Musina Ebobissé - Timeprints

Musina Ebobissé - Timeprints

Musina Ebobissé
Timeprints (Jazz Thing Next Generation Vol.79)

Erscheinungstermin: 16.08.2019
Label: Double Moon, 2019

Musina Ebobissé - Timeprints - bei JPC kaufenMusina Ebobissé - Timeprints - bei Amazon kaufen

Musina Ebobissé - tenor saxophone, composition
Olga Amelchenko - alto saxophone
Povel Widestrand - piano
Igor Spalatti - double bass
Moritz Baumgärtner - drums

Die Ohren werden größer, und die Raumgeräusche werden leiser. Keine Trommeln, kein Bass, kein Klavier. Allein das sonore, mattschimmernde Tenorsaxophon schwebt wie ein Taschentuch durch den Raum. Musina Ebobissé lässt sich Zeit. Eine Eigenschaft, die in dieser überhitzten Leistungsgesellschaft selten geworden ist. Zeit zum Nachdenken, Freiraum, um das Thema zu entwickeln, um es mit neuen Ideen und Perspektiven zu erproben. Irgendwann fließt es. "The Eagle Song" des russischen Klassikers Isaak Schwarz ist das einzige Lied auf "Timeprints", das nicht vom französisch-kamerunischen Tenorsaxophonisten geschrieben wurde. "Ich hatte darüber nachgedacht, das bis zur letzten Minute auszulassen", erzählte der 29-Jährige fließend Deutsch. Und er hat genau die richtige Entscheidung getroffen!

Gerade hier im last-call-audience-rouser, das ein mehr als beeindruckendes Debütalbum hervorbringt, das ihn als 79. Protagonist in die Hall of Fame der "Jazz thing Next Generation" führt, zeigt Musina Ebobissé, was ihn von den meisten Saxophonisten seiner Generation unterscheidet. Es ist nicht allzu schlimm, einfache Melodien sanft zu modellieren, ihnen Textur und Glanz zu verleihen, ohne sich auf Sensationslust zu verlassen. Das genaue Gegenmodell zum Reedsplayer der herkömmlichen Form, der sein Ego kaum kontrollieren konnte und sozusagen schon immer der Star in Sachen Instrument sein wollte. Dennoch schlummert in Musina eine alte Seele mit frischen, jungen Gesichtszügen. Sein Spiel erinnert ein wenig an Mark Turner, manchmal auch an Lee Konitz. "Es ist lustig", sagt der große, sympathische Musiker lächelnd. "Eigentlich höre ich diesen Leuten selten zu. Insofern kann man nicht sagen, dass ich sie kopiert habe. Aber eines ist sicher: Mit ihnen verglichen zu werden, ist definitiv ein Kompliment."

Wer durch die Biographie von Musina Ebobissé streift, trifft auf ganz andere Leidenschaften. Der junge Mann aus Savergne bei Straßburg im Elsass, Sohn einer französischen Mutter und eines kamerunischen Vaters, mag Blues, Reggae, Hip-Hop und Rock. Während seiner Lehrzeit am Straßburger Konservatorium studierte er Jazz und Soziologie, spielte aber mit wachsender Begeisterung in Bands der Trendszene wie TND, FREEZ, Art District und Dolls Canʼt. "Nur weil ich Bob Marley, Ben Harper und Jimi Hendrix mit all den Fasern in meinem Körper aufgenommen habe, bedeutet das nicht automatisch, dass ich wie sie klinge." Vielmehr befand sich Ebobissé meist auf kurvenreichen Wegen, über die er sein Schicksal fand. Sein Vater wollte, dass der Junge zuerst Klavier spielt, dann begann er Gitarre zu lernen und im Alter von acht Jahren studierte er auch Saxophon. "Aber es war anfangs nicht unbedingt mein Lieblingsinstrument. Ich dachte, es wäre eher supercool. Aber ich weiß inzwischen, dass ich mich nirgendwo anders besser ausdrücken kann."

Der entscheidende Schub in seiner Karriere war natürlich der Umzug nach Berlin, wo Musina am Jazz Institute bei Lehrern wie Peter Weniger, John Hollenbeck, Greg Cohen, Jim Black und Kurt Rosenwinkel studierte, 2017 seinen Bachelor of Jazz Performance und 2019 schließlich seinen Master of Jazz Composition absolvierte. "Berlin ist einfach unglaublich. Eine ereignisreiche, historische, offene Stadt, die mir eine enorme Menge an Energie gibt", sagte Musina Ebobissé. "Dort passiert viel. Das Spektrum der Möglichkeiten ist breit und komplex, auch in Bezug auf Musiker." Arbeitsplätze sind fast überall verfügbar. Neben dem ERB Trio und Blendreed arbeitet er auch als Sideman im Thijs de Klijn Quintett, der Hans Anselm Big Band, dem großen Ensemble von Olga Amelchenko und dem Art Ensemble of Moabit. Kein Wunder, dass sein eigenes Quintett auch ein multinationales Amalgam aus Kreativität und Freiheit ist. Die Altsaxofonistin Olga Amelchenko kommt aus Russland, der Pianist Povel Widestrand aus Schweden, der Bassist Igor Spalatti aus Italien und der Drummer Moritz Baumgärtner aus Deutschland.

Musina nennt "Time Prints" ein typisches Berliner Album, "geprägt von meinen Erfahrungen in der Stadt, dieser Mischung aus amerikanischem und europäischem Jazz, aber auch von Erinnerungen, Fantasien und Erwartungen. Wir müssen lernen, die Zeit zu meistern." Seine neun Eigenkompositionen, die Titel wie "Silhouette", "Hairsplitting", "Dusk Seekers" und "Rêveries" (Dreams) tragen, vergleicht er mit einer Reise durch sein eigenes Selbst. Der Beginn einer aufregenden Abenteuerreise. Fortsetzung unbedingt erwünscht!

  1. Silhouette
  2. Novlangue
  3. Rêveries
  4. Macula Lutea
  5. Hairsplitting
  6. Dusk Seekers
  7. Astroturfing
  8. Fall
  9. Loxodonta
  10. The Eagle Song

Einen Kommentar schreiben