Ein Gelsenkirchener Festival voller Kontraste: außergewöhnliche Spielorte, internationale Stars und junge Talente.

Akkordeon ohne D

Bestürzung über die Ergebnisse der Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen und Tränen der Erleichterung, dass noch ein Sponsor gefunden wurde, nachdem sich das Land aus der Förderung zurückgezogen hatte, das war die Ausgangslage vor dem Start des New Colours Festival in Gelsenkirchen. Dann sprach die Musik für sich – viele frische bunte musikalische Farben konnten an vier Festivaltagen entdeckt werden. Susanne Pohlen und Bernd Zimmermann hatten 14 Konzerte an zehn verschiedene Veranstaltungsorte kuratiert, die manchmal fast spektakulärer waren als die Musik selbst.

Den Auftakt in der Kaue machte die Jazz Bigband Graz Smål mit ihrem herrlich irreführenden Namen. Die sechs Musiker um den Saxophonisten Heinrich von Kalnein spielten Fusion und Jazzrock, technisch perfekt, doch manchmal schienen die Stücke etwas zu lange ausufernd.

War schon die Kaue, der Aufenthaltsort der Bergarbeiter, wo früher saubere (Weisskaue) und Arbeitskleidung (Schwarzkaue) unter der Decke hingen, ein besonderer Ort, so hatte das französische Trio „The Litany Of The Peaks“ den Jackpot geknackt. Auf 60 Metern Höhe liegt die Maschinenhalle des Nordsternturms, der Weitblick bei strahlendem blauem Himmel über das Ruhrgebiet ist atemberaubend, der Platz für eine Jazzformation neben den Förderrädern eingeschränkt, doch das Trio mit Clément Janinet (Geige), Bruno Ducret (Cello) und Hugues Mayot an den Klarinetten spielten imaginäre Folklore, Minimal Music und Frei Improvisiertes in den goldenen Sonnenuntergang hinein.

Auch Spielorte wie die Bleckkirche, der Kirche der Kulturen, mit ihrem Altar mit Abendmahlrelief aus dem 16. Jahrhundert war eine Augenweide, vielleicht war das Konzert des Honey Bizarre Trios mit viel Elektronik samt Techno- und Rave-Elementen gerade als krasser Gegensatz zur Architektur gesetzt.

Luftiger ging es in Aerie’s Castle zu, dem Schloss Horst. Kristína Mihalová und JakubŠedivý aka Lash&Grey betörten das Publikum mit Gesang und Gitarre. Das junge Duo zeigte sich sicher auf dem Pop- und Jazzparkett, vor allem der Gitarrist begeisterte als One Man Band.

Vincent Peirani mit seiner „Jokers“-Besetzung hatte zu kämpfen, nicht mit der Musik oder der Inspiration. Die floss bei dem Trio mit Federico Casagrande an der Gitarre und dem Schlagzeuger Ziv Ravitz von ganz alleine. Nach längerer Spielpause war den Musikern die Freude am Wiedersehen und -hören im Gesicht abzulesen. Peirani kämpfte mit seinem Instrument, wie er nach dem Konzert erklärte. Sein Akkordeon boykottierte den Ton „D“ und zwar auf allen Knöpfen, die auf seinem Knopfakkordeon dafür vorgesehen waren. So hangelte er sich auf einem „Akkor eon“ durch seine dynamisch mitreissenden, stimmungsvollen Kompositionen wie George Perec durch seinen Roman ohne den Buchstaben „E“.

Junger Lokalmatador am Festival war der deutsch-brasilianische Pianist und Sänger Noah Reis Gamma, der mit seiner Group ausgereifte Kompositionen präsentierte, bevor Bobby Rausch aus Berlin die farbenprächtig ausgeleuchtete Bühne im Stadt.Bau.Raum kaperte: Drums und Tieftöner Bassklarinette und Baritonsaxophon mag auf den ersten Blick keine komplette Band sein, doch Lutz Streun, Oleg Hollmann und Nico Stallmann brachten den Saal mit brachialen und trotzdem subtilen Grooves, mit Elektronik verzerrtem und nochmal tiefer gelegtem Gebläse in Schwingungen.

Dass der letzte Tag zum Durchatmen war, tat gut – im Kunstraum Norten spielten die Brüder Julian und Roman Wasserfuhr samt Cellist Jörg Brinkmann klar gegliederte Kompositionen mit luftigem Approach – vor den Bildern des Gelsenkirchener Künstlers Jürgen Buhre, der in der ersten Reihe vor den Musikern sass.
Das krönende Abschlusskonzert (vor der Abschlussparty mit der Band der Schlagzeugerin Annika Niles, die das Publikum in der Heilig Kreuz Kirche mit lauter grooveorientierter und melodienarmer Musik begeisterte) bestritt der französische Bassist Renaud Garcia-Fons solo in der Matthäuskirche. Hier passten sakraler Raum mit großem Hall und die Musik perfekt zusammen. Der Bassist nahm seine Zuhörer, die ihn nach dem Konzert gar nicht mehr gehen lassen wollten mit auf eine musikalische Reise mit schottischer keltischer Musik über Klänge der Bretagne, nach Spanien und seinem Flamenco, Nordafrika bis in den Vorderen Orient mit.
Ein sehr vielfarbiges Programm mit gutem Zuschauerzuspruch ging nach vier Tagen zu Ende. Zu wünschen bliebe, dass Susanne Pohlen und Bernd Zimmermann nicht wieder einen heiklen Seiltanz zur Finanzierung des nächsten Festivals hinlegen müssen.

Text: Angela Ballhorn
Fotos: Elmar Petzold

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