lieferte die UMO Bigband aus Helsinki. Die Komponistin Bianca Rantala hatte im letzten Jahr den Jazz Composer of the Year-Preis gewonnen und konnte an der Jazzkaar ihr neues Programm „Gigil Marathon“ vorstellen, das speziell für die UMO Bigband und den Harpejji Virtuosen Valter Soosalu komponiert wurde (Harpejji ist ein Hybridinstrument zwischen Gitarre und Klavier, das „getapped“ wird und alle möglichen Klänge ansteuern kann). Valter Soosalu hat die „das hier ist alles möglich auf diesem Instrument“-Phase hinter sich gelassen und ordnete sich perfekt als kompositionsdienlicher Musiker in den Bigbandsound ein. Bianca Rantalas „Gigil Marathon“ ist der Online-Welt gewidmet, der Clickbait Rage als Funk, den Inspirational DanceToks und – sehr finnisch – „Budget-Friendly Propaganda“ als wilder Death Metal. Wann kann man eine Bigband schon mit Doublebass Drum und Death Growls hören?

Nach der aktuellen, fast ausschliesslich weiblichen Preisverleihung an unter anderem Maria Faust (Saxophon) oder Mingo Rajandi (Bass) war die komplett männlich besetzte finnische Bigband ein ziemlicher Kontrast. Die 30 schamanischen Trommeln des Šatro Shaman Drums Orchestra im Nordic Ballads Programm des Saxophonisten und Komponisten Villu Veski blieben ebenso in Erinnerung wie Kadri Voorands neues Programm, für die Jazzkaar wurde ihr Duo mit Bassist Mihkel Mälgand mit dem Duo Puuluup angedickt.

Miles 100

Dem 100. Geburtstag von Miles wurde ebenfalls gedacht und niemand kommt besser dafür in Frage als Jason Hunter, Trompeter aus LA, der der Liebe wegen in Estland geblieben ist. Seine Bearbeitungen von Miles Kompositionen aus den verschiedenen Epochen – von Birth Of The Cool bis hin zu Stücken der „Bitches Brew“-Ära oder „Tutu“  beleuchteten eindrücklich Davis’ Wandelfähigkeit im Stil wie auch die Stilsicherheit seines estnischen Sextetts.

McCaslins und Anne Veskis furioses Finale

Zu den Highlights gehörten für mich definitiv Bill Frisells kammermusikalische Duette mit Bratscher Eyvind Kang, das wilde Kneebody Quartett aus den USA mit dem Schlagzeuger und Bassisten in Personalunion Nate Wood, die neuen Programme der beiden wichtigen Frauen im estnischen Jazz, Mingo Rajandis „Lady Sapiens“ und Kirke Karjas „Odüsseia“.

Einen rauschenden Abschluss des vorletzten Festivaltags liefert Saxophonist Donny McCaslin mit seiner Band. „Lullabye Of The Lost“ heisst sein neues Programm und das Quartett mit Jason Lindner (Keyboards), Rob Mullarkey (Bass) und vor allem Zach Danziger (Drums) jagte die Kompositionen in ungeahnte neue energetische Höhen.

Den perfekten Festival-Abschluss lieferte die Lexsoul Dance Machine. Schon alleine diese mitreissende Formation mit Groove, Witz und Soul wäre gelungener Abschluss (und Partyband zur Geburtstagsfeier der Telleskivi Creative City) gewesen, doch die Band holte sich zur Unterstützung die Schlagersängerin Anne Veski auf die Bühne. Das Publikum, im Schnitt kaum halb so alt wie die mittlerweile 70jährige Sängerin, ging steil und sang alle Hits aus den 80er Jahren mit und forderte vehement Zugaben.

Jazz kommt ins Wohnzimmer

Noch ein paar Worte zu den homeconcerts, die seit Jahren fester Bestandteil der Jazzkaar sind. Jeder aus Tallinn, der in seiner Wohnung ein bis drei Musiker und 20 Zuhörer unterbringen kann, kann sich um ein Hauskonzert bewerben. 2026 öffneten explizit MusikerInnen ihre Türen, nicht, um selber zu spielen, sondern andere im Wohnzimmer auftreten zu lassen. Marianne Leibur (Vocals) und Janno Trump (E-Bass) traten im Apartment eines klassischen Kontrabassisten auf, Marten Kuningas trat solo als Singer-Songwriter im Kalamaja-Stadtteil (den heissbegehrten und mittlerweile unbezahlbaren alten Fischerhäusern) auf, in der Wohnung einer Musikerin und eines Journalisten, bei deren Hochzeit er auch schon aufgetreten war.

Ganz besonders war das Konzert in der ganz neuen und supermodernen Wohnung der Sängerin Liisi Koikson, sie hatte das Vater-Tochter-Gespann Rahel und Marek Talts im Wohnzimmer. Rahel hatte die Ehre, das neue Klavier in einem hinreissenden Zwiegespräch mit ihrem Vater an der Gitarre einzuweihen.

Alle, die Musik in ihre Wohnungen lassen, kümmern sich rührend um ihre Zuhörer, es gibt Kaffee, Erdbeeren, Selbstgebackenes. Und einen riesigen Haufen von Schuhen vor der Türe, denn mit Schuhen in die Wohnung ist ein No Go in Estland.

Jazzkaar in Zahlen

Noch ein paar Zahlen zur Jazzkaar 2026:

  • 49 Konzerte im Hauptprogramm, darunter 3 Hauskonzerte, 5 Konzerte außerhalb von Tallinn und 12 Konzerte im Rahmen des „Tages der kostenlosen Konzerte“
  • 99 „Jazz in the City“-Konzerte mit mehr als 193 jungen Musikerinnen und Musikern. „Jazz in the City“ erreichte auch Rakvere und überschritt erstmals die Grenzen Estlands bis nach Helsinki
  • 15 Veranstaltungen am „Tag der kostenlosen Konzerte“, darunter 12 Konzerte, eine Schallplattenbörse, ein Listening Club und ein Pop-up-Chor
  • insgesamt mehr als 150 Musikveranstaltungen in ganz Estland
  • insgesamt mehr als 26.800 Konzertbesuche
  • 11.000 Besuche bei kostenpflichtigen Konzerten
  • mehr als 11.000 Besuche bei „Jazz in the City“
  • mehr als 2.600 Besuche am „Tag der kostenlosen Konzerte“
  • 389 Musikerinnen und Musiker aus 15 Ländern traten auf
  • 5 Sendungen und Aufzeichnungen von Klassikaraadio: Mingo Rajandis „Lady Sapiens“, das Antonio Lizana Quintet, Villu Veskis „Nordic Ballads“ feat. Katrina Petersen, das Joel Remmel Trio „15!“ feat. Hans Christian Aavik & Aleksandra Kremenetski sowie „Miles Davis 100“ des Jason Hunter Sextetts
  • 4 Albumveröffentlichungen: ITIRAs „New Chapter“, Johannes Laas’ „Passenger Seat“, Kadri Voorand im Duo mit Mihkel Mälgand „Songs to Hold You“ sowie Erki Pärnojas „Himmelbjerget 10“
  • 9 neue Programme und Projekte, die eigens für Jazzkaar konzipiert wurden: Das Naissoo Freeform Quintet mit einem U2-Tribute, Mingo Rajandis „Lady Sapiens“, Kadri Voorand & Mihkel Mälgand „Songs to Hold You“ feat. Puuluup, das Joel Remmel Trio „15!“ feat. Hans Christian Aavik & Aleksandra Kremenetski, Marten Kuningas & Miljardid „Anton Corbijn“, Kirke Karjas „Odyssey“ feat. Annabel Soode & Raw Fish, Familienkonzert: Sven Grünberg / Lotte, Naksitrallid und andere, Anne Veski & Lexsoul Dancemachine
  • 120 Freiwillige halfen bei der Organisation des Festivals
  • mehr als 40 internationale Delegierte nahmen teil, darunter ausländische Journalisten, Festivalveranstalter und Leiter von Jazzclubs
  • 13 ehrenamtliche Fotografen aus dem Medienteam von Jazzkaar machten fast 2.700 Fotos vom Festival
  • 14 ehrenamtliche Reporter aus dem Medienteam von Jazzkaar verfassten 52 Artikel und Interviews über das Festival, die auf der Website nachgelesen werden können
  • Jura-Kaffeemaschinen (einer der Sponsoren) bereiteten während des Festivals 1.709 verschiedene Getränke zu
    Und: ganz wichtig!
  • die Festival-Künstler und Teammitglieder verzehrten im Laufe der Woche hinter der Bühne 65 Kilogramm frisch gesalzene Gurken (unter allen Spezialitäten, die die estnische Küche zu bieten hat, ist dies ein absolutes Muss!)

Jazzkaar Internetseite

www.jazzkaar.ee

Text und Fotos: Angela Ballhorn

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