21. NovaraJazz 2024

Grdina - Lillinger Duo, Foto: Emanuele Meschini

Die Solokonzerte beim NovaraJazz boten zum Teil Aufregendes. US-Pianistin Myra Melford kombiniert im Innenhof eines alten Palastes Wucht und Feuer mit technischer Brillanz, freie Improvisation mit wunderschönen Melodielinien. Der Portugiese Rodrigo Amado entzückt im wunderschönen Arengo-Saal des Broletto solo auf dem Tenorsaxofon mit klassischen Jazzthemen von Jazzmeistern wie Sonny Rollins, die er aufbricht, dekonstruiert, in Tempo, Intonation oder Dynamik variiert und seinem Verständnis und seiner DNA als genialer Improvisator entgegenstellt. Hinreißend, intensiv, magisch.

Aufregend ist es auch durch das antike Novara zu laufen, der zweitgrößten Stadt im Piemont, nur etwa 50 Kilometer westlich von Mailand gelegen, ist wie durch die Geschichte spazieren gehen. Denn die Ligurer gründeten diese wunderschöne vorrömische Stadt mit seinen aktuell gut 100.000 Einwohnern. Und viel geschichtsträchtiges ist in Novara noch bestens erhalten. Das NovaraJazz ist so betrachtet noch ein ganz junges Festival, mit seinen 21 Jahren. Aber es ist ebenso spannend wie die Stadt.

Das liegt zum einen schon mal an den Spielstätten. Der Hauptspielort, das Broletto im Herzen der Altstadt, ist ein mittelalterlicher Architekturkomplex aus vier historischen Gebäuden, mit einem zentralen Innenhof. Perfekt für Open Air-Konzerte. Oder die alte, hübsche Kirche San Nazzarro Alla Costa, einen gemütlichen Spaziergang vom Stadtzentrum entfernt. Dort die bahrainisch-britische Trompeterin und Flügelhorn-Spielerin Yazz Ahmed im Duo mit dem britischen Vibrafonisten und Marimba-Spieler Ralph Wyld auftreten zu lassen - eine gute Entscheidung seitens des Festivals. Denn da saß man nun in der Kirche und lauschte den transparenten, warmen und entspannten Klangfarben von Vibrafon und Marimba, über die Yazz Ahmed schwebende, weiche Linien legte. Mit repetitiven Mustern, gesampelten Klängen und immer wieder von dezenter Elektronik durchzogen entstehen entrückte Klangwelten, die beim Zuhören minütlich mehr gefangen nehmen. Nur zwei Stunden zuvor das Duo von Gitarrist und Oud-Spieler Gordon Grdina und Schlagzeuger Christian Lillinger in Novara zu erleben – was für ein Kontrast! Der Kanadier und der Deutsche musizieren zwischen Struktur und Spontaneität, mit wieselflinken, polyrhythmischen Abenteuern des Schlagwerkers und auch mal krachend lauten, rockigen Soundideen des Gitarristen als Gegenpart dazu. Dieses Duo teilt eine musikalische Sprache mit komplexen Klangmustern, die konventionelle Erwartungen energievoll einfach wegwischt. Ein echtes Live-Erlebnis!

Eng verknüpft mit NovaraJazz ist das in Novara beheimatete Produktionscenter „WeStart“, das innovative Projekte mit Musikern der italienischen Jazz- und jazzverwandten Szene initiiert oder unterstützt. Wie etwa das Dialect Quintet um Alexander Hawkins, das beim diesjährigen NovaraJazz seine allerdings nicht ganz glückliche Premiere feierte. Der britische Pianist traf erstmals auf vier junge italienische Musiker und spielte mit ihnen ein im Prinzip spannendes Programm zwischen Improvisiertem und Komponiertem. Doch auf der Bühne lief wegen technischer Dinge nicht alles wie erwünscht. Nach dem Festivalauftritt ging es jedoch direkt zu gemeinsamen Aufnahmen ins Tonstudio nach Turin. Man darf gespüannt sein. Auch Programme wie „Um/Welt“ des Bassisten Marco Centasso oder „Invisible Partners“ vom ebenfalls Bass spielenden Ferdinando Romano werden vom „WeStart“-Team um Enrico Bettinello unterstützt und gefördert und zeigen in Novara dass der junge italienische Jazz interessante Musiker und Künstler zu bieten hat.

Wie etwa auch das Trio The Elephant mit Gabriele Mitelli (Trompete, Stimme und Electronics), Pasquale Mirra (Vibrafon, Stimme und Electronics) und Cristiano Calcagnile (Schlagwerk und Stimme). Die Drei liefern auf der großen Bühne im Broletto ein dichtes, packendes, vielschichtiges, wunderbar groovendes, gut einstündiges Konzert voller ineinander verzahnender Soundideen ab. Eingängige Strukturen kombiniert mit Soundexperimenten, bei dieser Band funktioniert das immer schlüssig und überzeugend.

Das lässt sich auch zum Auftritt von François Houle mit seinem von der Britin Kassia St. Clair geschriebenen Buch „The Secret Lives Of Color“ über die kulturelle und soziale Geschichte von Farben inspirierten Projekt sagen. Der kanadische Klarinettist und sein mit den internationalen Top-Improvisatoren Myra Melford, Gordon Grdina, Joëlle Léandre und Gerry Hemingway fantastisch besetztes Quintett setzen das Spektrum von Farben und seine historischen Verbindungen zur Musik in wieder einmal einer wunderschönen Location, dem Garten des Pfarrhauses der Kathedrale der Stadt, in abstrakte Tonbilder um. Mal nur reduziert in kleinen Duo-Besetzungen, dann wieder in gemeinsamen, vibrierenden Ausbrüchen. Ein anspruchsvoller, stellenweise mitreißender Schlussakkord eines sympathischen Festivals, das mit Wein-Degustationen nach einigen der Konzerte, zu denen für die Region typische Risottos gereicht wurden, die Sinne beim Publikum auch noch auf andere Weise anzusprechen wusste.

Text: Christoph Giese
Fotos: Edward Roncarolo & Emanuele Meschini

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