Miles Davis in Burghausen - Nach(t)gedanken zur 55. Internationalen Jazzwoche

Miles Davis – einer der einflussreichsten Musiker des Jazz

Der amerikanische Trompeter Miles Davis (1926–1991) zählt zu den prägendsten Persönlichkeiten der Jazzgeschichte. Mit Alben wie Kind of Blue, Bitches Brew oder In a Silent Way veränderte er den Jazz immer wieder grundlegend – vom Cool Jazz über modale Improvisation bis zum Jazz-Rock. Sein Einfluss reicht bis in die Gegenwart und prägt Generationen von Musikerinnen und Musikern weltweit.

Von Robert Fischer

Nein, Miles Davis war nie in Burghausen. Was nicht daran liegt, dass er bereits im September 1991 das Zeitliche segnete – die Internationale Jazzwoche Burghausen gibt es seit 1970. Zu einer eigenen Bronzereliefplatte auf der Street of Fame in der schmucken Burghauser Altstadt hat es also nicht gereicht – dort werden nur jene Stars des Jazz verewigt, die höchstselbst in Burghausen aufgetreten sind. Als musikalisch inspirierender Geist und Übervater der Jazzgeschichte aber ist Miles Davis selbstverständlich auch in Burghausen allgegenwärtig, weshalb sein 100. Geburtstag, den er im Mai 2026 gefeiert hätte, auf der 55. Internationalen Jazzwoche mit einem besonderen Tribut-Konzert zelebriert wurde. Ein guter Anlass, mal über das Erbe eines der einflussreichsten Jazzmusikers des 20. Jahrhunderts nachzudenken. Oder genauer: Darüber, wie man es am besten bewahrt.

Theo Crocker
Theo Crocker, Foto: Robert Fischer

Dass der Name Miles Davis Segen und Fluch zugleich bedeuten kann, lässt sich etwa am Beispiel von Mike Stern belegen. Seit der 1953 in Boston geborene Gitarrist Anfang der 1980er-Jahre mit dem Trompeter zusammenarbeitete – nachzuhören auf den Alben „The Man with the Horn“ (1981) und „We want Miles“ (1982) –, bleibt sein Name wohl auf ewig mit dieser Kooperation verbunden, auch wenn der Gitarrist zuvor schon mit Blood Sweat & Tears und an der Seite des Schlagzeugers Billy Cobham kein ganz Unbekannter war. Jedenfalls kommt kaum eine Konzertankündigung von Mike Stern ohne die Erwähnung des Namens Miles Davis aus – was nachvollziehbarer Weise für Aufmerksamkeit sorgt, aber eben auch etwas verdeckt, dass Mike Stern als Gitarrist, Komponist und Bandleader ganz eigene Wegmarken gesetzt und vor allem auch einige der schönsten Balladen seines Genres geschrieben hat.

Mike Stern und Leni Stern vereint auf einer Bühne

Eine davon, „Wishing Well“, 2001 auf einem seiner besten Soloalben, „Voices“, erschienen, spielte er auch in Burghausen, wo er nach dem exzellenten Auftritt des Trios Renner, das den diesjährigen Nachwuchsjazzpreis erhalten hatte, als erster Stargast die große Bühne der Wackerhalle betrat. Bemerkenswert an seinem Auftritt war, mit anzusehen, mit welcher Disziplin sich Stern – nach einem schweren Sturz vor einer New Yorker Baustelle vor einigen Jahren an der rechten Hand gehandicapt – seine enorme Virtuosität zurückerobert hat: Wer die Augen schloss, hörte keinen Unterschied zum Mike Stern der früheren Jahre. Ungemein fließend sein melodiöses Spiel, unverkennbar charakteristisch sein typischer Klang. Anrührend zu sehen zudem, wie gern er offensichtlicht mit seiner Frau Leni auf der Bühne steht – mit der in München als Magdalena Thora geborenen Gitarristin und Sängerin ist er seit vier Jahrzehnten verheiratet. Neben Leni Stern, die in der Wackerhalle auch sang und Ngoni spielte, ein afrikanisches Lauteninstrument, konnten in der Band von Mike Stern noch der ungarische Saxophonist Gabor Bolla und der New Yorker Bassist Noam Tanzer wichtige musikalische Akzente setzen.

Robben Ford, Ed Partyka und das Zurich Jazz Orchestra

Weniger eng mit dem Namen Miles Davis verbunden ist der des Gitarristen Robben Ford, der am Festivalsamstag mit dem von Ed Partyka geleiteten Zurich Jazz Orchestra auf der großen Bühne in der Wackerhalle stand. Laut Programm soll er zwar seine „prägendsten Jahre mit Miles Davis“ erlebt haben – er selbst äußerte sich aber in einem Interview mit Andrew Daly für „Guitar World“ eher kritisch über diese Zeit Mitte der 1980er-Jahre: Zum einen habe Miles Davis damals angefangen, die Musik zu verkomplizieren, sodass viel von dem, was ihnen zuvor beim Spielen Spaß gemacht hatte, nicht länger gefragt war. Zum anderen sollte er weniger improvisieren, um sich stattdessen an jenen Parts zu orientieren, die auf dem Album „Tutu“ (1986) zu hören sind (an dem er selbst gar nicht beteiligt war). Dafür aber, meinte Ford, sei er nicht zu Miles Davis gegangen. Gleichwohl ist Davis auch für ihn ein wichtiger Einfluss. Die Art, wie er auf „Kind of Blue“ (1959) Freiräume für emotionale Klangfarben schafft, habe ihn tief beeindruckt: Überhaupt sei es genau das, was ihn an Musikern wie Miles Davis, Jim Hall oder Paul Desmond fasziniere, wie viel „Freiraum“ sie in ihrer Musik ließen: „That’s where the beauty happens“, erzählte er einmal anlässlich der Veröffentlichung seines 2013 erschienenen Albums „Bringing It Back Home“. Sein Auftritt in der Wackerhalle hätte allerdings auch sehr gut schon am Samstagnachmittag im Anschluss an die dort traditionell auftretenden Bluesgrößen stattfinden können, denn es war ein reines Blues(rock)konzert, wenn auch im opulenten Gewand des Zurich Jazz Orchestras. Letzteres hätte man am Abend gern mal allein gehört: Wie spannend Ed Partyka mit großem Ensemble klingen kann, demonstrierte er zuletzt sehr überzeugend auf einem 2025 erschienen, seinen Arrangements und Kompositionen für Jazz Orchestra gewidmetem eigenen Album.

Theo Croker und die Ära des „First Quintets“ (Kind of Blue, Round About Midnight)

Höhepunkt für alle Miles-Fans in Burghausen war der Auftritt von Theo Croker am Festival-Donnerstag auf der großen Bühne in der Wackerhalle. Zelebriert werden sollte – und wurde aufs Feinste – die Ära des „First Quintets“ mit den Alben „Kind of Blue“ und „Round About Midnight“. „Blue Moods: Miles in the Golden Hour“ war das Programm überschrieben, für das der Trompeter mit Emilio Modesto (sax), Keita Kydi Mosiah (sac), Tyler Bullock II (p), Eric Wheeler (b) und Koleby Royston (dr) in die Stadt an der Salzach gereist kam, um im Schatten der Burg den Geist von Miles Davis wieder aufleben zu lassen. Was ihnen so hervorragend gelang, dass man sich – in die Augen glücklicher Davis-Fans blickend – fast ein bisschen wie ein Spielverderber vorkam, wenn man von dem Auftritt nicht restlos begeistert war. Technisch makellos, musikalisch brillant gab es an der musikalischen Geburtstagsfeier des hundertjährigen Jubilars auch tatsächlich nichts auszusetzen – trotzdem sei die Frage erlaubt, ob man Miles Davis’ Erbe wirklich am besten bewahrt, indem man seine Musik „einfach“ – wie gut auch immer – nachspielt. Und selbst dann schließt sich die Frage an, warum man sich auf eine einzige Phase des grandiosen Musikers beschränken sollte, dessen Ruhm doch nicht zuletzt darauf beruht, dass er sich im Lauf seiner Karriere mehrfach neu erfunden hat. Er selbst jedenfalls, das sei als Haupteinwand genannt, würde heute sicher nicht mehr die Musik von damals spielen.

Joe Zawinul, Harry Sokal und Jakob Bänsch

Was an ein Zitat von Joe Zawinul erinnert, das der österreichische Saxophonist Harry Sokal mal überliefert hat. Nach einem Konzert Sokals mit dem Art Farmer-Quintett in New York sei der Tastenmagier in einer Pause zu ihm gekommen und habe gemeint: „Super Harry – D Major, aber warum spielt ihr so alte Musik“? Stattdessen sollten sie „some hip shit“ spielen, gab er ihm noch als Rat mit auf dem Weg. Und, ja: „hip shit“ spielte in Burghausen nicht Theo Croker, sondern viel eher sein Trompetenkollege Jakob Bänsch, der gerade mal 23 Jahre alt ist, aber bereits zwei hervorragende Alben eingespielt hat und am Festikvalsonntag in der Stadthalle (s)eine ganz eigene Musik mit einem jungen Quintett – Ella Zirina (g), Niklas Roever (p), Jakob Obleser (b) und Leo Asal (dr) – präsentierte.

Worum es also geht? Selbst wenn man weiß, dass das Ego von Joe Zawinul so stark ausgeprägt ist, dass Miles Davis mal gesagt haben soll, wenn er nicht aufgepasst hätte, wäre er in Joes Band gelandet, nicht Joe in seiner, hat der österreichische Tastenchampion doch einen Punkt: Tradition bedeutet nicht das Anbeten der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.

Womit fast schon alles zu Miles in Burghausen gesagt wäre, bis auf einen Nachsatz vielleicht, denn es schadet ja nie, auch die eigene Meinung in Frage zu stellen. Wer das Konzert von Theo Croker vor Ort nicht ganz so begeistert erlebt hat, der konnte später in einer der vierdienstvollen Aufzeichnungen des Bayerischen Rundfunks einiges davon auch noch nachhören. Und siehe da, dachte der Autor dieser Zeilen beim Hören am Radio – was Theo Crokers Band da in Burghausen so spielte, das war bei allen grundsätzlichen Vorbehalten doch schon auch: verdammt gut.

Text und Fotos: Robert Fischer

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