Matthias Meyer - Niemandsland

Matthias Meyer - Niemandsland - Albumcover
Matthias Meyer - Niemandsland

Matthias Meyer
Niemandsland

Erscheinungstermin: 24.01.2025
Label: Double Moon, 2024

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jazz-fun`s recap:

Das Album ist eine Mischung aus geplanten, perfekt geführten musikalischen Formen und sensiblen, ungehemmten und kunstvollen Improvisationen. Das Album ist unverkennbar und paradoxerweise gleichzeitig vielfältig und kohärent. Die Soloparts, die wechselnden Klangfarben, die Schattierungen der Dynamik und die Nuancen der Artikulation sind es wert, genau angehört zu werden - es ist eine Klasse für sich. Ein wunderbares Album, wir sind begeistert! (Jacek Brun, 24.01.2025)

Besetzung

Finn Vidal - Tenor Saxophone
Efim Braylovskiy - Saxophone
Jakob Reisener - Piano
Morten Larsen - Double bass
Matthias Meyer - Drums

Über das Album "Niemandsland" von Matthias Meyer

"Niemandsland" ist nicht nur der Titel dieses Albums. Matthias Meyer hat auch seine Band so genannt - Matthias Meyers Niemandsland. Ganz klar: Für den Schlagzeuger, Komponisten und Bandleader aus Berlin hat der Begriff eine tiefere Bedeutung. Er ist zum Schlüsselwort seiner musikalischen Selbstfindung geworden.

Das geht zurück auf die frühe Corona-Zeit mit ihren Restriktionen, die auch und gerade viele Kulturschaffende traf. Kurz zuvor war Matthias Meyer von Hannover nach Berlin gezogen, um im Umfeld des renommierten Jazz Instituts Berlin die nächsten Schritte seiner Entwicklung zu gehen. Innerhalb weniger Monate fand er sich in einer Art Niemandsland wieder, einem zunächst unwirklich erscheinenden Stadium des erzwungenen Stillstands und der Abschottung, irgendwo zwischen Leere und Hoffnung. Eine Erfahrung mit kathartischer Wirkung. In dieser Phase legte er den Grundstein für seinen weiteren kreativen Weg: in ästhetischer Hinsicht ebenso wie in Bezug auf das Selbstbewusstsein, der sich abzeichnenden musikalischen Vision zu folgen.

„Niemandsland“ ist Matthias Meyers erstes eigenes Album. Das international besetzte Quintett (Larsen ist Däne, Braylovskiy Russe) ist seine erste eigene Band. Angesichts der Reife der Kompositionen und Arrangements, der Dichte des Zusammenspiels und der kollektiven wie individuellen Klasse ist das erstaunlich. Ein Grund ist sicher das frisch gewonnene und zielstrebig umgesetzte künstlerische Selbstverständnis des Leaders. Ebenso wichtig dürfte die enge Verbundenheit der Bandmitglieder sein. Die fünf haben sich im Jazzinstitut kennen gelernt, in verschiedenen Konstellationen gespielt und schließlich Meyers Stücke gemeinsam bis zur Aufnahme ausgearbeitet.

Die Entscheidung für die Besetzung mit zwei Saxophonen hat der Schlagzeuger schon früh und sehr bewusst getroffen. Wie so vieles in seinem Schaffen hat sie einen ganz persönlichen Hintergrund. Meyers erstes Instrument war das Saxophon, ein Tenorsaxophon besitzt er immer noch. „Auch als ich längst Schlagzeuger war, habe ich das nebenbei ziemlich ernsthaft betrieben und noch an der Uni Saxofonunterricht genommen. Ich fand immer, dass es mir beim Schlagzeugspielen helfen kann. Als Schlagzeuger bin ich sehr daran interessiert, eine intensive Verbindung zur Musik aufzubauen - das ist beim Schlagzeug nicht so offensichtlich wie bei anderen Instrumenten. Eines meiner großen Vorbilder auf dem Saxophon ist Sonny Rollins. Seine Art zu phrasieren funktioniert auf dem Schlagzeug genauso gut.

Fast programmatisch klingt der Titel des zweiteiligen Album-Openers: „Becoming“. Das Persönliche setzt sich in den einzelnen Tracks fort. „Ich habe oft einen konkreten gedanklichen Ausgangspunkt“, erklärt Meyer. „The Thought Of Dying“ zum Beispiel entstand aus einem überwältigenden Gefühl von Weltschmerz: „... wenn man sich mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetzt - wie plötzlich alles vorbei sein kann. Aus diesem Gefühl heraus habe ich mich ans Klavier gesetzt". Auf einen konkreten Fall in Meyers Familie geht der „Choral der Schlaflosen“ zurück, eine einfühlsame Umsetzung dessen, was Betroffene erleben. „Deshalb ist das Stück so eindringlich. Es beginnt mit einer Art Schlafchoral und beschreibt dann diese Dauerschleifen, wenn man versucht, Schlaf zu finden und der Körper es nicht zulässt. Je länger es dauert, desto mehr wird es zu einem Horrortrip“.

Dass er so konkret auf Autobiografisches Bezug nimmt, führt er auf seine andere große musikalische Liebe zurück - die Rockmusik, sei es Prog- oder Indierock. „Rock-Songs sind einfacher zu verstehen. Ich liebe es, wenn ich mich bei bestimmten Stücken verstanden fühle. Ich fühle mich besser, wenn da noch jemand ist, der das Gleiche empfindet." Jazz sei zwar abstrakter. „Aber durch die Titel meiner Stücke kann man sich ansatzweise vorstellen, was dahinter steckt, und hat vielleicht gleich ein anderes Gefühl beim Hören.“

Es gibt auch Kompositionen, die von bestimmten Menschen inspiriert sind. „Marc“ ist eine Hommage an den deutsch-britischen Bassisten und Komponisten Marc Muellbauer. „Der beste Jazzpädagoge, den ich in meiner Karriere kennengelernt habe“, lobt Meyer den erfahrenen Wahlberliner, Bassisten und Komponisten/Arrangeur. Er habe ihm entscheidend durch die Corona-Zeit geholfen. Und wies ihn unter anderem auf die kompositorische Intelligenz des Pianisten Marc (!) Copland hin, der das Intro des Stücks beeinflusste. „Clayton’s Labyrinth“ ist eine Hommage an den amerikanischen Pianisten George Clayton und seine inspirierende Fähigkeit, Einfachheit und Komplexität zu verbinden - ein Ideal auch für den Komponisten Matthias Meyer.

Der gebürtige Hildesheimer, der in Hannover Musik und Politik studierte, um sich dann ganz der Musik zu widmen, sieht seinen derzeitigen Lebensmittelpunkt in Berlin. Seit Herbst 2023 lebt er allerdings in Brooklyn, NY, und studiert mit einem DAAD-Stipendium am City College of New York. Seine Rückkehr ist für Mai 2025 geplant. Auch einige seiner Bandkollegen sind - vorübergehend - in andere Städte gezogen. Doch Matthias Meyers Niemandsland wird bald wieder zusammen sein, natürlich auch, um die intelligenten, atmosphärisch dichten und emotional durchdrungenen Stücke des Leaders live zu präsentieren.

Text: Double Moon

Titelliste

  1. Becoming part 1
  2. Becoming part 2
  3. Clayton's labyrinth
  4. Holy E
  5. The thought of dying
  6. For Marc
  7. Choral der Schlaflosen
  8. Escaping from reality (but only for 45 minutes)

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