Jochen Rueckert - Somewhere Meeting Nobody

Jochen Rueckert - Somewhere Meeting Nobody

Jochen Rückert
Somewhere Meeting Nobody

Erscheinungstermin: 21.4.2011
Label: Pirouet, 2011

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Die schönen Früchte der einsamen Stunden

Schlagzeuger Jochen Rueckert zog um, komponierte - und ließ mit Saxophonist Mark Turner, Bassist Matt Penman und Gitarrist Brad Shepik ein zauberhaftes Album entstehen: Somewhere Meeting Nobody

Somewhere Meeting Nobody. Ein Titel mit Aura. Einer, der viel sagt über den leisen Humor seines Erfinders. Dieser Erfinder ist der Schlagzeuger Jochen Rueckert. Und das Wort "leise" trifft nicht nur auf seinen Humor zu, sondern auch auf sein Spiel. Jochen Rueckert ist ein außerordentlich feiner Schlagzeuger. Ein Drummer, der äußerst präsent, aber nie lautstark ist. Einer, der das musikalische Geschehen prägt, es ganz sicher in der Hand hat. Und nie dominant wirkt, auch wenn er es ist. Das sind nicht nur optimale Eigenschaften für einen Schlagzeuger, sondern auch für einen Bandleader. Und hier nun erlebt man Jochen Rueckert auch in dieser Rolle: als Chef eines New Yorker Quartetts mit herausragenden Musikern der jüngeren Szene. Das Ergebnis: Die hohe Kunst, alles zu regeln, ohne sich selber hoch zu pegeln. Musik voller spannender Kommunikation, voller vibrierend lebendiger Interaktion - mit einem fiebrig vitalen Puls, der einem beim ganz genauen Hinhören immer wieder den Atem raubt.

Jochen Rueckert stammt aus Köln, zog 1998 nach Brooklyn und lebt jetzt in Manhattan. In New York fand er die Mitstreiter für dieses Quartett: den enorm kraftvollen und dabei ungemein feinen Tenorsaxophonisten Mark Turner, den für einen außergewöhnlich warmen Klang bekannten Gitarristen Brad Shepik und den hochsensiblen Bassisten Matt Penman, Sideman vieler aktueller Jazzstars seit den neunziger Jahren. Erst seit kurzer Zeit besteht das Quartett in ebendieser Besetzung. Aber die Keimzelle dafür gibt es seit langem. Mit dem gebürtigen Neuseeländer Matt Penman spielt Jochen Rueckert seit fünfzehn Jahren immer wieder zusammen, wohnte auch drei Jahre lang mit ihm in derselben Wohnung in Brooklyn - und schätzt ihn für "seinen traditionellen Beat und Sound, der auch durchkommt, wenn man etwas Moderneres spielt". Nach Brad Shepik hat Rueckert lange gesucht - und gerade den ganz eigenen Sound des Gitarristen hebt er hervor: "Das ist selten in der Post-Kurt-Rosenwinkel-Generation". Über Mark Turner schwärmt Rueckert einfach nur: Für ihn sei er "der beste", und er bewundert, wie Turner auch nach einem schweren Unfall, bei dem er sich mit einer Säge zwei Finger abgetrennt hatte, zur ursprünglichen Virtuosität zurückfand.

Ein Quartett aus herausragenden jungen Musikern. Rueckert, Jahrgang 1975, ist der jüngste, Penman ist 1974 geboren, Shepik 1966, Turner 1965. Alles Jazz-Stimmen, die etwas zu sagen haben. Und die es hier vorwiegend in Kompositionen des Bandleaders tun. Diese Aufnahmen sind Frucht einer Initialzündung. Denn erst Pirouet- Programmchef Jason Seizer regte Jochen Rueckert an, sich ausgiebig dem Komponieren von Jazzstücken zu widmen. "Ich schreibe sonst nur so verquere Electro-Sachen (als Wolff Parkinson White)", lässt Rueckert wissen - und er habe nicht noch einmal eine CD nur mit Standards heraus- bringen wollen wie sein Debütalbum als Leader, Introduction von 1998. Nun also: eigene Stücke. Musik, mit der Rueckert seine Identität ausdrückt. Und mit der er sich trotzdem vor anderen verbeugt.

Sanft fließt Autobiographisches mit ein. Bridge and Front bezieht sich auf Jochen Rueckerts frühere Wohnadresse - in einem Apartment an der Ecke von Front Street und Bridge Street in Brooklyn. Es war die erste Komposition für diese CD, an der er arbeitete. Auch das Stück, das der ganzen Platte den Titel gab, hat mit dem Wohnen zu tun - wie Rueckert in einem herrlich inspirierten Text zu dieser Veröffentlichung schildert. Hintergrund ist ein Umzug. Von Brooklyn, wo Jochen Rueckert zehn Jahre lebte, nach Manhattan verpflanzt, fand er sich beim Komponieren am Klavier "irgendwo" wieder, während er "niemanden traf": Somewhere Meeting Nobody. Seine Werkstattnotizen sind aufschlussreich: besonders auch zur Entstehung des Stücks Delete Forever, das nur ein Duo von Bass und Schlagzeug ist: Der Grund liege darin, schildert Rueckert, dass Matt Penman einfach alles vom Blatt spielen könne, was man ihm vorlege: Kaum geschrieben, spielt er es schon. Jochen Rueckert wollte für ihn ein extra kompliziertes Stück schreiben - was er dann auch tat. Und es wurde ein Duo, weil Rueckert die anderen beiden Musiker nicht mit dem Stück behelligen wollte.

An den Stücktiteln spürt man sofort: Jochen Rueckert hat einen besonderen Sinn für Sprachklang, fürs Lakonisch- Poetische. Genau das findet man auch in den Tönen wieder. Hintersinniger Witz scheint immer durch, in kurzen, treffenden Phrasen. Höchst geistvolle Musik - aber eine, die sich dabei nicht bauchpinselt. Das Lakonische teilt sich auf dieser CD sofort mit - etwa, um nur einige Beispiele zu nennen, in den augenzwinkernden, wie dahingepfiffenen Melodiephrasen des Stücks The Itch, oder auch in den dissonanten Schönheiten der Harmonien gleich am Anfang von Buttons. Bei Dan Smith Will Teach You Guitar fasziniert der Titel umso mehr, wenn man weiß, was dahinter steckt. Der Titel geht auf eine Plakatkampagne in New York zurück, die erstaunlich viel Aufmerksamkeit erregte und sogar Parodien provozierte. Es war die Kampagne eines offenbar vorher unbekannten Musikers, der selbst mit E-Gitarre und dem Spruch Dan Smith Will Teach You Guitar zu sehen war - auf Blättern, die in ganz New York verteilt wurden. Da es viele Dan Smiths gibt, von Buchautoren und Sportskanonen bis hin zu einem bekannten britischen Rock-Gitarristen, hat dieser Stücktitel einen zusätzlichen Reiz.

Jochen Rueckert liebt das Schillernde, die Anspielung. Als großen Einfluss für die Musik dieser CD nennt er diejenige des Kurt Rosenwinkel Quartetts, der er im New Yorker Club Smalls in den Neunzigern viele Male gelauscht habe. Das Schlussstück der CD ist kein eigenes, sondern eine Komposition von Herbie Hancock, The Sorcerer. "Generell ist die Musik aus der Zeit des zweiten Miles Davis Quintetts und ihrer einzelnen Mitglieder mit Abstand meine Lieblings- Jazzmusik", sagt Jochen Rueckert - das Arrangement des Stücks aber, "mit einem Grundrhythmus, der in 7/4 oder 9/8 gefühlt/gespielt wird", sei ein Wink an seinen Schlagzeug- Kollegen Ari Hoenig, "der viele Arrangements in dieser Art macht". Besonders spannend ist die zweite musikalische Anleihe auf dieser CD: Es ist To Have and to Hold, im Original ein Stück der englischen Synthie-Pop- Gruppe Depeche Mode, das Jochen Rueckert aber mehr in der brachial-düsteren Version der kalifornischen Band Deftones mit ihren schwer bretternden Gitarren schätzt. Eine Hymne von immenser Kraft macht Rueckerts Quartett daraus, eine Aufnahme, die eine enorme Intensität gewinnt, sich dramatisch steigert und eine Magie entwickelt wie sonst nur Interpretationen so bitterer Jazz-Balladen wie Billie Holidays Strange Fruit.

Das alles formt und fügt sich durch einen Gruppensound von packender Präsenz. Mark Turner bläst markante Leuchtspuren, die in großer Farbenvielfalt oszillieren. Brad Shepik verblüfft ein ums andere Mal, welche Weichheit und zugleich Konturenschärfe er seiner alten Gretsch-Gitarre entlockt, die immer wieder ganz nah an einem akustischen Gitarrenklang ist. Matt Penman glänzt in einer Bewegt- und Gewandtheit, mit der der Bass als höchst graziler Riese erscheint; die Dichte seines Zusammenwirkens mit dem Schlagzeug ist Stück für Stück traumhaft. Und der Leader: außerordentlich feingliedrig, bewegt, vielschichtig, ein Zentrum, bei dem alle Klänge magnetisch zusammenzufließen scheinen - und dennoch ein Musiker, der sich nobel im Hintergrund hält. Große Bandleader-Drummer, wie Paul Motian über fünf Jahrzehnte hinweg oder auch der Jack DeJohnette der siebziger und achtziger Jahre, waren in vorbildlichen Fällen stets Musiker mit besonders geschärftem Sinn für Instrumental-Farben. Und zwar gerade jener Instrumente, die nicht zu den Schlag-Instrumenten gehören. Der Sound, das Gesamt-Klangbild, die Überlagerung und Mischung der Klangfarben: Das alles fällt auf bei dieser CD. Feinster Pinselstrich und sehr bewusst ausgewählte Palette. Jochen Rueckerts Quartett ist eine Gruppe besonders klangbewusster Musiker mit ganz starkem individuellen Profil. Deshalb klingt diese Musik so. Ein Strom kraftvoller Farben, die sich hoch sensibel mischen, nimmt den Hörer von den ersten Takten an gefangen. Man kann sie "irgendwo" hören, während man "niemanden trifft", und es kann gut sein, dass man sich dabei wie im siebenten Himmel aktueller Jazztöne fühlt.

Besetzung:
Mark Turner, tenor saxophone
Brad Shepik, guitar
Matt Penman, bass
Jochen Rueckert, drums

  1. The itch
  2. Buttons
  3. Dan Smith will teach you guitar
  4. Bridge and front
  5. Delete forever
  6. Pitot
  7. Somewhere meeting nobody
  8. Vodka coke
  9. To have and to hold
  10. Way
  11. The sorcerer

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