Rezension des Albums "The Myth We Choose" von Nduduzo Makhathini

Nduduzo Makhathini - The Myth We Choose - Album cover
Nduduzo Makhathini - The Myth We Choose

Nduduzo Makhathini
The Myth We Choose

Erscheinungstermin: 26.06.2026
Label: Blue Note Rwecords, 2025

Nduduzo Makhathini - The Myth We Choose - bei JPC kaufen

Jazz zwischen Mythos, Erinnerung und Spiritualität

jazz-fun`s recap:

Was wäre eine Gesellschaft ohne ihre Mythen? Sicher eine Gesellschaft ohne gemeinsame Bilder davon, woher sie kommt, woran sie sich erinnert und was sie weitergeben will. Für Nduduzo Makhathini liegen Mythen deshalb nicht einfach hinter uns, wir können sie aktiv jeden Moment mitgestalten. Denn Mythen entstehen im Wiederholen und im bewussten Wählen dessen, was an kommende Generationen weitergegeben werden soll.

Der Titel The Myth We Choose ist programmatisch: Jedes Lied, jedes gemeinsame Hören entscheidet mit darüber, welche Geschichten bleiben. Auf seinem vierten Album für Blue Note öffnet der südafrikanische Pianist, Komponist, Philosoph und spirituelle Praktiker deshalb einen Klangraum, in dem Jazz Erinnerungspraxis wird: Im Zentrum steht Makhathinis Trio mit Dalisu Ndlazi am Bass und Lukmil Perez am Schlagzeug, auf einzelnen Stücken ergänzt durch Ayanda Sikade. Dazu kommen Gäste wie Shabaka an der Flöte, Black Coffee, Robin Fassie, Keenan Ahrends sowie die Stimmen von Omagugu, Muneyi und Thando Zide.

The Myth We Choose macht Arbeit am afrikanischen Kanon hörbar. Makhathini fragt nicht nur, welche Mythen eine Gesellschaft wählt. Er fragt auch, welche Stimmen, Geschichten und Wissensformen überhaupt als erinnerungswürdig gelten. Seine Musik antwortet darauf nicht mit Theorie, sondern mit Klang. Entscheidend ist, dass Makhathini die Stücke des Albums als Songs denkt. In den Linernotes schreibt er: „Songs speak to us, songs look at us.“ Lieder seien für ihn zentral, weil sie daran mitarbeiten, wie kommende Generationen Mythen wahrnehmen: „What People Say“ kreist um die Frage, wie Mythen entstehen und wie gesellschaftliche Erzählungen Wirklichkeit formen. „Ekuqaleni“ führt zum Zulu-Schöpfungsmythos, nach dem die Menschen aus dem Schilf hervorgegangen sind. „Imvunge KaNtu“ ruft Ntu als Denken der Verbundenheit an. „Liyoze Line Nangakithi“ verbindet Regen, Erde und Segen und streift damit auch den Muttermythos, der bereits Makhathinis letztes Blue Note Album uNomkhubulwane (2024) inspiriert hat. In dieser Kosmologie ist der Ort der Mutter der Ort des Ursprungs; uNomkhubulwane, die mythische Regengöttin, steht für Fruchtbarkeit, Fülle und Regen. „Ḽiṅwalo ḽa Mubebi“ wird schließlich zum Liebesbrief eines Vaters an sein Kind und zeigt damit, dass Mythos bei Makhathini nicht nur kosmisch, sondern auch familiär gedacht ist. Denn mit The Myth We Choose schreibt Makhathini auch seine eigene Mythologie. Seine Frau Omagugu singt und sein Sohn Thingo prägt als Co-Produzent den Klang. Familie wird somit zum Ort der Weitergabe.

Dazu passt das Bild des Improvisators. In den Linernotes beschreibt Makhathini das Album als eine Art Rede an die Zukunft: Im Gespräch mit Jazzfun wird daraus eine konkrete Ethik der Improvisation: „Ich spiele diese Note — und ich meine sie, keine andere.“ Eine Note ist bei Makhathini also immer eine Entscheidung, sogar ein Eid, indem sie bewusst gewählt wird. Auch das Klavier ist nicht nur Instrument. Es ist für ihn „Werkzeug“; wegen der Elfenbeintasten eng verbunden mit „divinatorischen Praktiken“, die weit zurückreichen. Somit greifen für ihn musikalische und spirituelle Arbeit am Mythos ineinander.

Makhathini wünscht sich, dass seine Musik weitergegeben wird. Wenn Menschen im Konzert mitsingen, entstehe für ihn bereits Mythos. Erinnerungskultur ist für ihn nichts Abgeschlossenes. Sie wird aktiv mitgestaltet: von denen, die spielen, und von denen, die hören.

(Fanny Opitz, 26.06.2026)

Besetzung

  • Nduduzo Makhathini - Piano, keyboards, vocals, vocoder and additional programming
  • Dalisu Ndlazi - Double bass
  • Lukmil Perez - Drums
  • Ayanda Sikade - Drums (7, 16)
  • Black Coffee - Drum programming (14)
  • Robin Fassie - Trumpet (1)
  • Keenan Ahrends - Guitar (10)
  • Shabaka - Flute (5)
  • Omagugu - Vocals (6, 14)
  • Muneyi - Vocals (9, 11)
  • Thando Zide - Vocals (12)

Titelliste

  1. Kuzodlula
  2. Imvunge KaNtu
  3. Kwamabili
  4. Unembeza
  5. Liyoze Line Nangakithi
  6. What People Say
  7. Primordial Egg
  8. Ekuqaleni
  9. Ḽiṅwalo ḽa Mubebi
  10. Umbono
  11. Ḽiṅwalo ḽa Mubebi (reprise)
  12. Tethered
  13. Ongaphesheya
  14. What People Say (reprise)
  15. Kuzodlula (reprise)
  16. Zimthilili

Einen Kommentar schreiben

Was ist die Summe aus 7 und 4?