Der New Yorker Gitarrist Marc Ribot sorgte beim Internationalen Gitarrenfestival Saitensprünge 2025 in Bad Aibling für eine Sternstunde.

Sternstunde zum Jubiläum

Marc Ribot am 7.11.2025 beim Internationalen Gitarrenfestival Saitensprünge in Bad Aibling
Ein Bericht von Robert Fischer

Marc Ribot, der auf seiner Website dankenswerterweise eine Aussprachehilfe seines Nachnamens (REE-bow) bietet, hat gute Laune. Das ist nicht selbstverständlich, und man erkennt es auch nicht gleich. Denn zuerst muss der Mann, der nun auch schon 71 Jahre auf dem Buckel hat, eine Hürde überwinden, die ihm die Veranstalter im Kurhaus von Bad Aibling auf die Bühne gestellt haben. Vom hinteren Bühneneingang her kommend geht es nach vorn über eine Art Behelfstreppe auf eine tiefergelegene Vorderbühne, wo ein Stuhl, seine Instrumente, zwei Effektgeräte, ein Lautstärkepedal und ein Kofferverstärker schon auf den Meister warten. Es sind nur wenige, aber hohe Stufen ohne jedes Geländer, und so blickt man bang: Doch Marc Ribot meistert die Hürde vielleicht nicht so sportlich wie einst Barack Obama jede Gangway, aber fast mühelos, so scheint es.

Wenige Schritte sind es noch zu seinem Stuhl. Ein kurzer Blick ins Publikum, ein knappes „Hello“: Kann losgehen! Er schnappt sich eine Ukulele, die genauso wie seine Akustikgitarre und er selbst schon einige Jährchen auf dem Buckel haben dürfte, nur die Dritte im Bunde, eine rote E-Gitarre, scheint neueren Datums zu sein. Mit diesen Dreien im Wechsel wird er nun den Abend bestreiten. Er beginnt mit der Ukulele, spielt auf ihr fast genauso viele Stücke wie auf der Akustischen, singt über den „Death of a Narcissist“, über „Daddy’s Trip to Brazil“ – die E-Gitarre hebt er sich für einige wenige, mit Bedacht ausgesuchte Momente auf. Dass das verzerrte Lärmgewitter, das er wie wenige andere damit zu fabrizieren versteht, nicht jedermanns Geschmack ist, weiß er selbst, und er hat durchaus die Größe (und Selbstironie), sein Publikum vorsorglich beim nächsten Instrumentenwechsel zu entwarnen: „No worry“, meint er, er würde jetzt nicht schon wieder zur E-Gitarre greifen …

Marc Ribot
Marc Ribot, Foto Robert Fischer

Dass er alle drei Instrumente meisterlich beherrscht, hat er zu diesem Zeitpunkt längst eindrucksvoll demonstriert, und man merkt schon bald: Ja, der Mann, der einst in einer Garagenband seine inzwischen mehr als vier Jahrzehnte lang währende, auf über 500 Alben mit Künstlern wie Tom Waits, den Lounge Lizards und vielen anderen namhaften Musikern sowie auf 25 Alben unter dem eigenen Namen dokumentierte Karriere zwischen Jazz, Rock und Avantgarde begann, hat gute Laune. Und das aus gutem Grund.

Genauer: aus mehreren Gründen. Zum einen hat er in diesem Frühjahr ein wirklich gutes, wirklich besonderes und auch in der Presse hoch gelobtes Album veröffentlicht, „Map of a Blue City“. Es ist das erste, auf dem er selbst auch singt und für das er zum Teil auf Stücke zurückgriff, die schon dreißig Jahre in seiner Ideenschublade vor sich hinreiften.

Zum anderen hat er gerade eine zwei Monate lange Tournee hinter sich, die ihn durch die USA und Europa führte und auf der er dieses Album fast Abend für Abend dem Publikum präsentierte. Dass es überhaupt zu diesem letzten Konzert der Tour in Bad Aibling, einem idyllisch im bayerischen Voralpenland gelegenen Kurstädtchen, kam, war ursprünglich gar nicht vorgesehen. Nach seinem Konzert beim Jazzfest Berlin fuhr er nach Amsterdam, dann nach Pula und Split in Kroatien. Von da aus sollte es ursprünglich wieder nach Hause gehen. Doch in dem kleinen Kurstädtchen war Not am Mann: Als Stargast des dort heuer zum 25. Mal ausgerichteten Internationalen Gitarrenfestivals war zunächst Ralph Towner angekündigt, ein Mann der feinen, leisen Töne auf der Akustikgitarre. Ein Meister auch er, aber keiner, den man je eine E-Gitarre so lustvoll malträtieren sah wie Marc Ribot. Insofern war es durchaus nicht selbstverständlich, dass man in Bad Aibling auf die Idee kam, Marc Ribot als Ersatz für den erkrankten Ralph Towner zu verpflichten. Genauso wenig selbstverständlich war es, dass das Publikum, das Tickets für Towner gekauft hatte, zu Ribot gehen würde. Aber nun war der Saal voll, und Marc Ribot bekannte auf der Bühne, er sei froh, hier zu sein – aber auch genauso froh, nun wirklich am Ende seiner Tour angelangt zu sein.

Das also war ein weiterer Grund für seine gute Laune, und den vielleicht wichtigsten schob er gleich noch hinterher: Am Vortag gab es nämlich in seiner US-amerikanischen Heimat erstmals seit der Wahl Trumps mal wieder wichtige Erfolge für die Demokraten – sie siegten bei den Gouverneurswahlen in den Bundesstaaten New Jersey und Virginia sowie bei der Bürgermeisterwahl in New York City. Lauter gute Gründe also für einen gut gelaunten, freundlich moderierenden Marc Ribot, der diesen dunklen Novemberabend im Bayerischen Voralpenland in eine Sternstunde verwandelte: mit anrührenden Songs aus eigener und fremder Feder: Marc Ribot ist zwar kein begnadeter Sänger, aber ein faszinierender Geschichtenerzähler, der ein bisschen an den kauzigen Charme eines Randy Newman erinnert und dem man auch in den Ansagen zwischen den Stücken gern zuhört.

So spielt er etwa „When the World’s on Fire“ von den Carpenters und fügt hinzu, hier habe er sich allerdings die Freiheit genommen, ein paar Worte im Text zu ändern, um das Ganze „säkularer“ auszurichten. Zudem singt er nicht nur Stücke vom neuen Album – die allesamt auch da in der solistisch limitierten Liveversion überzeugen, wo sie auf dem Album eine sparsam instrumentierte Bandbegleitung erfuhren –, sondern er interpretiert darüber hinaus beispielsweise Allen Ginsbergs eindringlich deklamiertes Gedicht „To Aunt Rose“ oder formuliert selbst eine wütende Anklage („Information“) gegen die „Tech-Guys“, die sich mit gestohlenen Informationen die Taschen vollstopfen würden. All das begleitet er mit unaufdringlich virtuosem, folk-, blues-, jazz- und rockgetränktem Gitarrenspiel vor einem aufmerksam lauschenden, begeistert applaudierendem Publikum. Und so ging man  am Ende noch mit Zugaben beschenkt durch den Kurpark in die Nacht, und es soll Zuhörer geben wie den Autor dieser Zeilen, die ziemlich sicher sind, dass das eines jener ganz besonderen Konzerte war, an die man sich noch lange erinnern wird.

Marc Ribot
Marc Ribot, Foto Robert Fischer

Text und Fotos: Robert Fischer

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