Mauvve Stan - Flyin'

Mauvve Stan, Foto:Paula Markert
Mauvve Stan, Foto:Paula Markert
Mauvve Stan - Flyin'

Mauvve Stan
Flyin'

Erscheinungstermin: 27.04.2012
Label: Whirlpool, 2012

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Jazz ist die Musik der Großstadt. Eigentlich. Er leitet sich aus einem breiten afro-euroamerikanischen Hauptstrom ab, dessen Quelle vor über hundert Jahren in New Orleans aufbrach, der aber längst alle Metropolen der Welt durchströmt. Jazz ist eine internationale Sprache, die bei aller stilistischen Unterschiedlichkeit doch überall verstanden und gesprochen wird. Zwei Jazzmusiker – mögen sie nun Dixieland spielen oder auf dem Laptop improvisieren – werden sich immer als solche erkennen und verstehen.

So weit, so gut. Denn neben diesem gigantischen Hauptstrom gibt es immer wieder kleine versteckte Biotope, die nach ganz eigenen Gesetzen funktionieren. Zum Beispiel im Wendland, Deutschlands wohl umweltbewegtestem Landstrich am unteren Lauf der Elbe. Dort, wo die Menschen mindestens ebenso renitent sind wie in dem allseits bekannten kleinen gallischen Dorf und man den Anti-AKW-Protest schon mit der Muttermilch aufsaugt, hat sich fernab der großen Metropolen auch eine der eigenwilligsten Jazzformationen Europas angesiedelt. Mauvve Stan (sprich: Moof Sten) machen Musik zu einem Erweckungserlebnis.

Man muss von Flyin´ nicht allzu viele Takte gehört haben, um sofort zu begreifen, dass wir hier vertrautes Hörterrain verlassen. Bei Mauvve Stan setzt sich nichts so zusammen, wie wir es kennen. Ein multiinstrumentales Quintett mit drei Gitarren, zwei Schlagzeugen, Reeds, Bass, Keyboards und Stimmen erfindet die Musik buchstäblich neu. Die Klangarchitektur von Flyin´ ist so einzigartig, originär und unverwechselbar wie einst die von Hal Russell und seinem NRG Ensemble.

Die Besetzung lässt zunächst auf eine Art kraftvollen Powerrock schließen. So viele Instrumente, darunter drei Gitarren. Doch das Gegenteil ist der Fall. Max und Stefan Wulff, Werner Kracht, Matthias Gruber und Willem Hasse hören einander zu und öffnen sich gegenseitig Türen. Band-Koordinator und -Kulminator Max Wulff beschreibt diese Herangehensweise wie folgt: „Es ist wie zwei Briten, die sich auf der Türschwelle begegnen. Jeder sagt zum anderen: Bitte nach Ihnen.“ Auch bei Mauvve Stan hätten alle großen Respekt vor den Standpunkten der jeweils anderen. „Es gibt bei uns überhaupt keine Hierarchie. Sowie einer von uns eine wesentliche Information von einem seiner Mitspieler erhält, wird er sich selbst zurücknehmen und dem anderen den Raum geben. Und doch sind immer alle präsent, geht es immer ums Ganze.“

Bei Mauvve Stan entstehen Räume. Diese Räume werden jedoch nicht von starren Wänden begrenzt, sondern von durchlässigen Membranen. Die Außenwelt gelangt nach innen und umgekehrt. Jede Hermetik verbietet sich. Max Wulff, auch als bildender Künstler tätig, betrachtet Musik zwar als „auditive Kunst, die aber assoziativ wirken, Bilder auslösen und der Fantasie der Menschen Nahrung geben soll.“ Man könne das auch mit einem Aquarell vergleichen, nicht im fertigen Zustand, sondern im Prozess des Auftragens der Wasserfarben, wenn die verschiedenen aufgelösten Farbpigmente ineinander verlaufen. Extrem abstrakte Momente würden sich spontan mit sehr organischen Aspekten verbinden. „Wir wollen Geschichten erzählen,“ so Wulff, „und Geschichten können eben jede Form annehmen. Sie können traurig, fröhlich oder spannend sein.“

Auf diese Weise entstehen Klangkonstellationen, die man so noch nie gehört hat. Wenn zum Beispiel einige der Musiker zu singen anheben, weicht die kristalline Leichtigkeit der instrumentalen Improvisationen plötzlich einer archaischen Erdigkeit. Aus den Aquarellen werden Tonskulpturen. Bei diesen Prozessen gelingt es der Band, stets auf extreme Weise um ihr eigenes Zentrum herumzuspielen. Manchmal erscheint es, als würde das im Jazz so unverzichtbare Lead-Instrument einfach fehlen. Zum Mittelpunkt der Musik werden dadurch nicht die Akteure, sondern wir, die Hörer, in deren Wahrnehmung sich die Sounds zusammensetzen und eine neue Mitte bilden.

„Flyin’“ besteht zwar aus einzelnen Tracks unterschiedlicher Länge, doch handelt es sich dabei um einen geschlossenen Zyklus von Klangentwicklungen. Diese Suite ist ein veränderliches Objekt, das permanent Farbe, Form, Ausdehnung, Dichte, Temperatur und Aggregatzustand ändert. Dieser fortwährende Wechselmechanismus von Anziehung und Abstoßung, Poesie und Spröde entfacht eine einzigartige Klangsprache, die auf der persönlichen Vertrautheit der fünf Musiker beruht. Max Wulff und Co. wollen den Hörer bewusst herausfordern. Endlich hat im deutschen Jazz mal wieder jemand den Mut, zu provozieren und polarisieren.

  1. Satyr Tales
  2. Strange Visitor
  3. Chronos Lunch
  4. Flying Carpets
  5. Wrong Planet
  6. Marvel et Danielle
  7. L'hirondelle
  8. Wind Rites
  9. Desert Garden
  10. Captain Reedblower
  11. Swinging Echoes
  12. Prayer X

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