Letters From Nowhere - Owls in Council
Letters From Nowhere
Owls in Council
Erscheinungstermin: 10.10.2025
Label: Unit Records, 2025
Ein ungewöhnliches Instrumentarium, komplexe Kompositionen und eine klare künstlerische Vision: Letters From Nowhere schaffen mit „Owls in Council“ eine Klangwelt, die man so noch nicht gehört hat. Clara Vetter, Håvard Nordberg Funderud und Petter Asbjørnsen verbinden akustische und elektronische Elemente auf faszinierende Weise – alles ist präzise gesetzt, transparent und voller Tiefe.
Trotz des Einsatzes von Samples und Elektronik bleibt der Sound erstaunlich klar und organisch. Besonders eindrucksvoll sind die Passagen, in denen sich mehrere Instrumente zu vielschichtigen Themen verweben – stets in Bewegung, stets in Balance. Die drei MusikerInnen zeigen ein herausragendes Gespür für Form, Raum und Dynamik.
Die Stärke von Letters From Nowhere liegt in ihrer Energie und der emotionalen Direktheit ihrer Musik. „Owls in Council“ ist ein modernes, mutiges und zugleich fein austariertes Werk – ein Beweis dafür, dass Jazz auch heute noch neue Wege findet, ohne seine Seele zu verlieren.
(Jacek Brun, 12.10.2025)
Besetzung
Clara Vetter - piano, sampler
Håvard Nordberg Funderud - guitar, sampler, live processing
Petter Asbjørnsen - bass, sampler
Owls in Council – Neue Wege im zeitgenössischen Jazz
Letters from Nowhere – Briefe aus dem Nirgendwo. So nennt sich das deutsch-norwegische Trio, bestehend aus Clara Vetter (Piano), Håvard Nordberg Funderud (Gitarre) und Petter Asbjørnsen (Bass), das nun sein neues Album „Owls in Council“ eingespielt hat. Das Kollektiv ist bereits in der Instrumentierung ungewöhnlich und hochspannend: Vetter zählt zu den derzeit interessantesten jungen deutschen Jazzmusiker:innen und Improvisator:innen, während Funderud und Asbjørnsen zu den profiliertesten Vertreter:innen der aktuellen Osloer Jazz- und Impro-Szene gehören. „Owls in Council” ist die konsequente Weiterführung ihres gemeinsamen kompositorischen Ansatzes, die Begrenzungen von Raum und Zeit aufzuheben und die, wie Clara Vetter erklärt, „Vergangenheits-Ichs” in Form eines digitalen Audio-Kompositionsarchivs mit dem Spiel in Echtzeit zu verbinden.
Aufgenommen wurde „Owls in Council“ Anfang 2025 im Schwarzwald, umgeben von Natur, im einstigen Haus der Großeltern von Clara Vetter, in dem sie heute lebt und in dem sie sich mit einem restaurierten Steinway-Flügel von 1912 ein Studio eingerichtet hat. Hier wurde gemeinsam geprobt, gekocht, gegessen und gespielt, bis an zwei Tagen die zehn neuen Stücke aufgenommen wurden.
Im Unterschied zum Vorgängeralbum „Live in Cologne“ (2023), bei dem die einzelnen Kompositionen ineinander übergingen, sind sie jetzt klar voneinander abgegrenzt. Wie einzelne Erzählungen zeigen sie die stilistische und virtuose Vielseitigkeit des Trios: Von einer rein akustischen Soundästhetik des klassischen Jazzvokabulars, bei dem das Klavier sparsame, an Monk erinnernde Phrasen einflicht und aus denen sich nach und nach sanfte Gitarren- und Bass-Soli herauslösen – wie bei „Firsts“ –, reiben sich bei den Variationen von „Owls in Council“ repetitive Klangfiguren mit verdichteten Flächen und tiefen Bässen gegeneinander.
Die drei hatten ihr Kollektiv kurz vor der Pandemie an der Musikhochschule RMC in Kopenhagen gegründet, wo Clara Vetter die beiden während ihres Masterstudiums kennengelernt hatte.
„Ich fand die Idee der ungewöhnlichen Instrumentierung mit Klavier, Bass und Gitarre spannend. Aber auch die Herangehensweise der beiden an die Musik hat mich fasziniert“, so Vetter. „An Håvards und Petters Zugang gefällt mir ihre bedingungslose Offenheit und ihre Fähigkeit, kreatives Potenzial in jeder noch so kleinen Idee zu erkennen. Das kann etwa eine gewisse Spannung oder eine Fragilität sein, die der Musik Tiefe gibt.“
Ebenso betont sie die Verbindung der gemeinsamen Melodiesprache beim Improvisieren und Komponieren: „Das hat mich von Anfang an sehr berührt, ebenso wie die Leichtigkeit und Virtuosität, mit der beide so viel Sicherheit in die Musik hineingeben, dass daraus etwas Neues und Gewagtes entstehen kann.“
Aufgrund restriktiver Reisebestimmungen und Abstandsregeln mussten die drei Musiker:innen neue Wege finden, um gemeinsam zu arbeiten. Zunächst geschah dies über wöchentliche Zoom-Meetings, bei denen kompositorische Ideen ausgetauscht wurden. Diese wurden später als Audiofragmente in eine gemeinsame Dropbox hochgeladen, an denen die jeweils anderen dann weiterschreiben konnten. „Zuerst gab es schriftliche Kompositionsskizzen, über die wir dann Soloimprovisationen machten. Als Überwindung der durch die Pandemie vorgegebenen Begrenzungen von Raum und Zeit begannen wir, mit diesen Aufnahmen live zu improvisieren und daraus ein performatives Konzept zu entwickeln“, so Vetter. Diese gemeinsame Erfahrung gab ihnen den Mut, Limitierungen nicht als Grenze, sondern als Chance zu sehen.
Während der Arbeit an den Kompositionen nahm Vetter auch zum ersten Mal bewusst wahr, wie sie Klänge und Akkorde in Farben und Formen sah. Dieses synästhetische Empfinden fließt in ihren konzeptuellen Ansatz ein, die Kompositionen in Echtzeit zu ergänzen, zu modifizieren und darüber zu improvisieren.
Den Bandnamen wählten sie, so Vetter, „weil sich das Komponieren auf Distanz und das Weiterschreiben an den gemeinsamen Kompositionen, das Empfangen und Antworten, wie eine Brieffreundschaft angefühlt hat“. Bei ihrem Masterabschlusskonzert saß Clara Vetter zwar allein am Flügel im Konzertsaal des RMC in Kopenhagen, Håvard Nordberg Funderud und Petter Asbjørnsen schalteten sich jedoch jeweils live aus Oslo via Zoom zu. Während des Konzerts steuerten und modifizierten sie mittels eines digitalen Pedalboards die Samples in Echtzeit, mit denen Clara Vetter auf der Bühne improvisierte.
Der Titel „Owls in Council” stammt von Petter Asbjørnsen und ist angelehnt an die psychedelischen Zeichnungen und Texte des britischen Illustrators Louis Wain aus dem 19. Jahrhundert. Der Titel bezieht sich auf die Textzeile „The Owls sit in council, like prophets of Fate“ aus dem Jahr 1895. „Ich sah hier eine Verbindung zu unserer Musik, da auch bei uns unverarbeitete akustische Kompositionen teilweise mit elektronischer Bearbeitung kontrastieren und das Material durch Improvisation abstrahiert und transformiert wird“, so Asbjørnsen.
Mit „Owls in Council” transportiert das Trio „Letters from Nowhere” die Vorstellung von Jazz in eine neue Dimension. Fragmentarisch und verfremdet werden die Kompositionen durch das Zusammenspiel mit den „Vergangenheits-Ichs” des gemeinsamen kompositorischen Soundarchivs immer wieder neu gedacht. Dies ist ein spannendes Experiment, bei dem harmonische und rhythmische Texturen sowie das feine Geäst sich ineinander verschränkender klanglicher Verflechtungen erforscht werden. Briefe aus dem Nirgendwo – ein Zusammenkommen von Vergangenheit und Zukunft im Hier und Jetzt. Mystisch und dystopisch, erinnernd an den Soundtrack eines Film noirs.
Clara Vetter wurde 1996 in Baden-Baden geboren. Sie begann im Alter von drei Jahren, Klavier zu spielen. Mit 13 Jahren erhielt sie klassischen Klavierunterricht an der Stuttgarter Musikhochschule. Mit 15 Jahren wurde sie Mitglied des Landesjugendjazzorchesters Baden-Württemberg. Bis 2018 studierte sie Jazz-Piano in Stuttgart, anschließend absolvierte sie ein Performance-Masterstudium am Konservatorium RMC in Kopenhagen, welches sie 2021 abschloss. Neben verschiedenen Ensemble- und Kompositionsprojekten unterrichtet sie seit 2022 an der Musikakademie Basel. 2023 wird sie mit dem Jazzpreis Baden-Württemberg ausgezeichnet.
Håvard Nordberg Funderud ist ein norwegischer Gitarrist, Komponist und Improvisator im Bereich Jazz und improvisierte Musik. 2020 machte er seinen Abschluss am Rhythmic Music Conservatory RMC in Kopenhagen. Funderud ist Teil der experimentellen improvisierten Musikszene in Oslo. Neben dem Trioprojekt „Letters from Nowhere” leitet er sein Quartett „Master Oogway”, sein Sextett „The Birds Sing a Pretty Song” und das Large Ensemble „Full Community”.
Petter Asbjørnsen, geboren 1990, wächst im norwegischen Larvik auf. Er studierte an der Grieg-Akademie in Bergen, wo er Teil der Jazz-, Underground-Pop- und Rockszene wurde. Anschließend lebte er in Berlin und studierte wie Vetter und Funderud am RMC in Kopenhagen, wo er 2019 seinen Abschluss machte. Seit 2013 ist er Komponist der Gruppe „Liberty Pop“ sowie für Gruppen wie „Pat“, „Vestfold Jazzensemble“ und „Lekerommet“. Sein Debütalbum „Supergolden“ erscheint 2020.
Er lebt in Oslo.
Titelliste
- On the Go
- Firsts
- Owls in Council
- Owls in Council Variation I
- Blue
- Somewhere Down the Rabbit Hole
- Februar
- Owls in Council Variation II
- Country
- Thoughts on C
jazz-fun`s recap:
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