Konstellationen – eine Premiere des Bayerischen Staatsballetts im Münchner Prinzregententheater (18.06.2026)

Shipwreck
Shipwreck, Foto: Katja Lotter

Von Robert Fischer

„Der Tod und das Mädchen“: Auch in der letzten Spielzeitpremiere der Saison 2025–26 des Bayerischen Staatsballetts begegnet uns diese zuletzt beim Festival „DanceFirst“ in Fürstenfeldbruck in einer ergreifenden Choreografie von Sharon Eyal zu erlebende Konstellation,  diesmal musikalisch in Form des zweiten, langsamen Satzes des gleichnamigen, hier von Gustav Mahler für Orchester arrangierten Streichquartetts von Franz Schubert. „Subject to Change“ heißt das von Sol León und Paul Lightfoot in Szene gesetzte Tanzstück, das dann auch den sechsteiligen, vom Publikum am Ende begeistert gefeierten, mit einer Pause gut zweistündigen Premierenabend beschließt.

Zugleich ist „Subject to Change“ der Höhepunkt dieser „Konstellationen“ überschriebenen Premierenproduktion, die als eine Art Expedition verstanden werden soll, um in sechs kürzeren, einen Zeitraum von fast 150 Jahren umspannenden Stücken zu erkunden, wie sich diese Ballette zueinander verhalten und wie wandlungsfähig sich diese Kunst im Lauf der Geschichte erwiesen hat. Das klingt etwas konstruiert, aber irgendetwas muss man sich ja einfallen lassen, um einen Tanzabend sinnvoll zu gestalten.

Zweierkonstellationen …

Vier der sechs Stücke sind – im Programmheft als „Sternbild am Balletthimmel“ bezeichnete – Duette, konzentrieren sich also auf das Mit- und Gegeneinander zweier menschlicher Körper im Bühnenraum. Am spannendsten, wenn auch vielleicht ein kleines bisschen zu lang geraten, ist „Un trait d’union“, ein frühes Werk von Angelin Preljocaj, in dem zwei Tänzer, Konstantin Ivkin und Severin Brunhuber, in den Worten des Choreografen „die Position des tanzenden Menschen als trait d’union, als Bindeglied unserer Existenz zwischen Himmel und Erde“ illustrieren. Tanzen ist für Preljocaj „eine Art zu existieren, eine Art zu leben und eine Art zu kämpfen“. Dass all das auch die komischen Seiten des Lebens beinhaltet, etwa in Form eines für dieses Stück konstituierenden Requisits – ein den Tänzern im Wortsinn wie in übertragenem Verständnis vielfach im Wege stehender Ledersessel –, macht Preljocajs große Kunst so lebensnah wie ergreifend

… als Sternbilder am Balletthimmel

Auch die beiden übrigen Stücke des kurzweiligen Tanzabends sind zumindest in ihrem Kern Duette: Zwar treten bei Marius Petipas im Jahr 1882 uraufgeführtem „Grand Pas Classique“ – einem Bravourstück aus seiner Choreografie „Paquita“ – insgesamt sechzehn Tanzende auf; im Kern steht aber ein an diesem Abend von Violetta Keller und Julian MacKay mit schier endlosen Pirouetten und kraftvoll-athletischen Sprüngen so elegant wie virtuos zugleich getanzter Pas de deux. Auch das bereits erwähnte Schlussstück „Subject to Change“, 2003 im für den modernen Tanz stilprägenden Nederlands Dans Theater uraufgeführt, listet zwar sechs Tanzende auf – im Zentrum des Geschehens aber stehen die beiden Solisten Laurretta Summerscales und Jakob Feyferlik. Hier wie schon vor der Pause in Preljocajs „Un trait d’union“ bestimmt ein unverzichtbares Requisit das Bühnengeschehen: ein großer, auf der Innenseite roter Teppich, der zunächst eingerollt eine Barriere im Raum bildet, dann aber aus- (und später wieder ein-)gerollt, zur Hälfte hochgeklappt, gedreht sowie hin und her gewendet wird, um von den beiden solistisch Tanzenden be- und umspielt zu werden.

Klassisches Ballett und moderner Tanz

Bleiben neben den beiden bei Preljocaj mit- und gegeneinander tanzenden Männern noch drei reine Duette in der männlich-weiblich-gelesenen Variante: „Shipwreck“ von Simon Adamson-De Luca –, leider die einzige, arg kurze Uraufführung des Premierenabends –, „Shutters Shut“ von Sol León & Paul Lightfoot sowie ein Pas de deux aus Edward Clugs 2005 uraufgeführtem „Radio and Juliet“. In letzterem brilliert erneut Violetta Keller als Solistin – diesmal mit Jakob Feyferlik als nicht minder beeindruckendem männlichen Pendant auf der Bühne. Das Stück erzählt Shakespeares „Romeo und Julia“ aus weiblicher Perspektive und mit einer überlebenden Protagonistin – der Titel erklärt sich durch die verwendete Musik. Die stammt von Radiohead: Den Soundtrack zum Pas de deux, der ein zwischen anfänglicher Reserviertheit, Koketterie, Annäherung und dann doch wieder Distanz wechselndes Geschehen tänzerisch umsetzt, bestimmt Radioheads „Like Spinning Plates“ in der Live-Version.

„Shutters Shut“, nur vier Minuten kurz und 2003 am Nederlands Dans Theater in Den Haag uraufgeführt, ist eine hinreißend grotesk überzeichnete, in der Gestik wie im Kostüm an Slapstick-Helden schwarz-weißer Stummfilme erinnernde choreografische Interpretation von Gertrude Steins Gedicht „If I Told Him / A Completed Portrait of Picasso“ von 1923. Dass dem von der Dichterin selbst rezitierten Text mit den Anfangszeilen „If I told him would he like it. Would he like it if I told him./Would he like it would Napoleon would Napoleon would would he like it“ in seiner poetisch-lautmalerischen Verdichtung schon lesend kaum zu folgen ist, geschweige denn hörend im Theater, verstärkt nur das Augenmerk auf das zwar kurze, aber von Carollina Bastos und Ariel Merkuri sehr eindringlich getanzte, in einen Beifallssturm des Publikums mündende Bühnengeschehen.

Eine beeindruckende Uraufführung

Simon Adamson-De Luca, 2005 in Toronto geboren, war in den Jahren 2023 bis 2025 für zwei Spielzeiten Mitglied des Bayerischen Junior Balletts München und verweist im Programmheft des Abends auf die entscheidende Inspiration zu seinem am Premierenabend uraufgeführten Stück: Auf seiner letzten Tournee mit dem Junior Ballett beobachtete er an einem Meeresufer stehend das Auf und Ab der Gezeiten. Er betrachtete die zerklüfteten Felsen entlang der Küste, die Spuren jahrhundertelanger Erosion, und wurde vom Gedanken tief bewegt, „dass etwas dem unendlichen Kreislauf der Gezeiten standhalten kann“. „Shipwreck“, nur neun Minuten kurz und leider in ein die beeindruckende Performance der Tanzenden eher verbergendes denn illuminierendes Bühnendunkel getaucht, ist das am wenigsten eindeutige, enigmatischste Stück des Abends. Idealerweise lässt man sich einfach ein auf die Intimität des Geschehens, die bis in die kleinste Bewegung hoch konzentrierte Intensität der in perlmutt schimmernden Bodys auftretenden Tanzenden, Ana Gonçalves und Severin Brunhuber. Und liest dann im Programmheft noch einmal nach, welche schönen Gedanken den Schöpfer bei seiner bewegenden Kreation bewegt haben: „So wie eine Welle einen Felsen abträgt, hinterlassen unsere Erfahrungen mit Liebe und Trauer ihre Spuren in uns. Doch egal, wie lange wir etwas ertragen – wir verschwinden nicht. Stattdessen bleiben wir, davon gezeichnet. Was eine Welle für einen Felsen ist, ist das Leben für einen Menschen.“

Was am Ende bleibt

Großer Beifall am Ende der Uraufführung, wie überhaupt die neuesten, modernsten Stücke dieses Premierenabends am meisten Zuspruch erfuhren. Ein erfreuliches Zeichen dafür, dass weder die Kunst der Bewegung noch sein (teils auffallend junges) Publikum im Althergebrachten verharrt. Denn so sehr ein traditionsreiches Stück wie das von Marius Petipa die hohe Kunst des Balletts  präsentiert, so sehr die Virtuosität der Bewegungen, die Sprungkraft, die Anmut und Eleganz der Schrittfolgen beeindrucken können – immer hat man dabei auch den höfischen Kontext im Kopf, der diese Kunst entspringt. Man sieht förmlich den Kaiser samt seinem adligen Gefolge in den Logen sitzen, sich Luft vor das weiß gepuderte Gesicht fächernd und mit hoch gezogenen Augenbrauen die immer neuen Kunststücke der Tanzenden begutachtend. Dass der moderne Tanz, die klassische Tradition im Idealfall wie selbstverständlich verinnerlicht habend, sich dennoch aus diesem Umfeld befreien und zu einer Kunst entwickeln konnte, die nicht bloß „gefällig“ sein will, sondern die Menschen emotional zutiefst berühren kann, ist keine neue Erkenntnis. Aber sicher die schönste dieses Premierenabends des Bayerischen Staatsballetts.  

Text: Robert Fischer
Fotos: Bayerisches Staatsballett, Katja Lotter (11), Serghei Gherciu (1)

Bayerisches Staatsballett München
KONSTELLATIONEN
Sechsteiliger Ballettabend (Grand Pas Classique aus Paquita 1882, Un trait d’union 1989, Shutters Shut 2003, Subject to Change 2003, Pas de deux aus Radio and Juliet 2005, Shipwreck 2026)

Grand Pas Classique aus „Paquita“
Choreographie: Marius Petipa
Musik: Ludwig Minkus, Alexei Barmin, Julius Gerber
Paquita: Violetta Keller
Lucien d`Hervilly; Julian MacKay
Coryphéen Damen 1: Marina Mata Gómez, Zhanna Gubanova
Coryphéen Damen 2: Maria Chiara Bono, Carollina Bastos
Coryphéen Damen 3: Elvina Ibraimova, Phoebe Schembri
8 Damen: Polina Bualova, Elisa Mestres, Jeanette Kakareka, Margaret Whyte, Chiara Vitali, Sabrina Yap, Lulu Rose, Lizi Avsajanishvili

Shipwreck
Choreographie und Kostüme: Simon Adamson-De Luca
Licht: Benedikt Zehm
Tänzerin: Ana Gonçalves
Tänzer: Severin Brunhuber
Pas de deux aus „Radio and Juliet“
Choreographie: Edward Clug
Musik & Text: Radiohead
Tänzerin: Violetta Keller
Tänzer: Jakob Feyferlik

Un trait d'union
Choreographie: Angelin Preljocaj
Sounddesign: Marc Khanne
Musik: Johann Sebastian Bach
Kostüme: Nathalie Fontenoy
Lichtdesign nach Jacques Châtelet: Christian Kass
Tänzer: Konstantin Ivkin, Severin Brunhuber

Shutters Shut
Choreographie, Kostüme: Paul Lightfoot, Sol León
Text: Gertrude Stein
Licht: Tom Bevoort
Technische Koordination und Realisierung: Eric Bloom
Realisierung Kostüme: Joke Visser
Tänzerin: Carollina Bastos
Tänzer: Ariel Merkuri

Subject to Change
Choreographie, Bühne, Kostüme: Sol León, Paul Lightfoot
Musik: Franz Schubert
Licht: Tom Bevoort
Technische Koordination und Realisierung Licht: Eric Bloom
Realisierung Kostüme: Joke Visser
Solo-Tänzerin: Laurretta Summerscales
Solo-Tänzer: Jakob Feyferlik
4 Tänzer: Florian Ulrich Sollfrank, Konstantin Ivkin, Clark Eselgroth,

LINKS

Weitere Infos, Termine
https://www.staatsoper.de/staatsballett

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