Rezension des Albums "Kanal" von Kancha Lanka Koalition
Kancha Lanka Koalition
Kanal
Erscheinungstermin: 04.09.2026
Label: XJazz Music, 2026
Mitten im Strom
Eine Fahrradtour durch Kreuzberg von Ost nach West. Häuser, Menschen, Straßen und Geräusche ziehen vorbei, Gedanken tauchen auf und verschwinden wieder. Irgendwo dazwischen vielleicht Monk, Messiaen, James Brown oder ein südindischer Rhythmus. Aus diesem imaginären Bewegungsfluss entwickelte die Berliner Kancha-Lanka-Koalition die Idee für ihr zweites Album Kanal.
Der Titel verweist zunächst auf den Landwehrkanal, jene blaue Ader, die sich durch Kreuzberg zieht und die gedachte Route der Fahrt kreuzt. Doch „Kanal” besitzt noch eine zweite Bedeutung: Musik als Ventil für Emotionen und kreative Energie. Interessanterweise entsteht diese Freiheit für das Quartett gerade durch Strukturen und Begrenzungen. Sie geben den Rahmen vor, innerhalb dessen sich die Musik entfalten kann.
Und sie öffnet sich weit. Richard Koch (Trompete), Julian Datta (Gitarre), Rafael Espinoza (Bass) und Javier Reyes (Schlagzeug) verbinden unterschiedlichste Einflüsse, ohne daraus eine demonstrative Stilcollage zu machen. Verschachtelte Grooves treffen auf kantige oder fließende Melodien, komponierte Passagen gehen in Improvisationen über und rhythmische Muster werden aufgenommen, verändert und weitergereicht.
Dabei entwickelt die Musik einen enormen Sog. Bass und Schlagzeug schaffen immer wieder rhythmische Figuren, in denen man sich beinahe verlieren kann. Darüber bewegen sich Trompete und Gitarre mit großer Freiheit. Ihre Improvisationen unterbrechen den Groove nicht, sondern wachsen aus ihm heraus, verändern seine Farbe und führen zusätzliche Energie in das Ensemble zurück.
Dieses Verhältnis zwischen Wiederholung und Veränderung macht die Musik so spannend. Man kann sich von ihrem Puls tragen lassen und beinahe in einen tänzerischen Trancezustand geraten, während gleichzeitig innerhalb dieser Bewegung permanent etwas Neues passiert.
Dass „Kancha Lanka“ auf Bengalisch „grüne Chili“ bedeutet, passt dabei erstaunlich gut. Diese Musik ist durchaus scharf. Sie entsteht jedoch nicht durch Lautstärke oder demonstrative Virtuosität, sondern durch rhythmische Spannung, überraschende Wendungen und die Lust, unterschiedliche musikalische Erfahrungen miteinander reagieren zu lassen.
„Kanal“ ist ein Album voller Bewegung und frischer Ideen. Frei, aber nicht formlos. Komplex, aber unmittelbar.
Wie bei einer guten Fahrt durch die Stadt weiß man ungefähr, wohin man möchte. Das Spannende ist, was einem unterwegs begegnet.
(Jacek Brun, 10.09.2026)
Besetzung
Richard Koch - Trompete
Julian Datta - Gitarre
Rafael Espinoza - Bass
Javier Reyes - Schlagzeug
Titelliste
- Schlesisches Tor
- Hochbahn
- Kanal
- Urbanstrasse
- Mehringdamm
- Gleisdreieck
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