Nadia Maria - River
Nadia Maria
River
Erscheinungstermin: 25.04.2025
Label: obsessions, 2025
Dieses Album, gesungen und gespielt mit großer Hingabe und charismatischer Präsenz, ist eine Art Erzählung in Tönen, Worten und fein geformten Phrasen. Die Musik fließt gemächlich, fast schwebend, während die Sängerin uns mit ihrer außergewöhnlichen Stimme zärtlich berührt. Es ist ein Werk, das Aufmerksamkeit, Zeit und innere Ruhe vom Hörer verlangt – am besten erlebt man es mit geschlossenen Augen, nach einem langen Tag, im Moment völliger Entspannung. Ein wunderschönes Album, das man unbedingt gehört haben sollte! (Jacek Brun, 03.05.2025)
Ein Klanggedicht voller Intimität und Ausdruck
„Das Schöne ist nichts als der schreckliche Anfang, den wir gerade noch ertragen“, schrieb Rainer Maria Rilke. Ein Spruch wie gemacht für seine lyrische Namensschwester Nadia Maria. Die Sängerin, Performerin und Malerin, die mit sechzig Jahren erst ihr zweites Album veröffentlicht, findet auf River nicht mehr und nicht weniger als das Schöne im Anfang des Schrecklichen. Denn sie versinkt dort, „wo die Blumen in der Dunkelheit wachsen“, wie Nadia Maria singt. Langsam aber sicher verliert sie ihr Gedächtnis, Tag für Tag ein bisschen mehr. So sind die acht Songs dieses Albums, musikalische Kleinode in der Tradition von Joni Mitchell oder (der späten) Abbey Lincoln, Ankündigung und Abgesang zugleich.
Einfühlsam, ja behutsam produziert von ihrer Freundin Céline Rudolph und eingespielt mit einer eigens zusammengestellten Band, bestehend aus dem brasilianischen Jazzpianisten Henrique Gomide und João Luis Nogueira an der akustischen Gitarre, dem Schlagzeuger Marcus Rieck, dem Kontrabassisten Calvin Lennig und Conrad Noll an Cello und Bass, berührt die Musik auf River so intim wie eindringlich - auch weil man weiß, was dahinter und auf dem Spiel steht, aber auch einfach so.
„Ich bin im Iran aufgewachsen, einem Land voller Schönheit und Widersprüche“, schrieb Nadia Maria vor einigen Jahren. „Die Menschen um mich herum sprachen nicht dieselbe Sprache, und ich lernte früh, auf den Klang der Worte zu achten, um ihre Bedeutung zu verstehen. Während tagelanger Autofahrten durch die Wüste und alte Kulturlandschaften sang meine Mutter mit uns drei Geschwistern, um die Stimmung zu heben, die Angst zu besänftigen oder einfach nur, um uns die Zeit zu vertreiben. Es war eine aufregende Welt - fremd und berührend vertraut zugleich. Als sie mit zehn Jahren nach Deutschland zurückkehrte, war sie, wie sie selbst sagt, „wieder zu Hause, aber nicht mehr richtig zu Hause“. Ihre Heimat fand sie im stimmlichen Ausdruck, in der Welt der Klänge, der Musik und später auch der bildenden Kunst. Sie studierte an der Musikhochschule Köln, trat bei den Jazzfestivals in Moers und Burghausen auf, arbeitete als Sängerin, Arrangeurin, Chorleiterin, Gesangspädagogin, Dozentin und Coach u.a. mit Johnny Clegg und Savouka, mit der WDR Bigband unter Jerry van Rooyen, mit Simon Phillips, Jack Bruce, Ziggy Marley und immer wieder mit Céline Rudolph. Nicht von ungefähr holte Céline ihre Freundin vor über zwanzig Jahren in ihr Team an der Musikhochschule Carl Maria von Weber in Dresden, um mit ihr und für sie das Fach „Performance“ aus der Taufe zu heben. „Singen ist für mich Ausdruck innerer Bewegung“, wusste Nadia Maria schon damals. „Ein Akt der Verwandlung, der uns mit uns selbst und der Welt in Einklang bringt. Die Stimme spiegelt nicht nur wider, was wir im Innersten fühlen, sie ist auch ein gutes Medium, um unsere persönliche und künstlerische Ausdrucksfähigkeit zu erweitern und zu entwickeln“.
Während der Pandemie konnten sich die beiden Freundinnen nur aus der Ferne hören, Nadia allein in Bergisch Gladbach bei Köln, Céline Rudolph mit ihrer Familie in Berlin. „Bei den Telefonaten habe ich gemerkt, dass etwas anders war“, sagt Céline. „Jetzt waren wir alle aus dem Gleichgewicht. Hinzu kam, dass Nadias Beziehung ausgerechnet im Februar 2020 nach 15 Jahren in die Brüche gegangen war. Da kann schon mal etwas durcheinandergeraten. Diese Isolation war für alle sehr belastend.“ Erst im April 2024 wurden ihre zunehmenden Dissoziationen diagnostiziert. Alzheimer. „Da war klar: Von jetzt an wird es nicht besser“, erinnert sich Céline Rudolph. „Die Zeit arbeitet gegen uns.“Spontan beschließt sie, Nadia zu ihrem 60. Geburtstag im September 2024 eine Aufnahme ihrer Lieder zu schenken. „Mit einer Festplatte in der Hand durchsuchte ich ihren Computer nach Noten. In alten Ordnern fand ich weitere Kopien, verschiedene Versionen derselben Lieder. Ich sammelte alles, setzte es zu Hause in meinem Notationsprogramm um, fand Formen, ergänzte Arrangements und hier und da eine persönliche Note auch von mir.“
Die Musik spricht eine klare Sprache und sagt eigentlich alles. Es sind Eigenkompositionen, die Nadia Maria oft schon ihr ganzes Sängerleben begleiten, aber in diesem Kontext vielleicht wie neu und direkt auf ihre aktuelle Situation geschrieben wirken. „Die Texte sagen im Prinzip: Es ist okay. Ich ergebe mich. Dem Leben, der Liebe, dem Regen. Dem Fluss, dem River“, erkennt Céline Rudolph. „Nadia fällt auf den Grund, ‚where flowers grow in the dark‘.“ Das Titellied gibt die Richtung vor: River, das auch textlich den Fluss des Lebens beschwört, fließt klanglich im Fluss, auf und ab, mit sprudelnder Gitarre und wiegenden Streichern. Love is Real, ein Instrumental des Esbjörn Svensson Trios, spielte Nadia gerne im Duo mit dem chilenischen Pianisten Pablo Paredes - die Version mit voller Band ist deshalb hier als Bonustrack beigefügt. Auch Tomorrow von der norwegischen Singer/Songwriterin Beady Belle wirkt in der dezenteren Besetzung mit zunächst nur Kontrabass und Gesang umso intensiver. Die Komposition Mia ihres langjährigen musikalischen Partners Norbert Scholly wird durch Nadias Text zu „You will always find me“. Nadias Song, der ein wenig an Abbey Lincolns Throw It Away erinnert, erhält durch die brasilianischen Musiker eine neue, frische, rhythmische Klangwelt. Im tänzerisch befreiten Let me go and fly singen Nadia und Céline im Outro gemeinsam die ad lib. Auch das Arrangement von Michel Legrands You must believe in Springs schrieb Céline Rudolph in nur einer Nacht und wie manisch bis fünf Uhr morgens.
Am Ende der Aufnahmen bedanken sich die Musiker für diesen bewegenden Moment. Und Nadia Maria selbst dafür, dass sie sich zum ersten Mal als „Ich“ erkannt hat und sich von nun an in der Musik immer wieder finden kann. „In den Tagen der Aufnahme spüre ich, wie meine Freundin zurückkehrt“, sagt Céline Rudolph. „Wir sitzen abends am Rhein und sind erschöpft und glücklich. Jetzt weine ich zum ersten Mal, und mit mir Nadia, die versteht, dass auch ich die Trauer spüre, sie eines Tages zu verlieren.“ Während der Mischtage liegt Nadia mit Kopfhörern auf einem großen Sofa im Regieraum und nimmt ein ganztägiges Klangbad. Sie sagt, es sei alles gesagt, alles getan. Jetzt kann sie auch dement werden.
Titelliste
- River
- You Will Always Find Me (Mia)
- Rain
- Nadia’S Song
- Love Is Real (Duo Version)
- Let Me Go And Fly
- You Must Believe In Spring
- Tomorrow
- Love Is Real
jazz-fun`s recap:
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