Rezension des Albums "Bashō" von Jochen Baldes
Jochen Baldes
Bashō
Erscheinungstermin: 23.10.2026
Label: Unit Records, 2026
Der Augenblick beginnt zu klingen
Ein Haiku braucht nur wenige Worte, um einen ganzen Raum zu öffnen. Es erklärt nicht, beschreibt nicht vollständig und führt seine Leser nicht zu einer vorgegebenen Empfindung. Es hält einen Augenblick fest – reduziert, konzentriert und offen.
Jazz kennt einen verwandten Gedanken. Auch improvisierte Musik lebt von dem, was nur in einem bestimmten Moment entstehen kann. Jochen Baldes macht diese Nähe auf Bashō zum Ausgangspunkt einer außergewöhnlichen musikalischen Auseinandersetzung.
Der schweizerisch-deutsche Saxofonist, Bassklarinettist und Komponist beschäftigte sich in den vergangenen Jahren intensiv mit japanischer Literatur, insbesondere mit Matsuo Bashō, dem großen Haiku-Dichter des 17. Jahrhunderts. Dessen Texte werden für Baldes nicht bloß literarische Vorlage. Vielmehr interessieren ihn ihre Verdichtung, ihre Klarheit und die Fähigkeit, mit minimalen Mitteln weitreichende Assoziationen entstehen zu lassen.
Daraus ergibt sich eine faszinierende kompositorische Herausforderung. Ein Haiku hält einen Moment fest. Musik dagegen existiert nur, indem sie sich in der Zeit bewegt. Baldes und seine Mitmusiker müssen also aus etwas scheinbar Statischem Bewegung entwickeln, aus Reduktion einen musikalischen Verlauf und aus Abstraktion einen Puls.
Das Ergebnis besitzt eine bemerkenswerte Eigenständigkeit.
Baldes trifft auf Christoph Irniger an Tenorsaxofon und Bassklarinette, Raphael Walser am Kontrabass und Lukas Mantel am Schlagzeug. Sonoe Katos Stimme erweitert den instrumentalen Raum um eine weitere Ausdrucksebene. Gemeinsam entwickeln sie eine Musik, in der intensive Klangpassagen neben feinsten Differenzierungen stehen.
Die Kompositionen lassen bewusst Luft. Einzelne Linien und Klänge müssen nicht sofort aufgelöst werden, sondern dürfen im Raum bleiben. Improvisationen nehmen Gedanken auf, verändern ihre Perspektive und führen sie weiter. Dabei entsteht keine Illustration japanischer Kultur, sondern eine eigenständige musikalische Antwort auf deren ästhetische Prinzipien.
Zwei Holzbläser mit teilweise identischem Instrumentarium ermöglichen besonders reizvolle Spiegelungen. Linien können sich verdoppeln, voneinander entfernen oder ineinander übergehen, während Bass und Schlagzeug Bewegung erzeugen, ohne die Transparenz der Musik zu zerstören.
Bashō besitzt dadurch beinahe etwas Erkenntnishaftes. Das Album zeigt nicht nur, wie Literatur in Musik übersetzt werden kann. Es stellt auch die Frage, wie wenig Material notwendig ist, damit musikalische Bedeutung entsteht.
Die Antwort bleibt bewusst offen. Wie ein Haiku. Ein kurzer Gedanke, ein Klang, ein Moment – und plötzlich öffnet sich dahinter eine ganze Welt.
(Jacek Brun, 24.10.2026)
Besetzung
Jochen Baldes – tenor saxophone & bass clarinet
Christoph Irniger – tenor saxophone & bass clarinet
Sonoe Kato – voice
Raphael Walser – double bass
Lukas Mantel – drums
Titelliste
- Aki No Kure Intro
- Aki No Kure
- Sakura Kana Intro
- Sakura Kana
- Kimi Hi O Take Intro
- Kimi Hi O Take
- Natsugoromo Intro
- Natsugoromo
- Shizukasa Intro
- Shizukasa
- Sazaregani Intro
- Sazaregani
- Mume Ga Ka Ni Intro
- Mume Ga Ka Ni
- Meigetsu Intro
- Meigetsu
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