Im Klang des Augenblicks – Maike Hilbig über GULF of Berlin und „For Timothy“

Foto von Gulf of Berlin
Gulf of Berlin, Foto: Dovile-Sermokas

Von Jacek Brun

Manche Musik erzählt Geschichten. Andere stellt Fragen. For Timothy, das aktuelle Album von GULF of Berlin, gehört zu jener seltenen Kategorie von Werken, die sich jeder eindeutigen Einordnung entziehen und gerade daraus ihre Kraft beziehen. Zwischen freier Improvisation, elektronischer Klangbearbeitung und intuitiver Interaktion entsteht eine Musik, die sich nicht aus fertigen Formen entwickelt, sondern aus dem Moment selbst.

Dabei versteht sich GULF of Berlin weniger als klassische Band denn als offener Organismus. Klänge werden aufgenommen, in Echtzeit elektronisch transformiert und unmittelbar wieder Teil des musikalischen Geschehens. Die Musiker reagieren auf ihr eigenes Echo, auf neue Farben, auf unerwartete Wendungen. Komposition wird zum Prozess, Improvisation zur gemeinsamen Sprache.

Im Gespräch mit jazz-fun.de spricht Bassistin Maike Hilbig über die besondere Arbeitsweise von GULF of Berlin, über Freiheit und Verantwortung in improvisierter Musik, über demokratische Prozesse innerhalb eines Ensembles – und darüber, warum kompromisslose Kunst dem Publikum manchmal mehr zutraut, als viele glauben.

jazz-fun.de:
Maike, For Timothy wirkt wie ein offenes Klanglabor zwischen Komposition, Improvisation und elektronischer Transformation. Wie würdest du selbst die Grundidee von GULF of Berlin beschreiben?

Maike Hilbig:
Die Idee ist freie Improvisation mit ‚live sound processing’, die Instrumente werden abgenommen, aufgenommen und elektronisch bearbeitet, verändert, alles mögliche passiert da.

Ursprünglich war Gulf ein FreeJazz-Quartett. Dann wurden verschieden Gäste eingeladen, Antje an der Geige und Michael Haves mit den electronics sind dabeigeblieben. Das Konzept hat sich entwickelt. Ich bin vor etwa drei Jahren für Johannes Fink in die Band gekommen.

jazz-fun.de:
Ein zentrales Element des Projekts ist die elektronische Bearbeitung der akustischen Instrumente in Echtzeit – Musiker reagieren gewissermaßen auf ihr eigenes verfremdetes Echo. Wie verändert dieses Prinzip das Hören und Spielen innerhalb der Band?

Maike Hilbig:
Es erfordert eine disziplinierte Spielweise, zu viele Töne können da viel kaputtmachen, schnell fliegt eine Menge Geräuschmüll durch den Äther. Es fühlt sich überraschend intensiv an beim Spielen. Nach dem ersten Konzert bin ich von der Bühne und hab mir gedacht: Was war das denn?

jazz-fun.de:
Die Musik auf For Timothy wirkt oft frei und spontan, besitzt aber gleichzeitig eine erstaunlich klare innere Logik. Wie entstehen eure Stücke – gibt es feste kompositorische Strukturen oder entwickelt sich vieles kollektiv im Prozess?

Maike Hilbig:
Die innere Logik ergibt sich durch den Prozess. Unser kompositorischer Anspruch beinhaltet Bögen, Änderung der Klangfarbe, usw. Wir suchen bewusst nach Schlüssen, um dann ein neues Stück zu beginnen.

jazz-fun.de:
Als Bassistin bewegst du dich in einem Ensemble, das bewusst traditionelle Rollenbilder von Instrumenten auflöst. Welche Rolle spielt der Bass in dieser Musik – Fundament, Gegenstimme oder vielleicht etwas ganz anderes?

Maike Hilbig:
Der Bass kann sich hier freimachen von irgednwelchen Aufgaben, es sind ja mit Bassklarinette und Tuba noch andere tiefe Instrumente da, so muss man eh immer neu schauen, wo und ob überhaupt noch Raum vorhanden ist.

Und dann, wenn es mal passt, fungiere ich zwischendurch auch sehr gerne mit Schlagzeug als echte Rhythmusgruppe.

jazz-fun.de:
Auf dem Album treffen Ambientflächen, Noise-Texturen, freie Improvisation und fast progressive Rhythmik aufeinander. Wie gelingt es euch, diese unterschiedlichen musikalischen Energien zusammenzuführen, ohne dass die Musik auseinanderfällt?

Maike Hilbig:
Auch das passiert intuitiv, wir versuchen alle, das Ganze zu betrachten. Diese Sachen entstehen und sind Stilmittel für einen großen Bogen.

jazz-fun.de:
Der Albumtitel For Timothy klingt persönlich und beinahe intim. Welche Geschichte oder Idee steckt hinter diesem Titel?

Maike Hilbig:
Der Titel stammt von Jan Leipnitz und man müsste ihn fragen. Ich mag diese ominöse persönliche Botschaft. Tatsächlich aber zielt die Idee auf eine gewisse Farbigkeit und Transzendenz, gemeint ist Timothy Leary.

jazz-fun.de:
GULF of Berlin versteht Musik offenbar nicht als starre Form, sondern als lebendigen Prozess. Ist das für dich auch eine Haltung zum Leben oder sogar eine politische bzw. gesellschaftliche Idee von Zusammenarbeit?

Maike Hilbig:
Improvisierte Musik und Jazz ist das, was man lebt, man kann nichts anderes spielen, als das, was man erlebt hat. Politisch ist das auch, es ist demokratisch, es ist solidarisch. Man hört sich an, man lässt sich Platz, man unterstützt sich, man respektiert sich, ist offen für Ideen und tolerant. Ich denke schon, dass das einer politischen Haltung entspringt.

jazz-fun.de:
Diese Musik fordert Aufmerksamkeit und verweigert sich bewusst einfachen Hörgewohnheiten. Beschäftigt euch beim Arbeiten auch die Frage, wie das Publikum auf solche Klangwelten reagiert – oder spielt das im kreativen Prozess keine Rolle?

Maike Hilbig:
Ich möchte das Publikum nicht absichtlich verstören. Aber ich denke, der Gedanke an das Publikum und was es mögen könnte oder nicht, wäre in dem Kontext fehl am Platz, weil wir etwas wagen wollen.

Außerdem sollte man das Publikum nicht unterschätzen, das hat ja auch eine Haltung. Ich würde niemanden überzeugen können mit vermeintlichem Wohlklang, das ist dann einfach die falsche Band. Hier geht es um Überzeugung durch Kompromisslosigkeit, die eine oder andere schöne Melodie kann da nicht mehr helfen.

jazz-fun.de:
Berlin gilt seit Jahren als wichtiger Ort für experimentellen Jazz und improvisierte Musik. Inwiefern beeinflusst die Stadt und ihre Szene eure Arbeit mit GULF of Berlin?

Maike Hilbig:
Wie schon gesagt, spielt man so wie man lebt und das was man erlebt, das fließt alles in die Musik ein. Die Stadt gibt Inspiration dazu, musikalisch und in anderen Bereichen.

jazz-fun.de:
Wenn jemand For Timothy zum ersten Mal hört – vielleicht ohne Vorkenntnisse experimenteller Musik – was würdest du dieser Person empfehlen: Wie sollte man sich diesem Album nähern?

Maike Hilbig:
Wie man sich jeder Art von Musik nähern sollte: Vorurteilsfrei zuhören und sich darauf einlassen und seine Meinung bilden.

Man könnte durchaus sagen, dass die Musik von Gulf nichts für Anfänger unter den Zuhörern sei, aber eventuell könnte man auch versuchen, es als Installation aus Klängen zu betrachten, vorausgesetzt, man war schon mal in einem modernen Museum. Ansonsten eine Fahrt durch einen Dschungel aus Sounds vorstellen? Vielleicht könnte das helfen?!?

jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.

Über den Autor

Jacek Brun ist Gründer und Herausgeber von jazz-fun.de sowie seit vielen Jahren als Journalist, Fotograf und Jazzförderer aktiv. Sein Netzwerk reicht von Künstlern und Festivals bis zu Medienpartnern in ganz Europa.

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