Marc Ribot / Ceramic Dog - YRU Still Here?

Marc Ribot / Ceramic Dog - YRU Still Here?

Marc Ribot / Ceramic Dog
YRU Still Here?

Erscheinungstermin: 27.04.2018
Label: Yellowbird, 2018

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Why are you still here? - Unklar zunächst, an wen genau die Frage gerichtet ist. Aber sehr schnell wird deutlich, warum Marc Ribot himself noch da ist: Der Mann ist wütend, sehr wütend. Schon der Opener des neuen, nach fünf Jahren Funkstille jetzt dritten Albums seines skurrilen Trios Ceramic Dog springt einen mit zorniger Suada an: „I´ve got the right to say Fuck You!“ Ribot war immer schon politisch, Gewerkschaftsaktivist und Kämpfer für Künstlerrechte, nicht zuletzt in digitalen Sphären, doch in Zeiten des Unaussprechlichen platzt ihm quasi der Kragen. Er geht auf die Barikaden gegen die Razzien der Einwandererbehörde („Fuck La Migra“) und fordert leutstark eine „Muslim Jewish Resistance“.

Ihm zur Seite stehen bzw. sitzen, wie schon bei den von Kennern wärtgeschätzten Vorgängern Your Turn und Party Intellectuals, der Druckvolle Shazad Ismaily (Laurie Anderson, Jolie Holland, Bonnie Pronce Billy, Secret Chiefs 3, Will Oldham, Ben Frost etc.) am Bass, der sich live gerne auf winziger Hocker faltet, sowie an den Drums der extrem energetische Ches Smith (Xiu Xiu, ebenfalls Secret Chiefs 3, Trevor Dunn´s Trio Convulsant, Mary Halvorson, Craig Taborn etc.). Ribot nennt die beiden in Interviews gerne sein „musikalisches Gewissen“ oder auch seine „Familie“.

Vermutlich braucht man so eine Art kleine eigene Familie, wenn man, wie eben Marc Ribot, seit nunmehr Jahrzehnten – wir denken an die Kooperationen mit Tom Waits und John Lurie oder die multiplen Formationen um John Zorn aber auch als flexibler Sideman in einem gespannten Spektrum von Künstlern wie Elton John, Elvis Costello und Diana Krall – auf so grundverschiedenen Hochzeiten tanzt, aber immer mit der eigenen Handschrift, Tongebung, Phrasierung erkennbar ist.

Er bleibt auch auf YRU postmoderner Eklektiker, und ist wieder frappierend, wie geschmackssicher und authentisch er seinen wüsten Stilmix umsetzt: „Pennsylvania 6 6666“, ein zynischer Lobgesang auf die weiße, christliche Community als Latin-Nummer mit Bläser – Support und einem Nichtgesang in bester Lou-Reed-Manier. „Oral Sydney With a U“ verstrahlt und funky mit comichaft eingesetzten Moog-Effekten, der Titelsong „YRU Still Here?“ führt uns mitten ins Meghreb, nur um kurz darauf mit „Shut That Kid Up“ in einem rumpeligen Indie-Instrumetal zu landen, samt drone-artiger Schleifen und exquisiten harmonischen Überlagerungen. „Fuck La Migra“ ist gerappter Punk wie bestellt, und nach knapp drei Minuten landen wir mit „Ortodoxy“ im subkontinental angehauchten Prog-Rock. „Freak Freak Freak On the Peripherique“ ist die Parodie einer Discopraline, bevor uns „Rawhide“ mit Country- und Surf-Elementen, Vocoder und enervierenden Orgelsounds mit viel Theater nach Hause schickt.

Das funktioniert vor allem so gut, weil Marc Ribot all die divergenten Stilelemente ursprünglich behandelt. Er kann das alles und weiß, wo es herkommt, und so gerät das „back to the roots“ in dieser wilden Stilkompilation zu einer umfassenden Wurzelbehandlung, auf dass der Schmerz zum Zorn und der Zorn zum produktiven Impuls.

„YRU Still Here?“ - Marc Ribot ist mit Ceramic Dog noch immer da, weil es Künstler braucht, und immer brauchen wird, die heterogene Vielfalt zum ästhetischen Prinzip erheben und diese Gleichzeitigkeit des scheinbar Unvereinbaren auch leben wollen.

  1. Personal Nancy
  2. Pennsylvania 6 6666
  3. Agnes
  4. Oral Sidney with a U
  5. YRU still here
  6. Muslim Jewish Resistance
  7. Shut that kid up
  8. Fuck la migra
  9. Orthodoxy
  10. Freak freak freak on the peripherique
  11. Rawhide

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