Miles Experiences
von Angela Ballhorn
Das North Sea Jazz Festival 1989 war mein erstes und bisher einziges Mal, so sehr hatte mich das überfüllte Kongressgebäude Den Haag mit Fussgängereinbahnstrassen überfordert. Mein Reisetrupp setzte sich aus zwei Autos voller Musikenthusiasten aus Süddeutschland zusammen, wir hatten uns bei einem Jazzworkshop in Sindelfingen kennengelernt. Die gemeinsame Woche Unterricht bei dem Trompeter Ack van Rooyen und dem Pianisten Rob Madna schweisste zusammen, und unsere beiden Dozenten traten ebenfalls beim North Sea Jazzfestival auf.
Die Planung bestand aus Tickets kaufen, Treffpunkt organisieren, Schlafsack mitbringen. Geschlafen haben wir an den vier Tagen tatsächlich am Strand oder im Park, unter zum Glück regenfreiem Himmel.
Chick Coreas Akoustic Trio, für das noch zusätzlich bezahlt werden musste, blieb mir in Erinnerung, Joe Zawinul mit Gitarrist Scott Henderson in der grossen Halle und dem grossartigen Song „Shadow and Light“ ebenso.
Am letzten Abend war Jazzrock angesagt. Koinonia, Yellowjackets, Steps Ahead, Zawinul, die Mike Stern / Mike Brecker Superband, abwechselnd auf zwei Bühnen der über 10.000 Zuschauer fassenden Statenhal. Leider unfassbar laut und mit matschigem Sound.
Miles sollte als allerletzter Act des Festivals auf dieser Bühne spielen und von den Konzerten der Tour hatte ich den Bericht von Stuttgart vor Augen – die Zuschauer waren wegen der Lautstärke von 24.000 Watt in Scharen aus der Liederhalle geströmt, schrieben die Zeitungen.
Miles – laut, aber crisp im Sound
Noch lauter konnte ich es mir nicht vorstellen, ich positionierte mich in der Mitte der Halle, bereit, schnell flüchten zu können und zum Alternativkonzert von Dizzy Gillespie zu gehen.
Doch dann kam Miles auf die Bühne, im ganzen Saal gleich präsent. Die Band war lauter, wirklich viel lauter. So laut, dass meine Hosenbeine in deutlicher Entfernung der Bühne im Groove flatterten. Doch Miles hatte einen guten Mixer dabei, trotz der Lautstärke war die Musik transparent und kristallklar.
Die Bühnenpräsenz, die Band, das Programm und der Sound begeisterten und zogen vom ersten Song an in den Bann. Dizzy Gillespie war sofort vergessen.
Bis lange nach Mitternacht ging das Konzert. Als wir unsere Schlafsäcke an einem Parktümpel in der Nähe des Kongresszentrums ausrollten, ging die Sonne an einem sternklaren Nachthimmel auf. Miles Sound und seine Songs begleiteten mich in den Schlaf, selten bin ich so beglückt und erfüllt nach einem Konzert eingeschlafen. Harter Untergrund und vier Tage Katzenwäsche in engen holländischen Kneipentoiletten waren vergessen, es war der Trompetensound, der blieb.
Miles zum zweiten
Deshalb hatte ich grosse Sorge, dass sich ein solch beglückendes Konzerterlebnis nicht wiederholen könnte und war skeptisch, was das Konzert von Miles am Jazzfestival in Singen am Hohentwiel ein Jahr später anging.
Meine Heimat, da, wo ich zur Schule gegangen bin und schon einige Jazzfestivals gesehen hatte, mit unter anderem mit den Itchy Fingers oder Barbara Dennerlein.
Über Miles, seine astronomisch hohen Honorarforderungen, sein Beharren auf 60 weissen Handtüchern im Backstage-Bereich samt einem mannshohen Spiegel konnte man schon Wochen vorher in der Lokalpresse lesen.
Schon genug Herausforderung, das Equipment auf die Burgruine des Hohentwiels zu schaffen. Als Zuschauer muss man den steilen Vulkankegel erklimmen, die Busfahrt endete auf halber Höhe, der Rest muss zu Fuss zurückgelegt werden, 20 Minuten steil bergauf.
Miles bestand darauf – wie oft – das Auto des Oberbürgermeisters zur Verfügung gestellt zu bekommen. In der 50.000 Einwohner-Stadt war das nur ein höherklassiges Mercedes Modell, das aber wohl Gnade fand.
Wir Zuschauer hatten Angst, dass Miles im letzten Moment nicht kommen könnte. Gesundheitliche Probleme. Oder doch ein zu schäbiges Bürgermeister-Auto.
Wochenlang hatten sich die Leute in Leserbriefen das Maul darüber zerrissen, wie absolut arrogant es doch wäre, solche Forderungen zu stellen. Ich habe Miles immer verteidigt. Es gehören zwei dazu, einer, der fordert, und die andere Seite, die sich drauf einlässt.
Aber Miles durfte wegen mir alles fordern.
Sternstunde in der Burgruine
Als Vorband spielte Urszula Dudziak und ihrer Band Walk Away, das weiss ich noch, kann mich aber an die Musik nicht mehr erinnern. Dann fuhr die schwarze Limousine durch die Zuschauermenge, Miles war da, gefolgt von einem schäbigen Transporter, in den der Rest seiner Band gepfercht war.
Die Tage davor hatte es geregnet, vor der Bühne war ein matschig und rutschig-steiler Hügel, der Klamotten in einen furchtbaren Zustand versetzte und die Fussgelenke beim unbequemen Stehen schmerzen liess. Doch dann kam die Band auf die Bühne. Miles mit Sonnenbrille, Lederjacke, an einen Panther erinnernd, vor dem Sprung auf die Beute.
Die Band machte Druck, Joe 'Foley' McCreary an seinem Lead Bass, Richard Patterson am Bass, Kei Akagi an den Keyboards, Ricky Wellman am Schlagzeug und Erin Davis an der electronic percussion. Und vorne neben Miles stand der Altsaxophonist Kenny Garrett und blies sich die Seele aus dem Leib. Immer wieder aufgefordert, weiter zu spielen, länger zu spielen, jagte Miles seinen Bläserkollegen am Altsaxophon am Bühnenrand zu ungeahnten Höhen. Cyndi Laupers „Time After Time“ war ein absolutes Glanzlicht des Abends.
Dem Haustechniker und Sicherheitsmann der Stadt bescherte die Publikumsnähe der beiden Bläser Angstschweissausbrüche, denn der Bühnenrand aus schlichten Brettern war nicht als Bühne gedacht, sondern nur als Abtrennung zum Publikum.
Seine Sorge, dass Miles und Kenny von der Bühne stürzen, blieb zum Glück unbegründet.
Die Burgruine, zu deren Füsse die wenig attraktive Industriestadt Singen liegt (Alusingen und Maggi-Standorte) überragt den Hegau mit 700 Metern.
Magische Umgebung, magisches Konzert
Miles erwischte für seinen Auftritt einen der absolut magischen Sommertage. Sonne satt am 14. Juli 1990, bei leichter Föhnwetterlage, was einen Ausblick weit über den Bodensee bis in die Alpen möglich macht. Als Miles gegen 21.30 die Bühne betrat, ist der Himmel abendrot, der weit entfernte Bodensee glitzerte, die Alpen leuchteten in der Ferne.
Alle Geschichten von dem Trompeter, der aus Verachtung dem Publikums lieber seinen Rücken zeigt (was ja nicht stimmte, da er wegen der Intensität in der Musik und dem besseren Kontakt zu den Musikern mit dem Rücken zum Publikum spielte), wurden hier nicht weitergeschrieben.
Miles stutzte beim Gang auf die Bühne und nahm verblüfft seine Sonnenbrille ab. Die blieb ab, und diesem unglaublichen Panorama den Rücken zeigen, war auch vom Tisch.
Ein magisches Konzert mit Hits wie „Tutu“, „Human Nature“ und „Time After Time“ ging auch wesentlich länger als die vertraglich abgesprochenen 60 Minuten Musik. Dass Miles ein Großteil seines Programms ohne Dämpfer spielte, zeigte die gute Verfassung, in der der Trompeter an diesem Abend war.
Das begeisterte Publikum beim mühsam-rutschigen Abstieg nach dem Konzert glich einer Kirchengemeinde nach einem begeisternden Festgottesdienst, man war entrückt, erleuchtet und fühlte sich allen anderen Besuchern, die dieses Erlebnis teilen durften, verbunden. Es war ein besonderer Moment, und man durfte dabei sein.
Dabei sein kann man auch heute noch, denn der Südwestfunk nahm das Konzert auf und sendete es, das Konzert ist mittlerweile über das Miles Davis Archive als Audiodatei bei Youtube eingestellt.
Das T Shirt auf dem Foto hat mir ein Freund von derselben Tour aus Montreux mitgebracht.
Die hässlich verwaschene rosa Farbe war das Ergebnis erster Waschversuche zu Studentenzeiten, ein Lernprozess, dass nach Farben getrennt werden muss, dem ausgerechnet dieses T-Shirt zum Opfer fiel. Doch verlassen hat es mich nie und hat jeden Umzug mitgemacht.
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