Kathrin Pechlof - Imaginarium

Kathrin Pechlof - Imaginarium

Kathrin Pechlof
Imaginarium

Erscheinungstermin: 13.09.2013
Label: Pirouet, 2013

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Kathrin Pechlof, harp
Christian Weidner, alto saxophone
Robert Landfermann, bass

Imaginarium: Die Harfenistin Kathrin Pechlof schafft mit Saxophonist Christian Weidner, Kontrabassist Robert Landfermann Klangraum für die Phantasie – in Stücken von ganz eigener, starker Aura. Und mit Harfenklängen weitab von herkömmlichen Vorstellungen davon.

In den seltensten Fällen kann man von einer Musik sagen, man habe etwas Vergleichbares noch nie gehört. Im Falle der vorliegenden Aufnahme aber trifft dieser Satz sehr wahrscheinlich für viele Hörer zu. Diese Musik hat eine völlig eigene Schönheit. Sie zu entdecken: ein spannendes, leises Abenteuer. Und das liegt schon an der Instrumenten- Besetzung. Harfe, Altsaxophon und Bass: völlig unalltäglich. Aber sie stellt sich hier als völlig organisch heraus. Und führt zu einer Musik, die mit leisen, sparsamen Tönen Räume erschließt – so, als dringe Licht durch eine langsam sich öffnende Tür ein und leuchte nach und nach immer mehr in einem Raum aus. Es sind klare, in jedem Detail bewusst gestaltete Räume, die sich in jedem neu eingenommenen Blickwinkel fein verändern. Solche Abenteuer bietet die Musik dieses Trios um Harfenistin Kathrin Pechlof. Eines gleich vorweg: Harfenmusik mit perlenden Läufen und betörend süßen Arpeggien ist hier nicht zu hören. Man kann die Harfe hier ganz neu erfahren. Und dies, gerade weil das Instrument der Bandleaderin hier nicht die Hauptrolle spielen will, sondern mit den anderen beiden eine Einheit bildet. Saxophonist Christian Weidner und Bassist Robert Landfermann sind die musikalischen Partner der Harfenistin in Imaginarium, dieser ersten Pirouet-CD Kathrin Pechlofs. Und schon der Titel verrät: Die Räume, um die es hier geht, öffnen sich besonders der Imagination: der Phantasie der Zuhörer.

Kathrin Pechlof wurde in München geboren und studierte Harfe, ebenfalls in München, am Richard-Strauss-Konservatorium, sowie später Jazzkomposition in Köln. Nach ihrem Harfenstudium gab sie Konzerte als Solistin, spielte in renommierten Kammermusikensembles und Orchestern. Daneben wandte sie sich allmählich dem Jazz zu, in avantgardistischen Ensembles wie dem Wanja Slavin Sextett und dem Cosmic Groove Orchestra, mittlerweile auch mit international so erfolgreichen Gruppen wie dem Andromeda Mega Express Orchestra. Es ist also ein völlig logischer Schritt, dass die Musikerin jetzt mit einem eigenen Ensemble in Erscheinung tritt, das eine zeitgenössische Jazz- Kammermusik mit vielen improvisatorischen Freiräumen spielt.

Die beiden Partner sind dafür ideal. Saxophonist Christian Weidner hat sich in den letzten Jahren etwa mit den Pirouet-CDs The Inward Song und Dream Boogie als Autor und Interpret einer Musik voller tiefgründiger Schönheiten profiliert. Bassist Robert Landfermann gehört zurzeit zu den gefragtesten Jazzbassisten in Deutschland, bei Pirouet unter anderem in verschiedenen Aufnahmen des Pianisten Pablo Held (zuletzt Trio live) zu hören – in denen Landfermann sich als ungemein flexibler Improvisator erwiesen hat, der sich mit hoher Souveränität auf neue Klänge und unterschiedliche Improvisations-Herausforderungen einstellt. Diese beiden Musiker haben zum einen den weiten Horizont, den die hier zu hörende Musik verlangt, und zum anderen das Ohr für die ganz zarten Zwischentöne.

Damit entsteht eine Musik, in der, Kathrin Pechlof, ein Aspekt sehr wichtig ist: „In fast allen Improvisationen agiert das Trio wie ein Metainstrument, es gibt selten einen expliziten Solisten, es ist tatsächlich eine Art ‚Einswerden‘. Das erfordert Vertrauen und Selbstverständnis und die Bereitschaft, ganz dem Verlauf der Musik zu folgen. Zusammen mit so wunderbaren Musikern wie Christian und Robert geht das auf sehr einfache und schöne Weise, völlig offen und hingegeben.“

Und das spürt man. Oder besser: Man hört es in jedem Moment. Der Anteil der Improvisation ist in den Stücken – Kompositionen von Kathrin Pechlof und/oder Christian Weidner und die Adaption eines Lieds von Claude Debussy – allerdings unterschiedlich groß. Die beiden Extreme sind das Stück Teetotum, bei dem nur wenige Takte notiert sind – eine Zeile, die sich immer im Kreis dreht –, und Les cloches, ein Lied für Singstimme und Klavier von Debussy, das hier auf die drei Instrumente übertragen wird und dessen Vorbild ausnotiert ist. Doch notierte Elemente und Improvisation verschmelzen in diesen Stücken so selbstverständlich miteinander, dass beim Hören die Frage danach egal wird. Spannend allerdings ist die atmosphärische Kraft, die die Klänge entfalten. Und die Umsetzung von Inhalten.

Bei den Stücken dieser CD sind die Titel, die sie tragen, keine Zufallsprodukte, sondern haben ganz eng mit dem zu tun, was die Stücke transportieren sollen – also mit der musikalischen Idee dahinter. Bei Teetotum, in dem eine kurze Melodie in der Mitte des musikalsichen Geschehens kreiselt, erklärt sich das besonders einfach: Ein Teetotum ist ein Glücksspiel-Kreisel, der, wenn er fällt, entweder „Nimm!“ oder „Gib!“ zeigt. Die Spieler folgen dem Ergebnis, sie nehmen und geben. Les cloches (Die Glocken) erklingt in diesem Trio viel langsamer als in vielen klassischen Interpretationen des Kunstlieds: Töne wie in Zeitlupe. Das passt sehr zu dem Gedicht, auf dem das Lied basiert. Dort ist, so Kathrin Pechlof, „der Klang der Glocken ein Ruf nach Besinnung, Innehalten und Erinnern“: Genau das setzt ihre faszinierende Interpretation um.

Das Titelstück Imaginarium bezieht sich auf „die Vorstellung eines wundersamen Kabinetts, angefüllt mit einer Vielzahl von Bildern, Gefühlen und Assoziationen“ und soll sein wie „eine traumartige Erinnerung an das Wesentliche“. Kyrie ist ein besonders raffiniertes Stück: Der gemeinsamen Komposition von Pechlof und Weidner liegt ein Kyrie aus einer gregorianischen Messe und ein Organum aus dem 11. Jahrhundert zu Grunde. Aus der einstimmigen gregorianischen Melodie wird allmählich freitonale Vielstimmigkeit – und die mündet am Ende wieder im Gestus des Anfangs. „Fernen, wie sie vielleicht nur Vögel kennen“ ist nach einer Textstelle aus einem Gedicht Rainer Maria Rilkes benannt: Abend in Skâne, ein Gedicht, das eine Abendstimmung beschreibt, in deren letzten Zeilen es heißt: „und plötzlich da: ein Tor in solche Fernen, wie sie vielleicht nur Vögel kennen“. Diese Zeilen fassen einen plötzlichen Moment des Erkennens in Worte – und der wiederum beschreibt für Kathrin Pechlof, „was improvisierte Musik für mich im Idealfall ist“. Beim Spielen und beim Hören gebe es den „Moment der Erkenntnis, in dem alles einen Sinn ergibt“. Um solche Momente ringe man immer wieder aufs neue – und der sei dann plötzlich da.

Das Stück Gestalten schließt direkt an Fernen … an. Beide bauen auf einem Modus des französischen Komponisten Olivier Messiaen (1908–1992) auf, und zwar auf dem dritten, der durch übermäßige Dreiklänge charakterisiert ist und etwas Schwebendes hat. In diesem Stück, so Kathrin Pechlof, fließen „Improvisation und Komposition ineinander, lösen sich ab, überlagern sich“ und bilden Gestalten, die, wie es in Rilkes Abend in Skâne heißt, „in sich bewegt und von sich selbst gehalten“ sind. Auch dies eine komplexe und faszinierende Komposition, hinter der viel steckt, die aber ganz selbstverständlich und stimmig daherkommt. Das gilt auch für die restlichen Stücke dieser CD, Das Alte Ägypten, das für das Gefühl steht, „mit alten Mythen und Welten verbunden zu sein“, Triptychon, ein dreiteiliges musikalisches Gemälde, Mikrosuite, eine Suite im Mini- Format, und Von Stille umwoben, ein Stück, das eine Zeile aus Stéphane Mallarmés Gedicht Un Coup de dés (Ein Würfelwurf) aufgreift.

Mit enormem Fingerspitzengefühl und ganz wachen Ohren füreinander spielen die drei Musiker dieses spannendungewöhnliche Repertoire: Da kommt jeder Ton so fein, dass man den Eindruck hat, keine noch so geringe Nuance dürfe anders sein. Mit einem Wort: Diese Musik ist ganz natürlicher Ausdruck. Kathrin Pechlof sagt denn auch, sie habe bestimmte Harfen-Klischees wie etwa Glissandi und perlende Läufe nicht etwa bewusst vermieden. Sondern: „Es kommt einfach nicht aus mir heraus“. Vielfalt, Ambivalenz, „dass es auch mal nicht schön klingt“, darum gehe es ihr. Zugleich wollte sie auch nicht etwa als Jazz-Harfenistin die schlechte Kopie eines Pianisten oder Gitarristen sein – es geht ihr schon darum, Klänge zu finden, die sich nur auf diesem Instrument finden lassen. Kathrin Pechlof spielt eine normale Konzertharfe, also eine sogenannte Doppelpedalharfe. Solch eine Harfe hat nicht dieselben Möglichkeiten wie ein Klavier: Pro Oktave gibt es sieben Saiten, von der jede eine Vorrichtung hat, die Tonhöhe zu verändern. Man könnte also nicht zwölf chromatische Töne nebeneinander auf der Harfe spielen, sondern nur sieben. Das Sphärische, Leichte, Fließende, das der allgemeinen Vorstellung vom Harfenspiel entspricht, spiegelt nicht die Schwierigkeiten des Instruments: „Man braucht extrem viel Kraft in den Händen und den Füßen und extrem viel Schnelligkeit“. Die Kraft spürt man in Pechlofs Spiel – die Mühe allerdings nicht -, in ihrer Musik kommt die Harfe auf ganz eigene Art zu sich selbst. Und hat eine Aura, der man sich nur schwer entziehen kann.

  1. Gestalten
  2. Imaginarium
  3. Von Stille umwoben
  4. Mikrosuite
  5. Fernen wie sie vielleicht nur Vögel kennen
  6. Kyrie
  7. Triptychon
  8. Das alte Ägypten
  9. Teetotum
  10. Les cloches

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