Martial Solal - Coming Yesterday: Live At Salle Gaveau 2019

Martial Solal - Coming Yesterday: Live At Salle Gaveau 2019

Martial Solal
Coming Yesterday: Live At Salle Gaveau 2019

Erscheinungstermin: 09.04.2021
Label: Challenge Records, 2021

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Martial Solal – Piano

Standards steht zwar nicht auf dem Cover, aber darum geht es: alt- und weltbekannte Titel auf eigene Weise zu spielen. Diese Stücke haben (fast) alle oder zumindest sehr viele Musiker aus der Jazz-Welt in ihrem Repertoire und demzufolge sind diese Songs erst zu dem geworden, was sie sind: Standards. Die haben es gleichermaßen leichter und schwerer als gänzlich neue Kompositionen. Sie haben es leicht, da die Titel bekannt, vertraut, beliebt sind. Sie haben es schwer, da hohe Ansprüche an eine spezielle, ganz eigenwillige Interpretation gestellt werden. Das muss sich „neu“ anhören. In dieses Spannungsverhältnis begeben sich alle Musiker, die Standards neu interpretieren, ungehörte Nuancen freilegen, aktuelle Stile und Spielweisen einfließen lassen wollen. Wie geht Martial Solal damit um?

Souverän, abgeklärt, wenn nicht abgezockt. Alle Titel sind live eingespielt und zeigen einen erfahrenen Pianisten, der sein ganzes Können, seine jahrzehntelange Erfahrung in dieses Solo-Konzert einbringt. Einbringen? Nein, hinein schmettern was das Zeug hält, was Tasten und Anwesende aushalten. Ein legitimes Ansinnen für sein letztes Konzert, auch wenn weiterhin Alben von ihm zu erwarten sind.

Martial Solal ist stilistisch nicht eindeutig festzumachen. Zwar bewegt er sich im weiten Rahmen einer swingenden Spielweise, aber er baut alle möglichen Varianten ein, sorgt für steile Brüche und skurrile Ausschweifungen. Die Metapher eines swingenden Oscar Petersons, der „frei aufspielt“ und seine neu entdeckte Vorliebe für Free Swing unerschrocken in die Tasten hämmert, kommt der Spielweise von Martial Solal schon nahe, ohne es ganz zu treffen. Da ist auch noch eine gehörige Portion Schalk, Aberwitz und Ironie auszumachen, die sich Martial schelmisch vom genialen Monk ausgeliehen hat. Alles weitere stammt aus Kopf und Händen des Virtuosen selbst. Die Standards sind kaum durch ihre vertrauten Melodielinien oder Refrains zu erkennen, mal von Duke´s Caravan oder Frère Jaques abgesehen. Die Auseinandersetzung mit den Themen der Standards bewegt sich einerseits stärker im rhythmischen Raum, der dann völlig unerwartet tönt. Zum anderen zielen seine weit abschweifenden Improvisationen auf eine Auseinandersetzung mit den Harmonien, was dazu führt, dass viele Titel nicht wie Standards klingen, sondern wie seine eigenen Songs.

Martial Solal schont weder sich, noch die Standards und auch nicht sein Publikum. Das muss sich auf seinen eigenwilligen, sprunghaften Stil, seine ständigen Wechsel, schroffe Brüche und Überraschungen einstellen. Es bedarf der Konzentration und der Fähigkeit des Sich-Einlassen-Könnens. Nun, das anwesende Publikum schien damit keine Probleme zu haben. Es setzte sich offensichtlich und hörbar aus Freunden und Fans zusammen, die seiner Musik enthusiastisch Applaus spendeten.

Diejenigen, die seine Spielweise nicht oder weniger zu schätzen wissen, haben es schwerer einen Zugang zu finden. Das betrifft besonders den emotionalen Aspekt seiner Musik, der sich nicht spielend leicht von alleine einstellt, sondern „erarbeitet und erhört“ werden muss. Wer das kann, für den ist Coming Yesterday ein tolles Geschenk.

Text: Cosmo Scharmer

jazz-fun.de meint:
Die Musik ist gemächlich und kunstvoll gewoben, genial. Berührend und evozierend unsere musikalische, hoffnungsvolle Jugend.

  1. I can't get started
  2. Coming yesterday
  3. Medley Ellington
  4. Sir Jack
  5. Tea for two
  6. Happy birthday
  7. Lover man
  8. I'll remember April
  9. My funny valentine
  10. Have you met Miss Jones

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