Rezension des Albums "eine winterreise" von Michael Wollny

Michael Wollny - eine winterreise - Album cover
Michael Wollny - eine winterreise

Michael Wollny
eine winterreise

Erscheinungstermin: 30.10.2026
Label: ACT, 2026

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Schön, schräg, stimmig: Michael Wollny wagt sich in den Schubert’schen Liedkosmos und findet sich selbst

jazz-fun`s recap:

Fremd sei er eingezogen, heißt es gleich zu Beginn des von Franz Schubert im Herbst 1827, ein Jahr vor seinem viel zu frühen Tod, zu Gedichten von Wilhelm Müller komponierten Liedzyklus, fremd zog er wieder aus. Gleiches wird man über Michael Wollny, der sich auf seinem aktuellen Album in Schuberts Fußstapfen begibt, nicht sagen können. Eher liegt die Vermutung nahe, dass jemandem, der sein erstes Soloalbum „Mondenkind“ nannte, der Schubert’sche Kosmos schon länger vertraut ist.

Heißt es doch ebenfalls im ersten Lied des 24 Stücke umfassenden Liedzyklus: „Es zieht ein Mondenschatten / Als mein Gefährte mit, / Und auf den weißen Matten / Such’ ich des Wildes Tritt.“ Was man als durchaus programmatisch für Michael Wollnys eigenes musikalisches Werk interpretieren könnte. Gleichwohl dürfte der Respekt vor einer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Schubert’schen Liedkosmos groß gewesen sein. Diese Musik, sagt er selbst, begleite ihn schon ein Leben lang, er habe sie in den unterschiedlichsten Zeiten und Gemütszuständen gehört und ganz allgemein auch immer wieder Motive davon in seine eigene Musik einfließen lassen – „und irgendwann sickert da so eine Vorstellung davon durch, wie man sich dem Thema in der eigenen musikalischen Sprache nähern könnte“.

Dementsprechend behutsam, sich in einzelnen Tönen vorantastend, beginnt Michael Wollny seine musikalische Reise, und es dauert eine ganze Weile, bis er erstmals den allen Schubertianern so wohlvertrauten Beginn der Winterreise anspielt. Davor tastet er sich vorsichtig durch das kühle Nass, vom einzelnen Ton zu zaghaft intonierten Harmonien, als müsse er in Eis und Schnee den sicheren Tritt erst noch finden. Dann aber schreitet er zügiger voran, dem Mondlicht folgend, und bald, so scheint es, bewegt er sich völlig frei durch die Schubert’sche Winterlandschaft.

Dabei kommt er immer mal wieder auf das inspirierende Vorbild zurück, das in Stücktiteln wie „wetterfahnen“, „irrlichter“, „ein Lindenbaum“, „… der leiermann“ zumindest angedeutet wird, dann verlässt er den Schubert’schen Liedkosmos aber auch für Ausflüge in andere Gefilde: Björks „Aurora“ zum Beispiel oder Kate Bushs „Snowflake“ klingen an. Dass sich das alles zu einem stimmigen Ganzen fügt, ist keine Selbstverständlichkeit: „Für mich gab es auf diesem Weg immer wieder große Begeisterung“, beschreibt er selbst seine musikalische Reise, „aber auch große Zweifel, vielleicht stärker als bei irgendeiner Aufnahme zuvor. Ich habe vermutlich noch nie mit so großer formaler Strenge gearbeitet – ich bin über einen ganz großen Berg gewandert und am Ende an einem Ort angekommen, wo sich die Dinge plötzlich schön, schräg und stimmig anfühlen – und an dem ich auch ein wenig flüchtige Klarheit darüber bekomme, wo ich selbst in diesem Moment stehe.“ Eine musikalische Standortbestimmung also, die künstlerisch überzeugt und: tief berührt.

(Robert Fischer, 30.10.2026)

Besetzung

Michael Wollny - piano

Titelliste

  1. Ich schreibe nur im Gehen
  2. Wetterfahnen
  3. Schlag und Schritt
  4. Innehalten
  5. Aurora
  6. Ich such’ im Schnee vergebens
  7. Snowflake
  8. Fahlschatten
  9. Irrlichter
  10. Ein Lindenbaum
  11. Cloud Of Flies
  12. Im Dunkeln wird mir wohler sein / Die Nebensonnen
  13. Schneeland
  14. Steht ihm nimmer still / Der Leiermann

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