Maria Baptist - Poems Without Words

Maria Baptist - Poems Without Words

Maria Baptist
Poems Without Words

Erscheinungstermin: 25.08.2017
Label: Maria Baptist, 2017

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Maria Baptist - piano & comp.
John Betsch - drums
Fabian Timm, bass
Jan von Klewitz - sax

Poems without Words -
Widersinniger Versuch den “Poems without Words” Sprache zu verleihen.

Die Musik, die Poems sprechen zwar nicht für sich selbst, aber sie klingen für sich selbst. Warum dann Worte suchen? Eine Antwort findet sich am Ende dieses Textes, zumindest der Versuch einer Antwort.

Nun, diese Poems verzichten zwar auf Worte, jedoch nicht die Musikstücke. Diese tragen Titel, nicht beliebig, sondern durchaus sinntragend.

„Ilumunate the Night“
Dieser Titel trifft ins Schwarze. Nach schöner langer Einführung durch das Piano -nicht vorsichtig, sondern zart mit Kraft - verdichten sich die Klänge. Bass und Drums halten sich diskret im Hintergrund, dabei bescheiden präsent im positiven Sinn von „weniger ist mehr“. Das Thema entwickelt sich stetig, nimmt an Konturen zu, erhellt immer mehr. Die Melodien und Harmonien sind von bestechender Klarheit. Nacht oder Tag, diese Musik erhellt als tönende Poesie seinen Gegenstand. Der Tag hat die die Nacht verdrängt, der Blick aus dem Fenster führt in atmende Landschaften von Klarheit und Weite.

„Apartment #3“
In diesem Apartment wohnt Leben. Ein betont rhythmisches Leben, dessen Musik durch Piano und Bass akzentuiert durch den Raum gleitet. Das Piano löst sich zusehends von den Eingangs-Mustern, spielt freier auf, bleibt variantenreich beim Thema. John Betsch zeigt nicht nur im Solo durch seinen federnden, stetig wirbelnden Beat, dass er nicht nur ein Drummer – im Sinne von schlagen, dreschen – sondern ein Trommler ist, der melodisch zu spielen vermag: Gedichte können eben auch getrommelt und gezupft werden. Spiel und Soli des Bassisten Fabian Timm tönen umsichtig, verhalten, nicht überladen. Durch diese „Zurück­nahme“ wird diese Musik noch eindringlicher, verstärkt deren Poesie.

Raus aus der Wohnung und runter auf die Straße: „Running“
So nennt sich das Stück und so tönt es auch. Zuerst scheinbar sperrig, dann aber ungemein kraftvoll rennt dieses Stück durch Landschaft wie Leben. Jan von Klewitz gesellt sich mit seinem Alt zum Trio. Das Saxophon führt jetzt die harmonischen Linien, die Musik nimmt Fahrt auf, steigert Tempo und Ausdruck. Die „Hörer“ schaffen es gerade noch mitzurennen. Das Piano macht dort weiter, wo das Saxophon vorgelegt hat. Wir rennen durch freiere akustische Gefilde, werden energisch gepackt, werden einfach mitgenommen. Immer wieder „springen“, zupfen und trommeln die Jungs von der Rhythmen Section in die frei werden Räume, füllen die Pausen, überbrücken die Stille, leiten über, wenn die anderen mal Atem holen müssen.

Wir kommen an und halten inne: „On the Top of the Moutain“
Hier verwandelt sich das Poem zur kurzweiligen Ballade, erzählt vom Alto Sax: sinnliche Geschichten voller Erhabenheit mit expressiver Tonfärbung. Dies gilt auch für „Turn up the Silence“. Schönheit beschwörend, beginnt wieder das Alt eine, nein, mehrere Geschichten zu erzählen. Den musikalischen Rahmen, besser, das musikalische Feld, die klingenden Landschaften des Trios, das sind Geschenke für jede Solo-Stimme.

Jan von Klewitz nimmt dankbar an und bindet schillernde Schleifen um dieses musikalische Geschenk. Ein bestechendes Solo legt sich über die Stille der Musik: klare Linien, in bester Tradition von klassischer Jazz-Intonation und zeitgenössischem Ausdruckswillen – Alto-Sax in höchster Ausprägung - Altissimo. Die Klangwelten des Pianos machen dort weiter, wo das Alt nicht aufhören kann. Hier fehlen wirklich die Worte … und sogar der Mond hält inne und bekommt dafür ein Stück auf den Leib geschrieben: „The Moon Stood Still“.

“Things I wanted to say” ist nicht musikalisches Statement, sondern kann als Vermächtnis des Albums gelten. Eine gewinnende Melodie – wieder zuerst vom Saxophon vorgetragen – wird vom Piano übernommen und stringent weitergeführt. Hier ist alles zu hören, was poetische (Jazz)Musik ausmacht: lyrisch expressive Klänge, und ein verliebtes „Spielen“ mit der musikalischen Idee. Abwechselnde Stimmführung und auch dramatische Akzente können die Wirkung von Poesie noch erhöhen. So tönt es in „Beautiful Chaos“, das aber nicht wirklich chaotisch ist, sondern wohlstrukturiert sich der Welt darbietet – aber einer vielschichtigen musikalischen Welt.

Diese Lyrik kann nicht mehr gesteigert werden. Hier wird jetzt der Preis für lustvolles Hören und ausgiebiges Schwelgen in den Schönheiten der Klänge fällig. „Hell´s Kitchen“ kommt schräg daher. Ein Funk-Rhythmus untermauert das Geschehen durch einen präsenten durchlaufenden Beat: quirlig, unruhig die anderen Stimmen. Metropolen-Sound, Hexenküche oder eben Hell´s Kitchen. Wie auch immer. Das Feuer in dieser Küche brennt eher digital-atonal als (jazz)klassisch analog. Dies kann und soll bei diesem Titel auch nicht anders sein. Als Gegenwichtig zur Herstellung einer musikalischen Balance im Album ist dies sogar erforderlich.

Nun, wie steht es aus mit dem Gebrauchswert von Poesie – gleich ob klingend durch Musik oder sprechend durch Worte? Wie sehr taugt diese für den Alltag?

Vielleicht kann sie Folgendes bewirken: ein Aufblitzen von Gefühlen, ein Wahrnehmen von Empfindungen, ein Erinnern an vergangenes Geschehen des eigenen Lebens, ein Durchdringen von Fantasien und Tag-Träumen und von so viel mehr. Dieses Aufblitzen geschieht schnell, die Wirkung kann unmittelbar einsetzen, das Weitere erfüllt die eigene Fantasie …

Zeitweilig kann Poesie auch einen ganz konkreten Gebrauchswert annehmen. Mir kommt der wunderbare italienische Film „Il Postino“ in den Sinn. Dort erobert der Postbote einer abseits gelegen Insel seine Angebetete mit Hilfe der Lyrik Pablo Nerudas, der dort im Exil verweilt. Der Postbote lernt Neruda und seine Gedichte kennen. Durch Vortragen dieser Zauberverse kann er seine Señora erobern. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Verse von dem Meister oder vom Postboten – so wie die Angebetete glaubt - stammen. Die – einmal publizierten - Gedichte sind frei, können und sollen verwendet werden.

So mag es sich auch mit dem Poems without Words verhalten. Man/frau möge diese tönenden Gedichte dem „Objekt der Sehnsucht“ zu Ohren bringen. Ähnliche Erfolge wie die des alltagsklugen Postino sind nicht zufällig, sondern (nahezu) unvermeidlich. Bei einem Live-Konzert könnten sich die Erfolge sogar noch schneller einstellen. In diesem Sinne …

Text: Cosmo Scharmer

  1. Illuminate the Night
  2. Apartment '3
  3. Running
  4. The Moon Stood Still
  5. Beautiful Chaos
  6. Things I Wanted to Say
  7. Turn up the Silence
  8. Hell’s Kitchen
  9. On Top of the Mountain

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