Marc Copland - Some More Love Songs

Marc Copland - Some More Love Songs

Marc Copland
Some More Love Songs

Erscheinungstermin: 30.03.2012
Label: Pirouet , 2012

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Marc Copland, piano
Drew Gress, bass
Jochen Rueckert, drums

Die vielen Tonlagen der Liebe.
Pianist Marc Copland hat mit seinen Partnern Drew Gress und Jochen Rueckert Some More Love Songs aufgenommen.
In schillernder Schönheit und Intimität.

Jeder kennt Stücke, die ihm plötzlich in den Sinn kommen und ihn nicht mehr loslassen. Stücke, von denen auf einmal Melodiefetzen in der Erinnerung herbeiwehen – und die sich dort für eine ganze Weile festsetzen. Manchmal ist das Musik, die man seit Jahren nicht mehr gehört hat. Und manchmal hat man sie erst vor kurzem im Radio wieder aufgeschnappt. Ganz in dieser Art schildert der Pianist Marc Copland, wie es dazu kam, dass er erneut eine Auswahl von Liebesliedern aufgenommen hat. Er drückt es sehr bildlich aus: „Immer mal wieder kommt solch ein Liebeslied mir ganz nah und spricht auf intime und eigene Weise zu mir.“ Es sei also nicht so, dass für Coplands neue Trio-CD bei Pirouet, Some More Love Songs, er die Stücke ausgewählt habe – sondern sie hätten ihn ausgewählt. Und, so könnte man ergänzen, das haben sie gut gemacht. Denn diese Folge von sieben bekannten und weniger bekannten Kompositionen hat einen zwingenden inneren Charme. Ein Stück folgt aus dem anderen. Und so, wie die Lieder zu ihm sprachen, spricht Copland hier zum Publikum: innig, vertraut und wieder auf völlig unverwechselbare Art.

Sieben Jahre hat es gedauert, bis diese sieben Lieder auf den Weg kamen als Ergänzung zu Coplands 2005 erschienenem Pirouet-Album Some Love Songs. Diese CD bekam damals Auszeichnungen von Fachmagazinen und Tageszeitungen in Frankreich, Deutschland, Italien, Irland, Brasilien, und da, wo Sterne verteilt wurden, war sie geradezu auf die magischen fünf abonniert. John Kelman hob damals in „AllAboutJazz“ hervor, dass Copland seine „besondere Technik und künstlerische Kompetenz“ hier nie zur Schau stelle und statt dessen ganz „der Essenz des Themas“ verbunden bleibe. Und Tobias Böcker lobte in der „Jazzzeitung“: „Kaum einer, der so viel Sorgfalt dem Klang widmet, kaum einer, der so unmittelbar aus sich selbst heraus spielt“. Liebeslieder also wirklich als Liebeslieder, wenn auch in Instrumentalfassung, und eben nicht als Gelegenheit, mit bekannten Melodien besonders zu glänzen.

Hier nun also Volume 2. Und dies in der Besetzung von damals. Einer Trio-Besetzung, die hier wieder das Kunststück vollbringt, mit enormer Virtuosität die Themen und vielen Gefühlsnuancen der Stücke zum Schillern zu bringen und diese Virtuosität zugleich sozusagen zwischen den mitgedachten Songzeilen zu verstecken. Coplands Partner sind der Bassist Drew Gress und der Schlagzeuger Jochen Rueckert. Alle zusammen drei, die reizvoll miteinander verschmelzen: Drew Gress, geboren 1959, vielgefragter Sideman von Musikern wie Fred Hersch, Ravi Coltrane und Uri Caine, ein Bassist, der mit allen Wassern der Avantgarde gewaschen ist, aber auch zu ganz starkem Ausdruck in der Interpretation von Evergreens fähig; Jochen Rueckert: geboren 1975, 1998 von Köln nach Brooklyn gezogen, musikaein Kreativgeist in vielen zeitgenössischen Ausprägungen des Jazz und ein feinsinniger Schlagzeuger, der größte Bewegtheit in ganz subtile Rhythmen fasst; und eben Marc Copland, geboren 1948, der große Poet eines vielschichtig schillernden Jazz-Klavierklangs, der Meister ganz feiner Klangfarben und einer Ästhetik, in der Musikstücke stets etwas von der reizvollen Schönheit einer großen Glasscheibe haben, in der sich Dinge spiegeln und durch die man zugleich hindurchsehen kann, um wieder andere Dinge zu entdecken.

„Love Songs“ mit solchen Musikern sind Abenteuer und Seelenbalsam zugleich. Es sind Spaziergänge durchs eigene Ich – und zwar dasjenige der Musiker und der Hörer gleichermaßen. Da gibt es vertraute Momente als emotionales Déjà-vu; und unerwartete Stimmungen und Ereignisse. Die CD beginnt eben gerade nicht mit einem Jazz-Standard, sondern mit einem frühen Song der großen kanadischen Lieder-Dichterin und – Komponistin Joni Mitchell, I Don’t Know Where I Stand. Eine melancholische Eleganz hat dieses Lied sowohl im Original als auch bei Copland, und es ist, wie mancher andere Love-Song, ein Lied der emotionalen Gespaltenheit: „Nahm einen Bleistift und schrieb ‚Ich liebe dich‘ von schönster Hand/Wollte es abschicken, aber ich weiß nicht, wo ich stehe“, heißt es darin. Bei Copland, Gress und Rueckert entsteht ein Schweifen in gebrochener Innigkeit, wunderschöne Melodiewendungen werden durch leise Echos in fremdartiger Tonalität beantwortet, ungemein elastisch reagieren Schlagzeug und Bass. Direkt darauf folgt My Funny Valentine, jenes durch die zerbrechliche Stimme Chet Bakers und die fadenzart gespielte Trompete von Miles Davis geprägte lyrische Highlight unter den Jazz- Balladen; hier allerdings schnell gespielt und richtiggehend forsch im Gestus – wie man durchaus jemandem huldigen kann, der zwar „unfotografierbar“ sei, aber doch das schönste Kunstwerk, das man kenne. So zeigen schon die ersten beiden Stücke die Spannweite und den Überraschungsreichtum dieser CD.

Die vielfältigen Tonlagen der Liebe – bei Coplands Trio kommen sie alle zum Klingen. „Mittlerweile“, so Copland, „im Alter von fast 64 Jahren, kenne ich all diese Lieder, aber ich habe sie vielleicht noch nie gespielt (I’ve Got You under My Skin) oder noch nie auf diese Art (My Funny Valentine), oder aber ich habe sie noch nie im Trio gespielt (I Don’t Know Where I Stand). Vielleicht hatte ich schon Wochen vor der Aufnahmesession vor, den Song aufzunehmen, vielleicht platzte er mir aber auch einfach in den Sinn, während wir dasaßen und darauf warteten, den nächsten Take zu beginnen. Wenn ich das Gefühl übersetze, das ein Song in meinem Herzen auslöst, dann kommt es in einer musikalischen Form heraus, die sehr oft anders ist, als man den Song gemeinhin kennt – oder anders, als man ihn normalerweise spielt. Mein Herz und meine Ohren führen diesen kleinen Tanz auf und sagen mir dann, wie ich den Song spielen soll. Oder eben nicht spielen soll. Und ich tu einfach, was sie sagen. Das habe ich immer getan; alles andere fühlt sich nicht aufrichtig an.“

Plastischer und schöner als Marc Copland selbst kann man den Prozess nicht beschreiben, der bei Musikern wie ihm dazu führt, die Atmosphäre und die Form von Interpretationen zu finden. Interpretationen, die sehr fein durchreflektiert und dabei doch ganz unmittelbar erscheinen – und es auch sind. Und gelassener und zugleich intensiver als Coplands Trio kann man die schönen und schmerzhaften Kräfte der Liebe kaum musikalisch darstellen. Ein wahres Wunder ist in dieser Hinsicht der Cole-Porter-Song I’ve Got You Under My Skin, der ganz weit weg ist von der berühmten, kraftstrotzenden Sinatra-Aufnahme mit Big- Band-Power und gestandener Stimmpracht. In fast zehn Minuten Dauer entfaltet sich hier ein Kaleidoskop der Empfindungen, die in viele Dimensionen der Intensität führen, die sich einstellt, wenn man jemanden ‚unter der eigenen Haut‘ spürt. Dieses Stück bildet den Gipfelpunkt in der Dramaturgie dieser CD, subtil vorbereitet einerseits durch eine Komposition des Bassisten Ron Carter, die 1965 auf der Platte E.S.P. des zweiten großen Miles-Davis-Quintetts firmierte, Eighty One, und andererseits durch Coplands zärtliche Eigenkomposition Rainbow’s End, bei der schon der Titel Bände spricht. Abgerundet wird die Sammlung dieser CD schließlich durch einen Song aus dem Repertoire des singenden Chet Baker, I Remember You – e in Song, der das Bild von einem zeichnet, der sogar noch den Engeln im Himmel von der großen Liebe vorschwärmt – und durch die feine Victor-Young-Ballade When I Fall In Love, die man nicht zuletzt von der zerschmelzenden Stimme Nat King Coles kennt.

„In einer rastlosen Welt wie dieser, hört die Liebe schon auf, bevor sie richtig begonnen hat“, sang Cole. Hört man Marc Coplands Interpretation, spürt man schnell, dass das nicht für dieses und andere Liebeslieder gilt. Diese Aufnahmen halten mit sanfter Magie die Zeit an. Es ist die Magie von Interpretationen, die nicht plakativ gefühlig sind, sondern Gefühlen mit all ihren Schönheiten und Widersprüchen einen musikalischen Raum geben. Treffender und aufrichtiger können Liebeslieder wohl kaum sein.

  1. I don´t know where I stand
  2. My funny valentine
  3. Eighty one
  4. Rainbow´s end
  5. I´ve got you under my skin
  6. I remember you
  7. When I fall in love

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