Meshell Ndegeocello im Interview
Ein Song ist ein Gerüst, der durch sein Arrangement strahlt
Von Angela Ballhorn
Über die „unsung heroes“, die Arrangeure, die Kunstwerke aus Songs machen. Duette aus 60 Jahren Popgeschichte stehen bei „Synomym“ (Blue Note) im Zentrum, die von der Bassistin, Sängerin und Produzentin Meshell Ndegeocello ausgewählt wurden, dann auf Text und Melodie reduziert und komplett neu aufgestellt und arrangiert wurden. Manchmal mit Hilfe von befreundeten Kollegen. Absolutes Highlight ist Meshells Duett mit Anohni in Sonny & Chers Hit „I Got You Babe“ in einem atemberaubenden Arrangement von Levon Henry. In die bezaubernde Neufassung schmiegt sich Meshells dunkle Stimme in den Bläser-Background.
„Synonym“ ist nach „The Omnichord Real Book“ (2023) und „No More Water: The Gospel Of James Baldwin“ (2024) ihr drittes Album auf Blue Note. Beide Alben wurden mit einem Grammy ausgezeichnet und mit jedem Album verschiebt Meshell Perspektiven und Soundkosmen und überrascht die Zuhörer.
jazz-fun.de:
Fangen wir doch mal mit einem späten Happy Birthday an! Du hattest letzte Woche Geburtstag! (Das Gespräch fand Anfang September statt)
Meshell Ndegeocello:
Danke! Das war am 29. August, am selben Tag wie Michael Jackson und Charlie Parker!
jazz-fun.de:
Ihr drei habt am gleichen Tag Geburtstag? Wow!
Meshell Ndegeocello:
Ja, wir sind alle am selben Tag auf diesen Planeten gekommen.
jazz-fun.de:
Ein herzliches Glückwunsch auch zu einem weiteren tollen Album!
Deine Aufnahmen sind immer eine Wundertüten für mich.
Meshell Ndegeocello:
Wie meinst du das?
jazz-fun.de:
Ich habe dich im März in Berlin gesehen. Das war eine Art Übergang zwischen dem James Baldwin-Programm und deinem aktuellen Album „Synonym“. An dem Abend hast du mit deiner Band viele Songs gespielt habt, die ich aus der Popgeschichte kannte und bei denen es trotzdem einige Zeit dauerte, bis ich sie zuordnen konnte.
Meshell Ndegeocello:
Als Musiker arbeitest du ja immer schon am nächsten Projekt. Es war großartig, dass Baldwin eine so lange Haltbarkeit hatte. Wir haben das Programm in den letzten acht Jahren gespielt. Wir hatten Übergänge zu anderen Programmen und Aufträge, im Moment ich schreibe zum Beispiel einen Song für den 250. Geburtstag der Vereinigten Staaten. Für „Synonym“ haben wir Songs von der Playlist der Leute zu spielen, wie ich es nenne. Es ist immer alles in Bewegung, die Band und ihre Besetzung ändert sich. Du musst nur versuchen, dein gutes Gefühl, deine Nahrung darin zu finden.
jazz-fun.de:
Ich hatte den Eindruck, dass dein neues Programm eine Art Throw Back Programm ist, das durch 60 Jahre Popmusik geht. Das ist eine lange Zeitspanne mit vielen musikalischen Möglichkeiten. Nach was für Kriterien hast du deine Stücke ausgesucht?
Meshell Ndegeocello:
Oh, die haben eher mich ausgesucht! Ich habe nur Duette ausgesucht, die ich mochte und die in meinem Kopf präsent waren. Ich hatte quasi ein fortlaufendes Gedankenprotokoll. Als ich 2022 von Blue Note gesigned wurde, war das eine Albumidee, die ich gepitched habe. Wenn du unter Vertrag genommen wirst, musst du drei Ideen liefern. Diese Idee hatte ich schon eine Weile. Ich habe mir viel Musik angehört, darunter eine Menge Duette. Ich habe die ausgewählt, die sich gut angefühlt haben. „Don’t Look Any Further“ ist einer meiner Lieblingssongs. Bei „Don’t You Want Me“ von 1984 erinnere ich mich noch genau, wo ich war, als ich den Song das erste Mal gehört habe. Das war die Zeit, als ich in den englische Popsound eingetaucht bin. Der Song war eine Jugend Club-Hymne für die Unterdrückten.
Ich habe Songs ausgesucht, die meine Fantasie ansprachen. Als ich in Südafrika war, haben Abe (Rounds) und ich geprobt und nebenher Youtube-Dokumentationen angeschaut. Eine davon war über Bob Dylan, und da sang er zusammen mit Joan Baez „With God On Our Side“. Es war eine klare Sache, dieses Stück zu nehmen, vor allem, wenn du dich gerade in Südafrika, einem Polizeistaat, aufhältst.
jazz-fun.de:
Der Hauptpunkt war, dass es ein Duett sein musste.
Meshell Ndegeocello:
Ja, es musste ein Duett sein. Aber wenn du bei „Be Real Black For Me“ genau hinhörst, merkst du, dass es kein Duett, sondern ein Wir-tett („We-tet“) ist, weil wir zu dritt sind. Ich wollte ein kollektives Gefühl haben.
jazz-fun.de:
Und die Arrangements haben sich über einen längeren Zeitraum ergeben?
Meshell Ndegeocello:
Arrangements mache ich am liebsten. Ich hoffe, dass die Leute das bei diesem Album auch merken. Für mich sind die Arrangeure die Unsung Heroes. Alle denken, dass die Produzenten alles machen, aber ich möchte besonders auf Billy Strayhorn oder Quincy Jones zurückkommen. Diese unbesungenen Arrangeure sitzen im Hintergrund und schreiben interessante Bläsersätze. Es ist ein Shoutout für sie, eine Art Neugestaltung. Das ist es, was mir sehr viel Spass macht und mich begeistert. Ich mag es, einen Song zu nehmen und zu schauen, welche andere Welt ich in ihm entdecken kann.
jazz-fun.de:
Waren Songs dabei, die du zum Beginn deiner Karriere vielleicht schon in Coverbands gespielt hast?
Meshell Ndegeocello:
Das ist eine tolle Frage!
jazz-fun.de:
Könnte ja sein?
Meshell Ndegeocello:
Ich habe in einer Reihe von Coverbands gespielt, da wird sicher der ein oder andere Song davon dabei gewesen sein.
jazz-fun.de:
Aber natürlich nicht so, wie du die Songs jetzt spielst.
Meshell Ndegeocello:
Definitiv nicht! Not at all! Not! At! All!
jazz-fun.de:
Ich mag die vielen unterschiedlichen Gastmusiker. Denn trotz allem ist es eine nahtlose Produktion…
Meshell Ndegeocello:
Oh, das war meine Hoffnung! Ich bin jetzt 58 Jahre alt und hatte eine grossartige Erfahrung, als Solokünstler vorne zu stehen. Danach habe ich kein Verlangen mehr. Außerdem mag ich es, Musik zu produzieren. Das bedeutet für verschiedene Menschen unterschiedliche Dinge. Ich mag es, eine Idee zu haben und die dann auch über die Ziellinie zu kriegen. Ich habe diesmal wieder mit David Gamson zusammengearbeitet, meinem Lieblingsproduzenten, der auch meine ersten beiden Alben produziert hat. Er ist der Grund für meine Karriere. Abe (Rounds, Produzent, aber auch Drummer ihrer Band) habe ich an der Berklee School of Music getroffen, als er 21 war. Jetzt bin ich sein größter Fan. Es ist toll, mit zwei Menschen arbeiten zu können, die ich liebe und respektiere. Und mit denen ich Spaß haben kann! Und beide haben Fähigkeiten, die ich noch entwickeln möchte.
jazz-fun.de:
Was ist mit den Gästen? Waren das Leute, mit denen du früher schon zusammengearbeitet hast? Oder standen sie schon lange auf deiner Liste?
Meshell Ndegeocello:
Oh nein, das Ziel ist, dass dies die erste Platte ist, von der ich möchte, dass sie sich richtig gut verkauft. Ich möchte etwas von dem Erlös an die ACLU (American Civil Liberties Union, eine US-amerikanische, gemeinnützige Bürgerrechtsorganisation mit Sitz in New York) abgeben. Die Gästeauswahl veränderte sich. Mein erster Anlauf 2020 verzögerte sich durch Covid. Dann hatte ich eine andere Vision und beschloss, dass ich aus meiner Komfortzone raus muss. Deswegen habe ich Leute gefragt, die ich nicht mal kannte. Mein Team weiss, dass ich den Film „Wicked“ liebe, ich bin ein totaler Cynthia Erivo-Fan. absolut starstruck. Ich glaube, ich habe den Film mindestens 15 mal gesehen. Ich bin Elphaba, ich fühle mich manchmal auch total missverstanden. Also war Cynthia Erivo die erste Person. Ich habe mich getraut, sie zu fragen, sie hat ja gesagt. Sie war die erste, die zugesagt hat. Das gab mir das Vertrauen, absolut jeden fragen zu können für die Aufnahmen. Dann habe ich weitergemacht und geschaut, wen ich noch alles kriegen kann. Madison Cunningham ist für mich eine der größten Musikerinnen heutzutage. Sie ist eine der besten lebenden Gitarristen, sie und Jeff Parker sind meine Gitarrenhelden. Also musste ich sie fragen. Chaka Khan musste ich fragen, weil ich mir vorstellen konnte, dass es mit ihr Spass machen könnte.
jazz-fun.de:
Das klingt sehr danach!
Meshell Ndegeocello:
Yeah! Und OMG, „Islands In The Stream“ ist jetzt sehr bedeutungsvoll für mich wegen Dolly Parton (die zwei Wochen vor dem Interviewtermin verstorben ist). Mit dem Album wollte ich Arrangeure und Songwriter hervorheben. Ich war so glücklich, dass der Mann, der „I Knew You Were Waiting“ geschrieben hatte, sich bei mir gemeldet hat und sagte, dass er mein Arrangement liebt. Das bedeutet die Welt für mich
Brandi Carlile ist eine der größten Vocal-Arrangeure aller Zeiten. Abe hat mit Joni Mitchell gespielt, über diese Verbindung habe ich Brandi getroffen. Ich habe meine Schüchternheit abgelegt und sie einfach gefragt. Moses Sumney habe ich bei einem Festival in Amsterdam gesehen, bei dem er aufgetreten ist. Ich bekam seine Nummer und wusste, dass die Zeit für ein gemeinsames Projekt kommen würde. Er ist noch so jung, ich kann es nicht erwarten, zu sehen, wer er werden wird und was er erreichen wird. Er ist ein Genie.
jazz-fun.de:
Das ist der Track, der am meisten nach Prince klingt!
Meshell Ndegeocello:
Jeez, was für ein Genie, was für ein Talent…
jazz-fun.de:
Und ich muss ehrlich gestehen, dass mir der Name Anohni vorher noch nie untergekommen ist, aber ich liebe die Stimme…
Meshell Ndegeocello:
Ja, ich weiss, auch ein Genie. Lass uns weitermachen! Anohni ist ein Genie, ich war schon Fan unter ihrem Deadname. Spirituell war das der aufschlussreichste, erleuchtendste Song, den wir gemacht haben. Ich habe einen guten Freund namens Levon Henry, ich kenne ihn, seit er ein kleines Kind war. Aber er und ich – es fühlte sich immer an, als ob es keinen Unterschied gibt, wieviel Zeit wir schon auf dem Planeten sind. Wir hatten immer eine tiefe Verbindung. Er ist ein unfassbarer Bläser-Arrangeur. Als ich über dieses Album gesprochen habe und was ich genau machen wollte, sagte ich ihm, dass ich wahnsinnig gerne „I Got You Babe“ haben wollte, aber ohne Gitarre. Ich wollte, dass nichts von der Originalinstrumentierung übrig bleibt. Er sagte mir „Lass mich eine Weile darüber nachdenken“ und kam mit diesem tollen Holzbläser-Wandteppich zurück.
jazz-fun.de:
Es ist ein wunderbares Arrangement. Vielleicht ist es sogar mein Lieblingsstück deines Albums.
Meshell Ndegeocello:
Ich glaube, es ist mein Lieblingsstück, um ehrlich zu sein. Als ich mich auf das Arrangement eingelassen habe, musste ich an den Vocals arbeiten. Ich habe lange daran gearbeitet, dass die Vocals wirklich gut zur exakten Melodie passten. Im Arrangement verlagert sich der aber Schwerpunkt dauernd, es nicht „odd“, es ist „on“, aber manchmal fangen die Vocals an ungewohnten Stellen an. Wir hatten das Demo an Anohni geschickt. Sie hatte das Big Ears Festival gespielt, und das war eine der beeindruckendsten Performances, die ich je gesehen habe. Das war keine Band, das war ein Orchester vom Planeten Jupiter!
Ich wusste also, ich muss sie fragen. Als wir mit den Aufnahmen begonnen haben und sie gesungen hat, musste ich alles neu überdenken. Sie macht etwas, was du von jedem Musiker und vor allem jedem Sänger erhoffst. Und was du hoffst, in deinem Leben selber erfahren zu dürfen: Sie macht sich das Stück ganz zu eigen. Also musste ich nochmal zurück und meine Aufnahme komplett überarbeiten.
Es gibt eine Menge Ichs in mir, hierfür wollte ich mehr mein Sinatra-Johnny Hartmann-Ich anzapfen. Es ist ein Duett, aber ich wollte mich auch wie ein Bläser fühlen, ein Begleiter in dem Arrangement. So habe ich mich dem Stück angenähert. Anohnis Lektion war tiefgreifend für mich. Wie man der beste Künstler ist, der man sein kann, und wie man bekommt, was man verdient. Ich stehe tief in ihrer Schuld.
jazz-fun.de:
Wenn man einen Sänger hat, der jedes Wort so singt, wie es gemeint ist, absolut ehrlich und authentisch, ist das ergreifend.
Meshell Ndegeocello:
Da stimme ich zu. Und ich wünschte, ich wäre bei dieser Aufnahme gar nicht dabei, weil es wahrscheinlich mein Lieblingstrack ist. Ich wünschte, ich könnte mich rausnehmen. Dann könnte ich immer angeben, dass es mein Lieblingstrack ist!
jazz-fun.de:
Ich habe noch ein paar andere Stücke ausgesucht, die sehr speziell für mich sind, gerade auch wegen der Arrangements, „I Got You Babe“ mit den Bigband-Vibes hatten wir gerade, das absolut bezaubernd ist.
Ich mag aber auch „It Ain’t Me Babe“, weil es eine Achterbahn in der Instrumentierung ist. Du wirst total herumgewirbelt, es gibt Banjo, Kalimba, es gibt Rockgitarre. Man kann schlecht ausmachen, was für ein Stil es eigentlich ist. Es ist einfach alles!
Meshell Ndegeocello:
(lacht) Danke sehr! Ich glaube, der Track ist auch deshalb echt gut, weil wir alle zusammen im selben Studioraum waren. Wir haben zu dritt begonnen, Madison Cunningham, Abe und ich. Wenn immer ein weiblicher Künstler ins Studio kommt, sage ich als erstes zu ihr: „Dies ist eine Umgebung der Freiheit! Du kannst spielen und machen, was immer du möchtest“. Das konnte sie gar nicht glauben. Also hat sie sich zuerst ans Klavier gesetzt. Das ist unser Einstieg in das Stück. Als wir diese Pianofigur hatten, kam ich dazu – am Schlagzeug. Abe spielte Bass und ich Schlagzeug. Dann hatten wir unser Fundament und wir haben die Instrumente getauscht. Abe nahm meinen einfachen Beat und hat ihn unglaublich gemacht. Dazu habe ich Bass gespielt. Madison hat gesungen, insgesamt drei Takes, aber wir wussten, dass der erste Take der gute war. Also hatten wir unseren Song, den wir geformt haben. Ich habe erst kürzlich den Dylan Film gesehen und ich liebe es, als er seine elektrische Phase hatte. Ich wollte, dass der Geist meiner Liebe zu spüren ist, ich wollte es transzendent haben. Wenn wir nur über romantische Beziehungen sprechen, ist es meist nur das Label, das einem die Leute anheften. Aber so bin ich nicht. „Willst du mich nicht wirklich kennenlernen? Ich bin hier, ich gebe mir solche Mühe“. Auch diese Seiten sollten sichtbar sein.
jazz-fun.de:
„Don’t Look Any Further“ haben wir ja schon angerissen…
Meshell Ndegeocello:
Du magst den Song?
jazz-fun.de:
Ohja, ich mag den sehr groovy Beginn, der für mich eine Brücke zu den Bassgrooves deines Debüts „Plantation Lullabies“ bildet. Dieser funky groovy Bass… ich denke, das ist etwas, dass sich Fans der ersten Stunde von dir erhoffen.
Meshell Ndegeocello:
Danke, dass du das sagst, und auch lustig. Weil das Abe am Bass ist!
jazz-fun.de:
Du nimmst mich auf den Arm, oder?
Meshell Ndegeocello:
Nein, das ist Abe. Er ist mein Brother from another mother! Er spielt seit Jahren Schlagzeug, und ich spiele seit 30 Jahren Bass (hier muss sich Meshell verrechnet haben, ihr erstes Album erschien schon 1993). Trotz des Altersunterschieds – ich liebe ihn einfach. Sein Vater ist einer der besten Bassisten Australiens. Jeder in meiner Band spielt Bass, um ehrlich zu sein. Jeder einzelne kann Bass spielen. Der Drummer, der Keyboardplayer, der Gitarrist, das sind alles Bassisten. Bass ist das Instrument, das wir lieben. Ich liebe es, dass Abe bei dem Stück Bass spielt, ich spiele andere Sachen bei dieser Aufnahme. Ich habe ihn in meinem Kopf spielen hören. Dass jemand da ist, der eine solche Bassline hinlegen kann und der dann so mit sich selbst im Groove verbunden ist, wenn er dazu Schlagzeug spielt, das ist verrückt. Weil du sagst, dass es dich an „Plantation Lullabies“ erinnert und damit die Arbeit mit David Gamson: Er ist der Produzent, der die Beziehung zwischen Bass und Drums in der Produktion quasi erzwungen und in den Vordergrund geschoben hat. Das ist das Fundament. Wenn das Fundament gut funktioniert, hast du für alles, das du wegnimmst oder anfügst, ein besseres Verständnis. Wenn Bass und Drums nicht zusammen funktionieren, bleibt bei den Tracks immer ein komisches Gefühl. Darauf haben wir uns konzentriert. Bei diesem Song, bei „Guilty“ und bei „Closer I Get To You“ muss das Fundament ordentlich sein, um ein schönes Haus zu bauen.
jazz-fun.de:
Als „Plantation Lullabies“ erschien, war das zu meinen Studienzeiten die beste Begleitung zum lästigen Spülen. Dann standen wir in der WG am Spülbecken und grölten lauthals „If that’s your boyfriend he wasn’t last night“ mit...
Meshell Ndegeocello:
Das ist grossartig! Motivation, siehst du! Songwriting ist nicht schwer, und jeder mag einen guten Toetapper (Fusswipper)!
jazz-fun.de:
Ich habe noch einen letzten Song, den ich auch nicht kannte. Ich habe keine Ahnung, wie ich den verpassen konnte in all den Jahren. Und dann war es auch die Stimme und das Arrangement: „With God On Our Side“.
Meshell Ndegeocello:
Du kennst den Song nicht? Mit Bob Dylan und Joan Baez?
jazz-fun.de:
Nein, und der Song hat mich wirklich hart getroffen. Es der ungemütlichste Song für mich, unbequem und erdrückend auch vom Arrangement her.
jazz-fun.de:
Ich kannte ihn auch nicht.
Meshell Ndegeocello:
Oh, diese Stimme, wir müssen über diese Stimme sprechen! Wow, er hat einen anderen Song, der „America“ heisst, der berührt mich zutiefst. Ich wusste, dass es Bill sein muss. Ich möchte alles hören, was er sagt. Er hat eine Stimme aus einer anderen Welt. Er war unsere erste Wahl. Dann noch Chris Thile dazu zu nehmen... er ist ein Engel auf Erden und vermutlich der virtuoseste Musiker überhaupt. Ich liebe seine klassischen Aufnahmen. Ich wollte diese Sensibilität zerkrümeln. Die Worte sind Post-Punk. Nach so etwas haben wir gesucht. Jeben Bruni ist am Klavier, er ist ein toller Sounddesigner und Chris Bruce, der Gitarrist, spielt bei dem Track Drums.
Was ich den Menschen mitteilen möchte, ist folgendes:
Ich habe eine grossartige Karriere, ich fühle mich wirklich gesegnet, aber wir starten alle unser neues Kapitel. Du weisst nicht, was der morgige Tag bringt. In keinster Weise.
Ich habe dieses T-Shirt „Meshell Ndegeocello is a band“. Das sind wir, wir sind eine Band. Jeben, Abe, Chris und ich versuchen eine Zukunft zu kreieren, denn niemand möchte eine Ansammlung von alten Musikern auf der Bühne sehen. Wir wollen weiterhin interessante Musik machen!
jazz-fun.de:
Aber die Leute wollen doch alte Bands wie die Stones sehen!
Meshell Ndegeocello:
OK, du gibst mir ein gutes Gefühl! Ich versuche weiterhin Klarheit zu erreichen und wunderschöne Lieder zu schreiben.
Ich bin der Bassist im Bandgefüge, nicht der Gitarrist! Damit bin ich das Fundament der Musik und das mag ich einfach. Ich liebe es, wenn du mich mehr fühlst, als dass du mich hörst.
jazz-fun.de:
Danke für das Gespräch.
Aktuelles Album:
Meshell Ndegeocello „Synonym“ (Blue Note 2026)
Über die Autorin
Angela Ballhorn ist Jazzjournalistin und ausgebildete Flötistin mit langjähriger Erfahrung im Musikjournalismus. Ihr besonderes Interesse gilt den Geschichten hinter der Musik und den kreativen Prozessen der Künstlerinnen und Künstler.
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