Zwischen Orten und Klängen – Makar Novikov erzählt seine „Long Journey“
Manchmal braucht es Zeit, bis Musik ihre eigene Form findet. Nicht als plötzlicher Impuls, sondern als langsamer Prozess – gewachsen aus Erfahrungen, Begegnungen und inneren Bewegungen. Für Makar Novikov ist Long Journey genau ein solches Werk: ein Album, das nicht nur musikalisch, sondern auch biografisch entstanden ist.
Zwischen Aufbruch und Ankommen, zwischen Vergangenheit und neuem Lebensraum in Europa entfaltet sich eine Musik, die von Suche und Verwandlung erzählt. Novikov verbindet in seinen Kompositionen moderne Jazzsprache mit erzählerischer Offenheit und einem feinen Gespür für Klang und Struktur.
Dabei wirkt nichts konstruiert. Vielmehr entsteht der Eindruck einer Musik, die sich Schritt für Schritt entfaltet – getragen von einem Ensemble, das Raum lässt, zuhört und gemeinsam atmet.
Long Journey ist kein Konzeptalbum im klassischen Sinne. Und doch entsteht beim Hören eine zusammenhängende Erzählung – eine Reise, die sich erst im Rückblick als solche erkennen lässt. Eine Reise, die nicht nur von Orten und Begegnungen erzählt, sondern vor allem von der Entwicklung einer eigenen künstlerischen Stimme.
Im Gespräch mit jazz-fun.de spricht Makar Novikov über diesen Weg, über das Komponieren als Prozess, über Zusammenarbeit und Vertrauen – und darüber, warum Musik manchmal erst im Nachhinein ihre wahre Bedeutung offenbart.
jazz-fun.de:
Makar, „Long Journey“ ist dein Debütalbum als Komponist und Bandleader. Wann hattest du das Gefühl, bereit zu sein, deine eigene musikalische Sprache auf diese Weise zu präsentieren?
Makar Novikov:
Ich habe viel Erfahrung in ganz unterschiedlichen Bands und musikalischen Kontexten gesammelt, was mir sehr geholfen hat, meinen eigenen Geschmack zu entwickeln. Long Journey ist jedoch tatsächlich das erste Album, auf dem ich mich als Komponist zeige.
Eigene Musik zu entwickeln, die ich wirklich mit der Welt teilen wollte, war tatsächlich eine „lange Reise“ – und genau das spiegelt sich auch im Titel wider.
Ein entscheidender Moment war mein Umzug von Russland nach Europa im Februar 2022 sowie die Begegnung mit Olivia Trummer. In einer neuen Umgebung ein neues Kapitel zu beginnen, hat mir das Gefühl gegeben, bereit für dieses sehr persönliche Projekt zu sein.
jazz-fun.de:
Deine Musik ist im modernen Jazz verwurzelt, überschreitet aber ganz selbstverständlich stilistische Grenzen. Wie definierst du „modernen Jazz“ heute?
Makar Novikov:
Als Komponist versuche ich nicht, mich in Kategorien einzuordnen. Ich höre vor allem auf meine innere Stimme und versuche, etwas zu schaffen, das für mich stimmig ist – auch wenn ich natürlich von vielen verschiedenen musikalischen Einflüssen geprägt bin.
Ich habe mich intensiv mit den Wurzeln des Jazz beschäftigt, interessiere mich aber genauso für die aktuelle Musikszene. Jazz ist ein Genre, das sich ständig weiterentwickelt. Deshalb versuche ich, mich nicht durch stilistische Grenzen einzuschränken, sondern einfach das zu machen, was ich liebe und woran ich wirklich glaube.
jazz-fun.de:
Viele Stücke überraschen durch rhythmische Verschiebungen und unerwartete Strukturen. Beginnen deine Kompositionen eher mit Rhythmus, Harmonie oder Melodie?
Makar Novikov:
Am Anfang jeder Komposition steht eine zentrale Idee – sie kann melodisch, harmonisch oder rhythmisch sein. Wichtig ist, dass es einen klaren Ausgangspunkt gibt, der die weitere Entwicklung inspiriert.
Manchmal ist es eine Basslinie oder ein Groove, wie in „Home Party“ oder „Jazzmashin“. „Long Journey“ begann ursprünglich als harmonische Struktur und entwickelte sich später zu einem Song mit Text von Olivia, wodurch er eine tiefere Bedeutung erhielt.
Jede Komposition hat ihren eigenen Entstehungsprozess. Entscheidend ist für mich immer ein starker Ausgangsimpuls.
jazz-fun.de:
Als Bassist bist du oft das Fundament der Band. Wie beeinflusst das deine Kompositionsweise?
Makar Novikov:
Viele Ideen entstehen tatsächlich aus meinem Instrument heraus. Gleichzeitig ist der Kontrabass nicht ideal, um mehrstimmig zu denken – deshalb komponiere ich oft am Klavier.
Ich arbeite auch mit Programmen, die mir helfen, meine Ideen hörbar zu machen und weiterzuentwickeln. Entscheidend ist für mich, die Musik mit echten Musiker:innen zu hören – oft zeigt schon eine Probe, was noch verändert werden muss.
Als Bassist habe ich viel Erfahrung im Zusammenspiel gesammelt. Das beeinflusst auch mein Komponieren: Ich versuche, jedem Instrument Raum zu geben und die Klangfarben des Ensembles auszuschöpfen.
jazz-fun.de:
Das Album wirkt fast wie eine zusammenhängende Erzählung. War „Long Journey“ von Anfang an als Konzept gedacht?
Makar Novikov:
Interessanterweise kam die Idee für den Titel erst ganz am Ende, nachdem alle Stücke bereits aufgenommen waren.
Als ich die Tracks in eine sinnvolle Reihenfolge brachte, merkte ich plötzlich, dass die Titel eine Geschichte erzählen. Da wurde mir klar, dass es tatsächlich meine eigene „lange Reise“ ist.
jazz-fun.de:
Welche Rolle spielen außermusikalische Ideen und persönliche Erfahrungen in deinem Komponieren?
Makar Novikov:
Musik ist immer ein Spiegel des Lebens – sie ist untrennbar damit verbunden. Kompositionen entstehen aus persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen.
jazz-fun.de:
Wie viel Freiheit lässt du in deinen Kompositionen für Improvisation?
Makar Novikov:
Ich verfolge die Idee von maximaler Freiheit innerhalb der Form. Improvisation bringt die Gegenwart in die Musik – sie sorgt dafür, dass jedes Stück immer wieder neu klingt.
Einige Strukturen sind komplex und erfordern ein tiefes Verständnis des Materials, andere sind offener angelegt. Live gibt es natürlich noch mehr Freiheit, während ich im Studio darauf geachtet habe, die Stücke kompakter zu halten.
jazz-fun.de:
Olivia Trummer spielt eine zentrale Rolle auf dem Album. Wie hat sie deine Musik beeinflusst?
Makar Novikov:
Olivia spielt eine zentrale Rolle in meinem Leben – sie ist meine Partnerin, meine Muse und meine Seelenverwandte. Kurz nach den Aufnahmen haben wir geheiratet.
Musikalisch hat sie mich auf mehreren Ebenen beeinflusst. Zum einen ermöglicht ihr Spiel und ihr Gesang, dass ich auch komplexe Ideen umsetzen kann. Zum anderen lerne ich ständig von ihr als Musikerin und Komponistin.
Wir haben viel Zeit damit verbracht, die Musik gemeinsam zu entwickeln. Dieser Prozess war sehr wertvoll und hat die Stücke auf ein Niveau gebracht, bei dem ich das Gefühl hatte, sie aufnehmen zu können.
jazz-fun.de:
Du hast Musiker:innen aus unterschiedlichen Hintergründen zusammengebracht. Hattest du sie beim Schreiben bereits im Kopf?
Makar Novikov:
Während des Komponierens habe ich mich bewusst auf die Musik selbst konzentriert, ohne an konkrete Musiker zu denken.
Erst als das Material stand, wurde klar, wer am besten dazu passt. Die Band hat sich aus Musiker:innen unterschiedlicher Generationen und Hintergründe zusammengesetzt – und wir haben uns tatsächlich erst im Studio alle gemeinsam getroffen.
Diese Frische und Neugier kann man, glaube ich, im Album hören.
jazz-fun.de:
Wie entscheidest du, wann ein Stück „fertig“ ist?
Makar Novikov:
Das ist ein Gefühl. Ich merke, ob etwas vollständig klingt oder ob noch etwas fehlt.
Manchmal dauert dieser Prozess lange. Deadlines, wie eine Aufnahme, helfen dabei, Entscheidungen zu treffen.
jazz-fun.de:
Deine Musik strahlt viel Optimismus aus, trotz intensiver Erfahrungen. War das eine bewusste Entscheidung?
Makar Novikov:
Nein, das war keine bewusste Entscheidung. Ich versuche einfach, ehrlich auszudrücken, was in mir ist. Wenn die Musik mit meinen Gefühlen im Moment übereinstimmt, fühlt sie sich für mich richtig an.
jazz-fun.de:
Was hat sich für dich verändert, seit du als Bandleader und Komponist arbeitest?
Makar Novikov:
Es hat meinen musikalischen Horizont erweitert. Als Komponist und Bandleader höre ich die Musik aus einer anderen Perspektive und verstehe die Rolle der einzelnen Elemente besser.
Das macht mich letztlich auch zu einem besseren Sideman. Ich ermutige auch meine Studierenden an der Siena Jazz School, eigene Musik zu schreiben.
jazz-fun.de:
Wie autobiografisch ist „Long Journey“?
Makar Novikov:
Ich hatte nicht vor, eine Autobiografie zu schreiben – aber irgendwie ist es genau das geworden.
Musik, die die eigene Geschichte widerspiegelt, kommt aus einem sehr ehrlichen Ort.
jazz-fun.de:
Wie hat die europäische Jazzszene dein Denken beeinflusst?
Makar Novikov:
Europa hat eine enorme Vielfalt an großartigen Musiker:innen mit unterschiedlichen Hintergründen.
Ich entdecke ständig neue Szenen und Orte – das ist inspirierend und motivierend. Gleichzeitig ist es wichtig, in diesem Umfeld die eigene Stimme zu finden und etwas Eigenes beizutragen.
jazz-fun.de:
Welche Musik hörst du privat?
Makar Novikov:
Das hängt von der Stimmung ab. Jazz spielt eine zentrale Rolle, und ich kehre oft zu Aufnahmen von John Coltrane oder Miles Davis zurück.
Ich entdecke aber auch gern neue Musik über Empfehlungen von Freunden.
jazz-fun.de:
Pizza oder Pasta – oder etwas ganz anderes?
Makar Novikov:
Genau das: Pizza, Pasta oder etwas ganz anderes. Zwei Regeln: Ich esse alles und trinke alles – wie in der Musik versuche ich, offen zu bleiben und gleichzeitig eine Balance zu finden.
jazz-fun.de:
Der schönste Ort, den du je gesehen hast?
Makar Novikov:
Der Blick aus einem Gleitschirm über den Bergen – das ist unvergleichlich.
jazz-fun.de:
Wie sieht ein perfekter Sonntag für dich aus?
Makar Novikov:
Ein perfekter Sonntag ist der, an dem man nicht mehr weiß, welcher Wochentag gerade ist.
jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.
Aktuelles Album:
Makar Novikov - Long Journey: Zwischen den Linien des modernen Jazz
Makar Novikov Internetseite:
https://www.makarnovikov.com/
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