Luis Dobarro vom Jazzclub Quasimodo im Gespräch mit Cosmo Scharmer von jazz-fun.de

Jazzclub Quasimodo
Jazzclub Quasimodo, Foto: Senten Images

Jazz in Berlin – Portraits der Clubs

Berlin hat den Ruf „Die Europäische Jazzmetropole“ zu sein. Das meint das Berliner Jazzpublikum zwar ebenfalls, aber es sind überwiegend die Musikermachenden selbst, die der Stadt diesen Titel verleihen. Das ist begründet in der Vielzahl von Jazzern, die hier leben und die Jazzmusik der Stadt prägen. Das betrifft nationale wie internationale Musiker und auch immer mehr Musikerinnen aus aller Welt, die hier ihre Residenz gefunden haben. So zahlreich und individuell wie die Personen sind auch die musikalischen Stile, die hier präsentiert werden. Salopp gesagt: Jede Stilrichtung im Jazz und auch in angrenzenden Genres sind in Berlin zu hören. Damit sind wir bei den Clubs. Denn sie sind Medium, Forum, Ort und Ambiente für die Jazzmusik. Zwar mitgenommen durch die Pandemie, haben sie sich behauptet und bieten wie eh und je Live-Konzerte an. Um den Hauptstadt-Besuchern von nah wie den Berlin-Touristinnen von fern Orientierungshilfen zu geben, stellt jazz-fun.de einige der renommiertesten Clubs vor. Das wird in der Form von Portraits und/oder Interviews mit den Clubbetreibern geschehen.

Für alle Clubs gilt: Hingehen und sich selbst einen Eindruck verschaffen, ob das mit der europäischen Jazzmetropole zutreffend ist. Stilistisch haben die einzelnen Clubs zwar unterschiedliche programmatische Schwerpunkte, aber generell kann gesagt werden, dass eine große Bandbreite an traditionellen wie aktuellen Jazzstilen in den Clubs erlebt werden kann. Seid Willkommen!

Heute ein Interview mit Luis Dobarro aus der Jazzclub Quasimodo

jazz-fun.de:
Die Corona-Pandemie ist zwar noch nicht überstanden, aber es gibt schon ein wenig Normalität. Wie ist die spezifische Situation im Quasimodo?

John Kunkeler:
Wir im Quasimodo kommen jetzt nach Corona raus aus der Herbstsaison. Wir hatten eine Reihe tolle Konzerte auf unserer Terrasse in der Kant-Straße und wir bereiten uns vor für neue Konzerte im Winter. Wir konnten die Konzerte nur unter den 2-G-Bedingungen machen Aufgrund unserer Kapazität wird bei 3-G-Bedingungen diese Kapazität drastisch reduziert. Deswegen veranstalten wir auch Konzerte an weiteren Spielstätten. So finden im Metropol eine Reihe von 3-G-Konzerten statt. Das Metropol - als ehemaliges Theater - ist eine tolle Location, es war auch als „Theater am Nollendorfplatz“, „Neues Schauspielhaus“ und „Goya“ bekannt. Seit 2019 ist es unter dem Namen Metropol wieder eröffnet.

jazz-fun.de:
Die ökonomische Situation. Hat sich etwas geändert an der wirtschaftlichen Lage?

Luis Dabarro:
Ja, die Kosten steigen ständig, seit Jahrzehnten ist das so. Die Bereitschaft der Kundschaft, höhere Preise zu zahlen, ist weniger oder gar nicht vorhanden. Wenn wir die Tickets zu teuer verkaufen, dann verkaufen wir weniger. Also, wir machen das, was wir ökonomisch vertreten können, so wie die anderen Clubs auch.

jazz-fun.de:
Wie ist der Club organisiert?

Luis Dabarro:
Der Club ist so organisiert, dass wir zwei Abteilungen haben. Eine Abteilung kümmert sich um das allgemeine Management und die Belange der Gastronomie. Die andere Abteilung – der ich angehöre -, wir kümmern uns um die Musik, um die Programmplanung und alles, was damit verbunden ist.

jazz-fun.de:
Wer ist der Eigentümer im Quasimodo? Trägt das ein Verein?

Luis Dabarro:
Wir gehören zur Channel Music GmbH. Das ist ein Unternehmen, welches mehrere Locations oder Spielstätten in Berlin betreibt, unter anderen Huxleys Neue Welt, das Metropol, und wir vom Quasimodo sind Teil dieser GmbH.

jazz-fun.de:
Was wird sich in Zukunft – nach dem realen Ende der Pandemie - ändern?

Luis Dabarro:
In der Zukunft wollen wir tatsächlich ein Programm ähnlich dem der 80-er und 90-er Jahre schaffen? Wir wollen ein Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Musikstilen herstellen: Nicht nur Jazz und Blues, sondern auch andere Musikstile wie z.B. Funk, Afrobeat und Latin-Jazz wollen wir anbieten. Auch Progressiv Rock ist für uns eine große Sache. Ja, das sind unsere Ziele.

jazz-fun.de:
Wie fing es damals an? Was hat sich in der Zwischenzeit geändert?

Luis Dabarro:
Um 1967 hieß der Club „Quartier von Quasimodo“. Damals war Giorgio Cariotti der später Betreiber des Jazz-Clubs - ein Student, der auch dort gearbeitet, gejobbt hat. Es gab schon Live-Musik, aber nur gelegentlich. Ab und zu ist eine Band aufgetreten: Songwriter oder ähnliche folkloristisch Stile. Und der Eintritt war frei. Das heißt: jeder konnte einfach reinkommen und das wurde auch gemacht. Das führte dazu, dass viele problematische, auch gefährliche Menschen im Kontext der Drogenkriminalität in den Laden gekommen sind. Das Quasimodo liegt unmittelbar am Bahnhof Zoo, und das war damals ein oder das Drogen-Zentrum in West-Berlin mit der begleitenden Kriminalität. Giorgio Cariotti hat 1975 den Laden übernommen, hat ihn komplett umgebaut. Es wurde saniert, eine neue Musik-Anlage wurde eingebaut. Er fing an, ein Musikprogramm zu gestalten und auch Eintritt zu verlangen. Das alles war neu. Schon kurze Zeit danach sind immer mehr Musikliebhaber in den Club gekommen. Das war anders als vorher, als viele Menschen ins Quasimodo kamen, die nur die Zeit totschlagen mussten.

jazz-fun.de:
Das war dann der Wechsel von einer Kneipe mit Musik zu einem richtigen Jazzclub?

Luis Dabarro:
Das ist korrekt. Ja, das kann man so ausdrücken. In den 70-ern fing die echte Legende von Giorgio Cariotti an. Ich kann das immer wieder betonen, denn er war wirklich die wichtigste Person des Jazz-Clubs. In den Siebzigern fing es an, und Ende der 80er, Anfang der 90er Jahren waren die Höhepunktes des Clubs mit sehr vielen internationalen Jazz- und Blues-Bands. Das waren sehr renommierten Bands und Musiker, die damals auf der Bühne des Quasimodo standen.

jazz-fun.de:
Es wäre einfacher aufzuzählen, wer nicht im Quasimodo gespielt hat, als alle Namen zu nennen, die dort spielten.

Luis Dabarro:
Ja, da stimmt. Wir haben hier eine Liste aller internationalen Bands, die bei uns gespielt haben: Dizzy Gillespie, Art Blakey’s Jazz Messengers oder im Genre Blues, John Mayall, Luther Allison, Memphis Slim. Les McCann, Horace Silver, Irakere, Arturo Sandoval, Michael Brecker, Joe Henderson, Jimmy Smith und so weiter und so weiter. Ein Höhepunkt des Quasimodo in den 90-ziger Jahren war dann das Festival Jazz in July, das sehr wichtig war.
Im Jahr 2006 hat Giorgio Cariotti die Leitung des Quasimodo beendet und die Programmgestaltung wurde von anderen Personen übernommen. Seine engagierte Arbeit, diese Leidenschaft von Giorgio, die wurde nun sehr vermisst, die hat schmerzlich gefehlt. Das Quasimodo ist in der Programmgestaltung abgerutscht, hat an Qualität verloren. Aktuell befinden wir uns in einer Phase, in der wir alles wieder so wie damals machen wollen, was die Qualität des Musik betrifft.

jazz-fun.de:
Gibt es spannende Episoden zu erzählen?

Luis Dabarro:
Vielleicht kennen nicht alle diese Geschichte: Popstar Prince kommt 1987 nach einem Konzert in der Deutschland-Halle ins Quasimodo und spielte spontan fünf Songs auf die Bühne, einfach so! Aber es gibt noch weitere tolle Geschichten. 1986 steht Guitar Crusher - eine Legende aus den USA, der lange in Berlin gelebt hat - auf der Bühne, bekommt ein großes Herz-Kreislauf-Problem und musste sofort ins Krankenhaus. Die Band Supertramp, die im Quasimodo anwesend war, ist dann einfach auf die Bühne gegangen und hat das Konzert zu Ende gespielt. Das ist eine der vielen tollen Geschichten, die man aus dem Quasimodo kennt.

jazz-fun.de:
Was ist das Besondere an deinem Club?

Luis Dabarro:
Ich finde, dass unsere Kapazitäten für das Publikum ziemlich hoch sind; es passen maximal 350 Personen in den Club, inklusive der Plätze auf den Bänken und den Hockern. Und der Sound ist großartig! Subjektiv habe ich das Gefühl, dass man es beim Reinkommen spüren kann, welche Legenden hier gespielt haben. Ja, man kann das wirklich riechen, dass viele Musiklegenden im Quasimodo gewirkt und ihre Spuren hinterlassen haben.

Jazzclub Quasimodo
Jazzclub Quasimodo, Foto: Senten Images

jazz-fun.de:
Kann das auch daran liegen, dass sich die Einrichtung drinnen sehr wenig oder gar nicht geändert hat?

Luis Dabarro:
Auf jeden Fall. Unsere Stammkunden, die uns seit Jahrzehnten besuchen, die finden die Atmosphäre sehr familiär, und sie fühlen sich bei uns wie zu Hause. Die neuen Kunden, also die neuen Gäste, die wir begrüßen können, die finden unser Ambiente ebenfalls entspannt und locker.

jazz-fun.de:
Welche Geschichte, welches Ereignis, welches Konzert haben dich stark beindruckt?

Luis Dabarro:
Ja, ich habe von Giorgio folgende Geschichte gehört: Eine Band, an deren Namen ich mich nicht erinnern kann, spielte in einem komplett ausverkauften Quasimodo. Der Andrang des Publikums, die Warteschlange draußen, war so lang, dass Giorgio die Band gefragt hat, ob sie noch einen Set spielen könnten. Die Band hat zugesagt. Giorgio hat den Club komplett ausgeräumt, die Wartenden reingelassen. Er hat es geschafft, unmittelbar hintereinander erneut ein ausverkauftes Konzert zu organisieren.

jazz-fun.de:
Was hat sich in Bezug auf die inhaltliche Musik geändert?
Welche Musikstile werden überwiegend angeboten?

Luis Dabarro:
Früher war es so, dass das musikalische Programm ein gutes Gleichgewicht zwischen Jazz- und Blues Bands herstellte. Ich würde sagen, dass 35 bis 40 Prozent den Jazz-Bands gehörten, der Anteil der Blues-Bands machte so 30 Prozent aus. Es gab zusätzlich auch Soul, Funk, Afro-Beat, Latin Jazz, und Progressive Rock. Und es gab die sehr berühmte Jam-Session, immer mittwochs. Am Wochenende gab es diverse Party-Bands, wie zum Beispiel Jocelyn B. Smith und Queen Yahna.
Dieses Programm oder dieses musikalische Gleichgewicht ging irgendwann zwischen 2006 und 2007 verloren. Stattdessen gab es mehr Party-Musik und Cover-Bands, auch Punk-Rock war vertreten. Dafür gab es weniger Jazz, Blues und Soul. Nach meiner Meinung hat das nicht gut funktioniert, die Qualität hat darunter gelitten. Deswegen wollen wir in Zukunft wieder ein qualitativ hochwertiges Programm anbieten, wieder mit mehr Jazz, Blues und Soul.

jazz-fun.de:
Welches Publikum besucht das Quasimodo?

Luis Dabarro:
Wir haben tatsächlich eine Stammkundschaft, die sich altersmäßig eher in Richtung 45 bis 50 Jahre befinden, einige sogar darüber. Die meisten unserer Clubbesucher sind Berliner. Aber wir haben auch viele Touristen, die „googlen“, was in der Stadt musikalisch los ist und die kommen dann spontan zu uns. Der Anteil des weiblichen Publikums hat sich tatsächlich verändert. Aktuell würde ich sagen: halbe, halbe.
Es gibt auch Folgendes zu erkennen: Die jüngere Leute haben wieder ein stärkeres Interesse an einer anderen Art von Musik bekommen. Die sind sehr vom Hip Hop und Rhythm & Blues beeinflusst, aber sie wollen wieder zu den Roots kommen, wollen mehr ursprüngliche und authentische Musik hören. Und es gibt unfassbar gute Bands mit jüngeren Leute wie zum Beispiel Francesco Beccaro oder Matthis Großmann. Die spielen – zusammen mit Sängern, die eher Hip Hop bevorzugen - tatsächlich Jazz. Es gibt sogar Bands, die sich der Gesangsweise der Master of Ceremonies, aus der Hip Hop- und Rapper-Szene der 80-ziger, zugehörig fühlen.

jazz-fun.de:
Wie stark sind Jazzerinnen vertreten?

Luis Dabarro:
Es gibt mittlerweile viele Jazzer, die weiblich sind. Das sind sehr gute Musikerinnen, wie zum Beispiel Angéle Tremsal, Fem Jam Kollektiv von Domenica Kastl. Auch Aine Fujioka ist zu nennen. Alle sind jung, alle sind gut und werden deshalb im Quasimodo sehr begrüßt, wenn sie bei uns auftreten wollen.

jazz-fun.de:
Also jung, gut, weiblich sucht Publikum?

Luis Dabarro:
Genau, das ist korrekt.

jazz-fun.de:
Luis, wir bedanken uns für das unterhaltsame Gespräch.

Luis Dabarro:
De nada - gern geschehen.

Text: Cosmo Scharmer
Foto: Senten Images

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