Nordlysfestivalen – The Northern Lights Festival - Tromsø, Norwegen

Marit Larsen, Foto: Knut Åserud

Der Wind bläst heftigst, der Regen knallt einem beim Verlassen des Flughafengebäudes gleich ins Gesicht. Schon der Anflug auf Tromsø war alles andere als angenehm mit all den Turbulenzen in der Luft. Ja, der Winter ist auch in Nordnorwegen nicht immer planbar. Keine traumhafte Winterlandschaft, die einen begrüßt, sondern Schmuddelwetter. Aber zwei Stunden später ist die Welt gefühlt wieder in Ordnung. Man sitzt bequem im Großen Saal des Kulturhauses der Stadt und lauscht den folkpoppigen, eingängigen Songs über Liebe und Leben der Singer-Songwriterin Marit Larsen, die sie mit einem Gitarristen an ihrer Seite und dem Streichquartett Ensemble Noor vorträgt. Larsen wurde schon in den 1990er Jahren berühmt als ein Teil des Duos M2M. Solo hat es die Norwegerin, die vielleicht ein bisschen zu viel plaudert bei ihrem Auftritt, und dann noch ausschließlich auf Norwegisch, ebenfalls zu großer Bekanntheit gebracht, auch international. Kein Wunder dass der Saal voll ist und alle am Ende total begeistert sind, auch wenn das gut einstündige Konzert wenig Abwechslung bietet.

Aber das Festival tut es, denn es hat weit mehr als nur Konzerte im Programm. So gibt es experimentellen Tanz oder ein intimes Schauspiel im Duo-Format, eine Musikerin und eine Schauspielerin, mit elektronischer Musik und Visuals, das die Verfolgung von Hexen und Zauberern im 17. Jahrhundert in der nordnorwegischen Provinz Finnmark zum Thema hat. Und dann spielen auch noch die Sex Magick Wizards in einem kleinen Club. Ein wildes norwegisches Quartett um den Sänger, Gitarristen und Komponisten Viktor Bomstad. Inspiriert von einem Sami-Gedicht erlebt der Zuhörer ein punk-rock-jazziges, energiegeladenes Werk, mit experimentellem Joiken (dem traditionellen samischen Gesang), elektronisch verzerrten Vokaleinlagen, knallenden und spannenden Schlagzeugbeats, fetten E-Bass-Läufen und pointierten Flöten- und Saxofonlinien. Auf Konzertdauer erschlagen die Norweger ein wenig mit ihrem durchweg hohen Energielevel. Aber diese Band ist mit ihrer ungewöhnlichen Mischung eine echte Entdeckung!

Eine Entdeckung - das ist auch das Projekt Kaipu vom Nordnorsk Jazzensemble zusammen mit dem norwegischen Trompeter Arve Henriksen. „Kaipu“ bedeutet Sehnsucht, und das Konzertprojekt, das über mehrere Jahre erarbeitet wurde und jetzt in Tromsø seine Premiere feierte, beleuchtet die Kultur und die Musik der Kven, einer ethnischen, baltisch-finnischen Minderheit in Norwegen. Im Foyer eines Theaters sitzen die acht beteiligten Musiker in einem großen Kreis, das Publikum mittendrin und dicht drumherum. Schon dieses ungewöhnliche Setting und dazu der grandiose Rundum-Sound machen das Konzert zu einem Erlebnis. Und die alte, traditionelle Kven-Musik modern aufbereitet, mit jazzigen Improvisationen und elektronischen Effekten durchzogen zu hören, ist ein farbenreiches, spannendes Erlebnis.

Auch das Duo Arvvas mit dem norwegischen Bassisten und Sänger Steinar Raknes und der samischen Joik-Sängerin Sara Marielle Gaup Beaska ist sehr hörenswert, präsentieren die beiden in Tromsø nur mit ihren Stimmen, dem Kontrabass, dessen Sound auch mal mit Elektronik aufgepeppt dann mehr wie eine kreischende E-Gitarre klingt, ein wunderbares Crossover-Programm mit Gesang auf Englisch und Sami-Sprache gleichzeitig und bringen dabei sehr gelungen archaische Joik-Tradition mit popfolkigem oder Americana zusammen.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten schon gibt es ganzjährig die Mitternachtskonzerte im Dom in der Innenstadt von Tromsø, die während des Nordlysfestivalen ins Festival integriert sind. Zu später Stunde der zauberhaften Sopranistin Anne-Berit Buvik zu lauschen, die von Tore Nedgård and Kirchenorgel und Klavier und Sondre A. Kleven am Saxofon sensibel begleitet wird - pures Seelenfutter. Die Akustik in der einzigen norwegischen Kathedrale aus Holz und eine der nördlichsten Kathedralen der Welt ist hervorragend, das Programm aus norwegischen und schwedischen Volksliedern, einem samischen Joik oder einem Wiegenlied genau das Richtige zu dieser späten, besinnlichen Stunde.

Text: Christoph Giese
Fotos: Knut Åserud

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