Jonas Timm - Narcis

Jonas Timm - Narcis
Jonas Timm - Narcis

Jonas Timm
Narcis

Erscheinungstermin: 22.03.2024
Label: Double Moon, 2023

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jazz-fun`s recap:

Auf dem neuen Album des talentierten Künstlers wird der ursprüngliche Sound seiner Band durch die Posaune ergänzt. Die Musiker spielen die Kompositionen des Leaders mit einer Leichtigkeit, die positive Energie und künstlerische Reife ausstrahlt. Diego Piñeras Percussion-Groove lässt allen Instrumentalisten viel Raum zur Entfaltung. Jonas Timm schenkt uns wieder einmal ein Werk, an dem man nicht vorbeikommt. Wir sind begeistert!

Jonas Timm - piano
Johannes Lauer - trombone, small percussion
Bertram Burkert - acoustic guitar
Tino Derado - accordion
Lorenz Heigenhuber - double bass
Robby Geerken - congas
Diego Piñera - drums

Man stelle sich eine Ausstellung mit großformatigen Fotos vor, die ein und derselbe Fotograf aus der ganzen Welt zusammengetragen hat. Die einen sind scharf, die anderen unscharf, die einen grobkörnig, die anderen fein ziseliert, Buntes steht neben Zurückhaltendem in Farbe und dezentem in Schwarz-Weiß, Landschaften wechseln sich mit Porträts ab. Gemeinsam ist ihnen die Ehrlichkeit des Blicks und die Emotionalität des Ausdrucks. Wie diese imaginäre Fotoausstellung funktioniert auch das neue Album Narcis" von Jonas Timm.

Der Leipziger Pianist und Komponist Jonas Timm und seine siebenköpfige Band packen den Hörer nicht nur mit allen Sinnen, sondern holen ihn auch in der Vielfalt seiner Emotionen ab. Was wie ein akustischer Film Noir beginnt, gewinnt im Verlauf des Albums an Heiterkeit, um immer weitere Gefühlszustände zu durchlaufen, ohne je vorhersehbar zu werden. Vieles erinnert an lateinamerikanische Tänze, französische Chansons, Soundtracks alter Filme und manchmal auch an Jazz. Doch wohin Timm mit seiner Band auch geht, seine Handschrift als Komponist und Bandleader bleibt immer erhalten. Wie ein Regisseur inszeniert er seine Charaktere, um aus jedem ein Maximum an Ausdruck und gruppendynamischer Individualität herauszuholen. Doch ebenso souverän wie mit den Stimmen seiner Mitspieler spielt er mit den Erwartungen und Erinnerungen seiner Zuhörer.

Jonas Timm vermeidet es bewusst, sich auf ein bestimmtes Idiom oder eine durchgehende Stimmung festzulegen. Es entspricht seiner persönlichen Veranlagung, dass Stimmungen und Emotionen sehr sprunghaft nach links und rechts, nach oben und unten ausschlagen können. Da ihm in seiner Musik nichts wichtiger ist als die Aufrichtigkeit, sieht er keinen Grund, sich dieser Gefühlsvielfalt zu verschließen. „Wenn mir eine solche Palette an Nuancen zur Verfügung steht, warum sollte ich sie nicht ausnutzen“, bekennt er freimütig. „Zumal wir zu siebt sind. Da gibt es so viel Potenzial für winzige Nuancen, aber auch für größere Sprünge. Wenn ich schon so eine große Band habe, dann will ich auch alles aus ihr herausholen.

Mit Posaunist Johannes Lauer, Gitarrist Bertram Burkert, Akkordeonist Tino Derado, Bassist Lorenz Heigenhuber, Schlagzeuger Diego Pinera und Perkussionist Robby Geerken hat Timm ein Kollektiv handverlesener Individualisten um sich geschart. Jeder von ihnen bringt bereits einen großen persönlichen Erfahrungsschatz aus den unterschiedlichsten musikalischen Kontexten mit. Und doch stellen sie sich ausnahmslos in den Dienst von Timms Kompositionen. Das heißt nicht, dass sie stur nachspielen, was Timm ihnen vorgibt, sondern sie alle bereichern den Gesamtzusammenhang als aktive Gestalter mit ihrem unverwechselbaren persönlichen Vokabular.  Johannes Lauer bleibt Johannes Lauer, Bertram Burkert bleibt Bertram Burkert, und das gilt auch für alle anderen Beteiligten.

Mit dieser Besetzung gelingt es Jonas Timm, ein weiteres Grundbedürfnis auszudrücken. Wenn man seine Musik hört, ist es nicht verwunderlich, dass er sich selbst als harmoniebedürftig bezeichnet. So gelingt es ihm, mit seinen Musikern nicht nur für das gesamte Album ein perfektes Ganzes zu schmieden, sondern mit jedem Song ein neues und völlig anderes perfektes Ganzes zu formulieren, ganz im Sinne der oben erwähnten imaginären Fotoausstellung. Die Bilder entfalten ihre Wirkung unabhängig voneinander und bilden doch ein einheitliches Beziehungsgeflecht. Jeder Song ist ein Juwel, das nur genau so funktioniert, wie es auf „Narcis“ zu hören ist. Gerade durch ihre unterschiedlichen Hintergründe, die von freier Improvisation und Kammerjazz über verschiedene musikalische Ethnien bis hin zu Orchesterformationen reichen, können die sieben Musiker in jedem Stück den Fokus wechseln und je nach Bedarf eine andere Richtung einschlagen. Das kompositorische Gerüst wird erst durch den spontanen Input der gesamten Band vervollständigt.

Die Musik auf „Narcis“ ist von einer berührenden Lebendigkeit, nicht weil sie nie zur Ruhe kommt, sondern weil sie aus dem Leben mit all seinen Facetten schöpft. Das Individuelle und das Kollektive, das voll ausformulierte und das zaghaft angedeutete, die demütige Zurückhaltung und der grenzenlose Überschwang - all diese Kontrastpaare, die Jonas Timm in seiner Musik hörbar macht, zeugen von einer sensiblen Beobachtungsgabe und einer schonungslosen Selbstreflexion. Indem er offen erzählt, was ihn bewegt, geht der Leipziger Tastenpoet volles Risiko und legt große Kontaktflächen frei.

Wenn ein Künstler mit beiden Händen ins Leben greift, ohne etwas auszulassen, dann ist die größtmögliche künstlerische Freiheit erreicht. Jonas Timm, das zeigt sein neues Album eindrucksvoll, ist ein solcher Jazz-Lebenskünstler und Jazz-Lebenskünstler.

Text: Double Moon

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