Johanna Borchert - Amniotic

Johanna Borchert - Amniotic

Johanna Borchert
Amniotic

Erscheinungstermin: 29.04.2022
Label: Enja, 2021

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Johanna Borchert - Vocals, Klaviere, Songwriting
Mika Forsling - Electronic Processing
Peter Bruun - Schlagzeug
Simon Toldam - Analog- & Bass-Synthesizer

Vor rund sieben Jahren zeigten sich nicht nur Jazz- und Pop-Magazine tief beeindruckt von Johanna Borcherts erstem Song-Album FM Biography. BR5 erklärte es zum „Meisterwerk der leisen Töne“, das Hamburger Abendblatt nannte die Platte „epochal“ und die Süddeutsche Zeitung hörte „einen neuen Klangkosmos voller harmonisch ausgependelter Gegensätze.“

Borcherts folgendes Album Love or Emptiness überraschte durch seine hybride Gestalt aus Jazz-Anteilen und prägnanter Produktionsästhetik von Olaf Opal. Ihr neues, am 29.04.2022 bei enja & yellowbird erschienendes Werk Amniotic destilliert nun die Essenz aus FM Biography und dem 2012 noch rein instrumental eingespielten Orchestre Ideal. Konsequent stehen Borcherts ebenso variabler wie eindringlicher Gesang und ihr raffiniertes, tief in Jazz und Klassik wurzelndes Spiel auf dem Flügel im Zentrum, umrankt von nuancierten bis kraftvollen elektronischen Sounds. „Improvisation am Klavier ist von jeher meine große Leidenschaft“, konstatiert Borchert, „das Schreiben von Songs kam dann später dazu, weil ich immer mehr auch meine Stimme eingesetzt habe.“

Amniotic ist ihr erstes Konzeptalbum mit durchgehendem Thema. Die Idee dazu trug Johanna Borchert geraume Zeit mit sich herum. Im Juni 2016 spielte sie hochschwanger ein Konzert in Kopenhagen, unter den begeisterten Zuschauer*innen war der New Yorker Rock-Poet und Produzent Neill Cardinal Furio. „Er kam danach auf mich zu und sagte, dass er unbedingt ein Album mit mir machen wolle: neun Songs über neun Monate im Bauch der Mutter. Ich fand die Idee spannend, allerdings passte sie damals nicht in meinen Zeitplan.“ Dennoch ließ sie die Idee nicht mehr los, erzählt die Musikerin. „Wie von allein sind Gedanken zum Thema aus dem kreativen Unterbewusstsein aufgetaucht und Songtexte gesprudelt.“ 2021, fünf Jahre nach der ersten Unterhaltung mit Furio und erneut schwanger mit ihrem zweiten Kind, stellte Borchert das Album Amniotic („Fruchtwasser“) schließlich fertig – ko-produziert von Neill Cardinal Furio.

Heraus kam eine Sammlung intensiver Songs und atmosphärischer Improvisationen, die klangvoll um das Geheimnis des Lebens vor, während und unmittelbar nach der Geburt kreisen. „Beim Spielen habe ich unter anderem diese biologischen Bilder im Kopf“, erklärt Borchert. Texturen und Bewegung ihrer Improvisationen repräsentierten die molekularen Vorgänge im Körper, während die Songs das Universum philosophischer Betrachtungen intuitiv berühren, so die Autorin und Musikerin.

„Die Songs sind inspiriert vom Meeresrhythmus, von der Kraft des Mondes, der Ebbe und Flut auslöst, und vom wiederkehrenden Auf und Ab der Wellen, das sich auf viele Aspekte des Lebens übertragen lässt. Und natürlich auch von der lebensspendenden Kraft, die sich im menschlichen Urknall äußert“, erklärt Johanna Borchert, die ihre Kindheit und Jugend in Bremen verbrachte. „Wasser war stets einer meiner liebsten Aufenthaltsorte und Wattwanderungen durch die kleinen Sandhäufchen der Würmer haben mich schon als Fünfjährige fasziniert. Alles Leben ist aus dem Ozean hervorgegangen, jeder von uns kommt aus dem Wasser des Mutterschoßes.“

Neben universellen Gedanken haben auch konkrete Erlebnisse aus jüngerer Zeit Borcherts Poesie inspiriert. „Bei Zugreisen mit meinem ersten Baby begegnete ich mehreren Müttern mit ihren Säuglingen. Ein Blick in die Augen genügt und man fühlt sich verbunden wie mit niemandem sonst. Unter diesen Müttern waren auch Geflohene. Die grundverschiedenen Voraussetzungen für einen Lebensstart unserer Babys ließen mich nicht los. Fragen, die einem als Jugendliche vielleicht zum ersten Mal begegnen, kamen wieder auf: gibt es Gerechtigkeit und einen Sinn für die unterschiedlich schwierigen Bedingungen, in die wir hineingeboren werden?“

Alle Kompositionen auf Amniotic sind von enormer Tiefe. Oft kontemplative, manchmal auch schnelle Tempi sowie nuancierte bis dynamisch anschwellende Arrangements vermitteln überwiegend nachdenkliche Stimmungen. In Stücken wie „The Mirror“ und „Faster Than Light“ mit seinem opulenten Finale spinnt Borchert weite dramaturgische Bögen. Ihre traumweltartige, oft bewusst unkonkrete Formen annehmende Poesie wird von einer vielschichtigen Harmonik getragen. Zudem wohnt manchen Melodien, beispielsweise bei „Environed In Oblivion“, eine subtile Zuversicht inne. Abstrakte Klänge des präparierten Flügels, Arpeggien und vielschichtige Synthi-Töne verdichten die Intensität ebenso wie gelegentlich einsetzende Schlagzeugrhythmen. Über allem schwebt Borcherts charakteristische Stimme, deren Spektrum von rhythmischem Flüstersprechtext („Amniotic Nectar“) über verheißungsvoll dunkle Passagen bis in strahlende, aber nie ostentativ expressive Register reicht.

Amniotic spielte Borchert in Kopenhagen mit ihren dortigen Lieblingsmusikern ein. „Natürlich beeinflussen die Musiker, mit denen ich arbeite, den Gesamtsound.“ Den Schlagzeuger Peter Bruun (Django Bates u.a.) kennt und schätzt sie aus früheren Produktionen mit ihrer Formation Little Red Big Bang, sie wohnten sogar eine Weile in derselben WG. „Peter schlug dann Simon Toldam vor, der zur selben Zeit am Rytmisk Konservatorium studierte wie ich. Beide arbeiten häufig zusammen und sind perfekt aufeinander eingespielt.“ Mika Forsling, studierter Jazz-Gitarrist, erfahrener Theaterkomponist und Soundtüftler, komplettiert die neue Besetzung. „Ich hatte ihn in seinem Studio besucht und war sofort fasziniert von seiner Sammlung an Instrumenten und Maschinchen“, erzählt Borchert. Alle Songs der Platte wurden gemeinsam live im Studio aufgenommen, nur ganz wenige Overdubs im Nachhinein punktuell hinzugefügt.

Seit gut drei Jahren wohnt Johanna Borchert der Liebe wegen in Kopenhagen, wo sie einst studierte und zusammen mit Lucia Cadotsch die Band Schneeweiss & Rosenrot gründete. In der Zeit zwischen ihren jüngsten eigenen Alben war Borchert bei zwei großen Theaterproduktionen unter der Regie von Alia Luca engagiert. In Lucas Inszenierung von Ödipus & Antigone nahmen Borcherts Solo-Improvisationen am Flügel rund zweieinhalb Stunden lang eine tragende Rolle ein. Ferner gründete sie mit verschiedenen Musikern neue Projekte. Darunter M¢ntvaskmusik mit Qarin Wikström (Improvisationen mit Gesang, Keyboards und Electronics, gespielt in Waschsalons), ein Song/Improv-Duo mit Bassist Miles Perkin sowie eine Kooperation mit dem Drummer Anders Vestergaard (akustische, von afrikanischen Rhythmen inspirierte Gamelan-Trance-Improvisation).

Mit Amniotic meldet sich Johanna Borchert als Songpoetin, Sängerin und Pianistin zurück. Das kraftvolle Album positioniert sich mit detailscharfem Gestaltungswillen zwischen den Stilen und zeigt ein klares, sofort identifizierbares Profil.

Text: enja

jazz-fun.de meint:
Johanna Borchert hat uns lange auf ihr nächstes Album warten lassen, aber das Warten hat sich gelohnt. Wir bekommen gut durchdachte, anspruchsvolle Musik sowohl auf der musikalischen als auch auf der lyrischen Ebene. Für mich ist es ein weiterer Meilenstein im Schaffen dieser außergewöhnlichen Sängerin, Pianistin und Komponistin, die es verdient, als Meisterwerk bezeichnet zu werden.

  1. Oh boy
  2. Out of the dark
  3. Corona radiata
  4. The mirror
  5. Little universe
  6. Perivitelline space
  7. Amniotic nectar
  8. Environed in oblivion
  9. Faster than light
  10. Conductivity
  11. Zona pellucida
  12. May these stars

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