Nighthawks - Paris Dakar
Nighthawks
Paris Dakar
Erscheinungstermin: 24.10.2025
Label: Q-Rious, 2025
Ein neues Kapitel für die Nighthawks – und wieder ist es eine musikalische Reise durch Klangwelten, Rhythmen und Stimmungen. Paris Dakar führt uns, wie der Titel schon andeutet, durch verschiedene kulturelle und emotionale Landschaften. Doch es ist keine World-Music im herkömmlichen Sinn, sondern der unverwechselbare Nighthawks-Sound: urban, warm, groovend und voller Farben.
Reiner Winterschladen und Dal Martino verstehen es meisterhaft, Atmosphäre zu schaffen. Ihre Kompositionen sind reich an melodischen Ideen und zugleich durchlässig für die feinen Improvisationen ihrer Mitmusiker. So entsteht Musik, die tanzen lässt, aber ebenso zum Zuhören verführt – elegant arrangiert, rhythmisch präzise, harmonisch leuchtend.
Das Ensemble spielt mit einer Selbstverständlichkeit, die nur aus jahrelanger Zusammenarbeit wachsen kann. Jeder Ton sitzt, jedes Solo hat seinen Platz, und doch bleibt Raum für spontane Eingebungen. Paris Dakar ist ein Album voller Energie und Lebensfreude, das einmal mehr zeigt, warum die Nighthawks zu den beständigsten und eigenständigsten Formationen der deutschen Szene zählen.
Ein großartiges, farbenreiches Werk – mitreißend, emotional und klanglich brillant.
(Jacek Brun, 24.10.2025)
Besetzung
Reiner Winterschladen – Trumpet, Flugelhorn, Cornet
Dal Martino – Bass, Keyboards, Guitars, Vocals
Jürgen Dahmen – Rhodes, Synth, Hammond, Percussion
Jörg Lehnardt – Electric and Acoustic Guitars
Thomas Alkier – Drums
Guests:
Dominic Miller – Acoustic Guitar on 4
Bernd Winterschladen – Saxophone on 2, 8
Zdidslav Marcinkiewicz – Keyboards on 4
Elva La Guardia – Vocals on 7
Thomas Gutermann – Percussion on 7
Kellie Rucker – Vocals and Mouth Harp on 10
Von Groove und Glanz – Nighthawks erkunden neue Horizonte
Güte ist eine Eigenschaft, die viel zu selten mit Musik in Verbindung gebracht wird. Und doch ist das Wohlwollende ein elementarer Bestandteil des Austausches zwischen Musikmachern und Musikgenießern. Das neue Album „Paris Dakar“ der in Köln ansässigen Band Nighthawks erklärt das freundlich intendierte wechselseitige Senden und Empfangen gleich auf mehreren Ebenen zur Tugend.
Bereits die instrumentale Eröffnungsnummer „Finally Timeless“ bricht Barrieren auf. Die vermeintlichen Gegensätze „Programming“ und akustisches Instrumentarium verzahnen sich im Album-Opener zu einem unmittelbaren Trigger der Gefühlsebene. Eine feinjustierte Synth- und Hammond-Orchestrierung ebnet einer beinahe konträr herumparadierenden Film-Noir-Gitarre auf Hip-Hop-Beat-Basis kurzzeitig die Bühne. Gleich im Anschluss deutet die Trompete in bester nonverbaler Storyteller-Manier das ohnehin bereits wohlig angewärmte Soundgeschehen hoheitlich. Nach gut vier Minuten sind Ohren und Herzen geöffnet und bereit für die Reise in den genuinen Nighthawks-Musikkosmos. Dieser heißt unbedingt willkommen und überrascht beständig aufs Neue mit erbaulicher Ambivalenz.
Nighthawks-Songs gehen an der Oberfläche gut verständlich rein und bieten zugleich Tiefgang. Die Band straft den Trugschluss Lüge, Musik sei ausschließlich dann qualitativ hochwertig, wenn der Zuhörer immerzu herausgefordert wird. An die Stelle des Verkopften setzen die Nighthawks beinahe tabulos-allumgreifende Musikalität – inklusive subtil vermitteltem Humor.
„Finally Timeless“ bedeutet frei übersetzt „Endlich – Zeitlos“ und offenbart einen offensichtlichen Widerspruch, denn Endlichkeit kann unmöglich zeitlos sein. Humor stellt das aufrichtige Musikmachen jedoch keineswegs infrage. Der scherzende arme Tropf, der insbesondere in Jazz- und Rockmusik dauernd Asylanträge auszufüllen hat, ist streng genommen ein Menschenrecht. Warum sollten die Nighthawks ihn trotz ihrer Verortung im Jazz nicht zum Türenöffnen nutzen? Coolness und eine gewisse Unantastbarkeit waren Zweitnamen, mit denen der an sich freigeistige Jazz lange belegt wurde.
Das Album „Paris Dakar“ spielt mit seiner Vielfalt von elf Stücken nonchalant-erfrischend an doktrinär empfundenen Genrestandesdünkel vorbei. Während der Produktionsphase, die pandemiepausenbedingt beinahe epische Ausmaße annahm, wurde vor allem von Dal Martino viel aufgenommen. Für einige der neuen oder neuinterpretierten Nummern standen bis zu hundert Spuren Soundmaterial zur Verfügung. Puh! Martino ging schließlich in alchemistischer Weise vor, um den Sound zu diäten: Er trennte das Wichtigste. Nighthawks-typisch stehen auch auf „Paris Dakar“ die Grooves im Vordergrund. Ein paar Akkorde und Melodienansätze reichen der Band selten als Ausgangspunkt für einen Song aus. Es muss quasi immer erst mal Bewegung in die Bude kommen. Im Titelstück „Paris Dakar“ fußt diese auf durchdringender Rockmusikmetrik – weder Martino noch Jörg Lehnardt (Gitarre), Thomas Alkier (Schlagzeug) oder Jürgen Dahmen (Keys, Percussion) haben in der Vergangenheit wenig Rock gespielt. Einzig Trompeter und Nighthawks-Mitbegründer Reiner Winterschladen ist in der dem Album seinen Namen gebenden Nummer als Improvisator fern von Jazzrock-Mutmaßungen zu hören. Dafür jedoch energetisch wie selten zuvor. Kraft ist ein Merkmal der Nighthawks, das in der Musikbeschreibung der vielfach mit Jazz-Gold-Awards dekorierten Band selten auftaucht.
Anfänglich als Duo mit Dal Martino und Reiner Winterschladen aktiv, wurde die Band fälschlicherweise dem „Lounge Jazz“ zugeordnet, ein Etikett, das wenig später durch die Bezeichnung „Nu-Jazz“ ersetzt wurde. Das weiche, umarmende Moment des Nighthawks-Sounds ist auf „Paris Dakar“ weiterhin präsent, wie „Vapor Bega“ eindrucksvoll unterstreicht. Diesmal steht es jedoch der spürbaren Lust am Bandklang ergänzend gegenüber. Das Westafrika huldigende Stück „Manu Dibango“ basiert dementsprechend ganz und gar auf einer Gruppenimprovisation. Gleichzeitig erzählt es die Geschichte einer Reise nach Dakar, wo der Teilzeit-Filmmusikkomponist Martino vor etlichen Jahren wegen eines Soundtracks neugierig auf Regionalmusik aufschlug. Dem Lyrischen zugewandt kultiviert der Gitarrist Dominic Miller (Sting, Phil Collins) einmal mehr die über Jahre gewachsene, wechselseitige Freundschaft mit den Nighthawks im mysteriös-hochfliegenden „Young“. Insgesamt appelliert „Paris Dakar“ an die individuelle Vorstellungskraft. Die elf songstrukturierten Stücke dürfen selbstverständlich wie musikalische Streckenbeschreibungen der gleichnamigen Wüstenrallye empfunden werden. Die Nighthawks setzen jedoch nicht voraus, dass man dieser Gedankenfährte folgt. Der Intuition beim Wahrnehmen der vielen ineinandergeflochtenen, fein angeordneten Klänge und Rhythmen werden bewusst keine Grenzen gesteckt. Jeder darf die Musik der Nighthawks selbstverständlich als qualitativ hochwertig gestaltete Einladung zum Entwickeln eigener Bilder nutzen.
Das Impulsgeben zum Unterwegssein ist eines der wesentlichen Merkmale der Musiker, die teils aus Hamburg, teils aus der Dom-Metropole am Rhein stammen. Da Wasser bekanntlich im selben Maße globale Zusammenhänge schafft wie Musik, wurde das Foto für das Albumcover an einer symbolträchtigen Stelle aufgenommen. Es zeigt die Straße von Gibraltar, jene Meerenge, die den europäischen vom afrikanischen Kontinent nur wenige Kilometer trennt. Die Kompositionen der Nighthawks bringen zusammen, was in der Kunst und im Leben elementar zusammengehört: Erinnerungen und Erfahrungen definieren den Istzustand und die Zukunft der Musik. Herb Alpert winkt mit seiner ewig juvenil triumphierenden Tijuana Brass – stellvertretend für eine offenherzige Jazz-Epoche – wohlwollend ins „Paris Dakar“-Geschehen hinein. Der Maler Gerhard Richter steht im übertragenen Sinn Pate für Myriaden futuristischer Soundschichtungen. Mitten zwischen diesen kreativen Geistern deklarieren die Nighthawks mit ihrer neuen Standortbestimmung „Paris Dakar“ gütig und verbindlich, wie erneuerungsoffen und beweglich ihr Musiksystem bleibt.
Titelliste
- Finally Timeless
- Tarifa Calling
- Vapor Bega
- Young
- Paris-Dakar
- Blue Bar Morning
- Alamo
- Manu Dibango
- Anorak
- Back To You
- Sleep
jazz-fun`s recap:
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