Ómar Guðjónsson im Interview – Zwischen ADHD und seinem Soloalbum „210“
50% des isländischen Quartetts ADHD machen sich 2026 auf Solopfade. Die Brüder Ómar Guðjónsson und Óskar Guðjónsson haben dafür aber ganz andere Wege eingeschlagen. Ómar Guðjónsson Guðjónsson, Gitarrist, Bassist und Pedal Steel Gitarrist bei ADHD konzentriert sich auf das letztere Instrument und stellt auf „210“ (Enja) zusammen mit zwei Pianisten und zwei Schlagzeugern eine eigenwillige Produktion voller Erinnerungen vor.
Von Angela Ballhorn
jazz-fun.de:
Du hast erzählt, daß du im Moment im Urlaub bist (das Interview fand im Januar 2026 statt). Das ist gut, oder?
Ómar Guðjónsson:
Ja, ich war im Grunde genommen seit Anfang Oktober letzten Jahres bis
Weihnachten auf Tournee. [seufzt] Normalerweise nehme ich mir den Januar frei, vor allem die ersten zwanzig Tage. Weil wir die Familien so lange nicht sehen, versuchen wir diese Wochen zu nutzen. Ich habe vier Töchter, es ist schwer, von ihnen weg zu sein.
jazz-fun.de:
Kommst du im Sommer wieder ins A-Trane? Mit ADHD?
Ómar Guðjónsson:
Es lief wirklich gut, als wir mit ADHD das letzte Mal für fünf Abende dort waren. Wir lieben es, da zu spielen und haben ein gutes Verhältnis zu Sedal. Es gab Leute, die jeden Abend da waren. [lacht leise] Ich weiß nicht mehr, ob es zwei oder fünf Leute waren, die Tickets für alle fünf Konzerte gekauft haben.
jazz-fun.de:
Einige von ihnen waren am ersten Tag da und beschlossen dann jeden Abend zu kommen. Das ist ein gutes Zeichen für die Band.
Ómar Guðjónsson:
Auf jeden Fall ein gutes Publikum für die Band. Wir lieben den Sound dort und es liegt eine gewisse Magie in der Luft. Wir haben mit ADHD dort eine lange Geschichte. Wahrscheinlich über dreizehn, vierzehn Jahre mit dem Publikum. Wie eine Berliner Familie.
jazz-fun.de:
Wir müssen über deine neue Aufnahme sprechen. Es ist deine zweite Solo-Aufnahme, ich wusste nicht, daß es einen Vorgänger gibt.
Ómar Guðjónsson:
Es ist mein sechstes Soloalbum, aber erst das zweite mit Pedal Steel. Das erste erschien vor drei Jahren. Das war quasi alte isländische Opernmusik, ich habe für das Album nichts komponiert. Ich war in einer ersten Phase mit dem Instrument, habe alte Opernsänger angehört und versucht, so etwas auf dem Instrument interpretiert. Es war schön, eine andere Version der Melodien zu haben mit der Pedal Steel als Opernsänger. Ich hatte einen Pianisten und einen Schlagzeuger, also ein Trio, das isländische Opernmelodien spielt. Das ist eine seltsame Idee, findest du nicht? Ich sage Opernmelodien, aber in Island waren diese Melodien eher wie Volkslieder in den Vierzigern und Fünfzigern. Wir reden nicht über Aida oder Puccini. Keine italienischen Opern, ich glaube, einige davon waren sogar deutsch. Aber die Lieder wurden in Island hauptsächlich von Opernsängern gesungen. Wir hatten wir keine Top-Sänger, die aus dem klassischen Bereich kamen. Also hatten sie diese spezielle Art von Vibrato. Deshalb versuche ich es mit Opernsänger zu erklären. Vielleicht ist das nicht das richtige Wort, aber das sind irgendwie diese Melodien der leichten Muse, weißt du? Popmelodien dieser Zeit? An der Pedal Steel kannst viel mit dem Klang arbeiten, ist eine gute Kombination für Emotionen und Vibrato.
Mein Hauptinstrument, seit ich angefangen habe Musik zu machen, war die Gitarre. Der Hauptgrund, warum ich zur Pedal Steel gegriffen habe, ist die Möglichkeit, Emotionen auszudrücken. So wie es die Stimme besser kann als jedes Instrument. Es ist so, als könnte man die Töne wirklich formen oder ein schnelles Vibrato erzeugen, weil man keine Bünde der Gitarre hat. Wenn man eine Steelbar (Stahlstange) zum spielen hat, hat man mehr Möglichkeiten Man kann mit dem Lautstärkepedal eine Menge innerer Emotionen ausdrücken. Natürlich suchst du immer nach einer Stimme auf dem Instrument.
Der Grund, warum ich die Platte aufgenommen habe, war, daß ich das Gefühl hatte, eine Stimme zu haben. Seitdem hat sie sich weiterentwickelt. Für dieses Album habe ich in mir entdeckt, daß ich auch als Songschreiber eine Stimme habe.
Für „210“ hatte ich eine Art Vision und begann, alte Erinnerungen meiner Jugend aufzuschreiben. Man entwickelt sich am meisten, wenn man herausfindet, wer man sein will. Jeder Song stellt eine Erinnerung dar, einen Angelausflug mit meinem Vater, als ich vierzehn Jahre alt war, Erinnerungen an die Schulzeit, wie ich meine Freundin kennengelernt habe oder Erinnerungen an meine Großeltern, die in dieser Zeit gestorben sind. Der Grund, warum das Album „Two Ten“ oder „Two One Oh“ heißt, ist, daß es die Postleitzahl meiner Heimatstadt ist.
jazz-fun.de:
Das ist Garðabær, oder? Einige Titel sehen wie Adressen aus, waren das Orte, an denen du früher gewohnt hast?
Ómar Guðjónsson:
Ja. Das Haus, das mein Vater gebaut hat und in dem die Familie gewohnt hat. Der Ort, an dem ich heute wohne, ist nur einen Block entfernt, die Straße runter. Zwei der Songs, die miteinander verbunden sind, nenne ich „Garðaskóli” und „Garðaskóli zwei”. Garðaskóli ist die Schule, die ich im Alter von zwölf bis sechzehn besucht habe. Es ist eine Art Erinnerungsreise.
Das Album ist meinem Vater gewidmet, der letztes Jahr verstorben ist. Der letzte Song heißt also „Last Days Of My Father”. Es ist ein schöner Song. In der Woche vor seinem Tod war die ganze Familie da, etwa vierzig Leute, eine ganze Woche lang waren wir zusammen, wir schliefen im selben Haus und lachten und weinten zusammen. Er wollte nicht gehen. Es war so, als hätte er uns einfach dort festgehalten und wir hatten die magischste Woche, die wir je in unserem Leben erlebt haben. Wenn ich dir jetzt davon erzähle, dann bekomme ich immer noch eine Gänsehaut.
jazz-fun.de:
Das ist eine erstaunliche Erfahrung, kann ich mir vorstellen.
Ómar Guðjónsson:
Es ist schwer, den Leuten zu erklären, daß es magisch war, denn es ist natürlich traurig, wenn man jemanden verliert, den man liebt. Aber in gewisser Weise hat er die ganze Familie zusammengehalten. Wir haben gelacht, geweint, gekocht und es war ein Moment, den wir wahrscheinlich nie wieder erleben werden. Er hat das getan, also handelt das Lied von dieser Zeit. Es ist wirklich etwas ganz Besonderes. Wenn ich von Instrumentalmusik ohne Text spreche, ist es für viele Menschen schwer zu verstehen. Der Songwriter in mir kann sich in eine Umgebung oder eine Erinnerung versetzen oder versuchen, von dort aus etwas aufzubauen. Deshalb habe ich diese Songtitel und schaffe die dafür am besten geeigneten Melodien und den perfekten Klang dafür diese Erinnerung.
jazz-fun.de:
Aber du musst mir erzählen, warum du dich für die Pedal Steel entschieden hast. Ich glaube nicht, daß es ein typisch isländisches Instrument ist. Ich kenne die Pedal Steel eher aus Country- und Western- oder Hawaiianischer Musik.
Ómar Guðjónsson:
Es war nicht seltsam, aber überraschend. Ich habe sie durch Daniel Lanois, den kanadischen Produzenten, kennengelernt, der seit zwanzig Jahren die Pedal Steel als etwas anderes als ein Country-Instrument verwendet. Eher wie eine Art Soundscape, das war meine Vorstellung von einer Pedal Steel, als ich sie gekauft habe. Wenn man versucht, seinen eigenen Stil zu finden, kommt man vom Weg ab - ich habe immer gedacht, ich würde die Pedal Steel nur als Klanglandschaft verwenden, nicht als Melodieinstrument. So wollte ich sie einsetzen, mit Delays und grossem Hall, vielleicht für Ambient-Musik oder so. Und als das Instrument zu mir kam, fing ich an, mich mit ihm zu unterhalten: Was werden wir zusammen machen? Da kam mir einfach der Gedanke, daß ich auch Melodien machen wollte. Ich wollte meine eigene Stimme in das Instrument einbringen. Es ist einfacher, Melodien auf der Pedal Steel zu finden als auf der Gitarre, oder? Natürlich ist es immer schwierig, etwas auf einem unbekannten Instrument zu machen. Was ich empfinde, schreibe ich auf diesem Instrument ein bisschen anders. Ich spiele anders als auf der Gitarre. Wenn ich Bass spiele, bin ich ein anderer Bassist als ein Gitarrist. Ómar Guðjónsson, der Pedal-Steel-Spieler, ist ein anderer Mensch als Ómar Guðjónsson, der Gitarrist. Klingt ein bisschen schizophren, aber Musiker sind so. Ich denke, es ist ein Gespräch mit den Klängen, die herauskommen. Und wenn man versucht, echt und ehrlich in den Gesprächen zwischen sich und dem Instrument zu sein, dann kommt etwas heraus, das man nicht kontrollieren, kann, aber man muss daran glauben, daß es etwas ist, das wertvoll ist für einen selbst ist. Und hoffentlich auch für jemand anderen.
jazz-fun.de:
Und warum hast du mit zwei verschiedenen Besetzungen links und rechts aufgenommen?
Ómar Guðjónsson:
Danke für die Frage. [lacht leise] Du bist ein guter Interviewer. Das war eine Art Konzept, mit dem ich aufgewacht bin – vielleicht drei Monate, bevor ich das Album aufgenommen habe. Daß ich es in einem großen Raum machen wollte und daß ich zwei verschiedene Bands haben wollte. Aber alle spielen live zusammen – wie bei einem typischen Jazzalbum. Natürlich sind es nur fünf Leute, aber ich würde es zwei Trios nennen, weil ich der Melodiemacher beider Trios bin, weißt du? Im Studio war es so, wenn ich nach links schaute, Tommi und Tommi sah. Wenn ich nach rechts schaute, sah ich Maggi und Maggi. Das ist noch eine lustige Tatsache mit den Namen. Es war einfach Schicksal! Manchmal spielt nur das eine Trio, und ich nenne das die Unterhaltung zwischen den beiden Bands. Denn manchmal spielt die eine Band ein Solo, während die andere Band nur die Akkorde spielt. Es ist also ein Gespräch zwischen diesen beiden Bands, und ich platziere sie genau im Klangspektrum für die Zuhörer, wenn man Kopfhörer aufsetzt oder vor zwei Lautsprechern hört. Ich platziere sie so, wie ich es bei der Aufnahme der Musik gemacht habe. Ich war in der Mitte, rechts waren Maggi, Maggi, genau im rechten Lautsprecher sind die beiden. Und im linken Lautsprecher ist die andere Band. Und weil es live gespielt wird, ist es keine totale Katastrophe im Klangbild, weil sie sich überlagern, weil es auch einige Raummikrofone gibt. Aber man spürt die Band definitiv auf der rechten Seite und man spürt die andere Band auf der linken Seite. Es war ein Konzept, mit dem ich aufgewacht bin, mit dem Wunsch, künstlerisch reichhaltiger zu sein, indem ich versuchte, auch mit der Klanglandschaft etwas Besonderes zu schaffen.
jazz-fun.de:
Ich finde, das ist eine wirklich gute und auch einzigartige Idee, denn ich kenne Tómas (Jónsson) natürlich, eigentlich braucht er keinen weiteren Keyboarder neben sich. Und auch Maggi (Tryggvason Eliassen) und Tommy (Baldu) brauchen keinen weiteren Schlagzeuger neben sich.
Ómar Guðjónsson:
Also müssen sie etwas weniger spielen und mehr zuhören.
jazz-fun.de:
Ich liebe den Klang der präparierten Klaviere. Das ist ein Kontrast zu den langen Noten auf der Pedal Steel. Du hast diese Art von perkussivem Klavierspiel, das wirklich wunderbar ist.
Ómar Guðjónsson:
Keiner der Reporter, die mich interviewt haben, hat das bisher bemerkt. Ich habe mit dem präparierten Klavier auf meinem ersten Pedal-Steel-Album angefangen, weil ich möchte, daß die Pedal Steel das einzige Instrument mit langen Noten ist. Es gab auf der ersten Platte nicht einmal Becken. Also wollte ich nur präpariertes Klavier und Percussion mit weichen Noten, damit wir ein breiteres Spektrum an Klängen schaffen.
jazz-fun.de:
Man kann zwar oft nicht herausfinden, ob es wirklich ein Klavier ist, aber man kann unterschiedliche Tonhöhen hören. Und es muss ein Instrument mit Tasten sein.
Ómar Guðjónsson:
Du hast nach den langen Tönen in der Pedal Steel und den kurzen Tönen im Klavier gefragt. Das war mein Konzept, genau wie du es gesagt hast. In der Musik geht es um Kontraste. Wenn es nicht genug Kontraste gibt, wird es langweilig. Man braucht laute Stellen und leise Stellen. Man braucht lange Noten, kurze Noten, für mich ist das offensichtlich.
jazz-fun.de:
Wirst du mit der Doppelband auf Tour gehen? Das wird ein Problem, oder?
Ómar Guðjónsson:
Das wird ein Problem, denke ich. Ich bin natürlich total bereit, wie jeder Musiker. Aber du weißt schon, wegen des Budgets, Zuschüssen und einigen Sponsoren und so weiter... Ich hatte gehofft, daß nach der Veröffentlichung etwas passieren würde. Ich gebe ein Release-Konzert in Island im März und hole Tommy Baldu dazu. Vielleicht spielen wir dann etwas in Island. Aber etwas in Europa zu machen, wird schwierig mit fünf Musikern. Es wird teuer, das ist das Problem. Ich bin bereit, es ist meine Priorität, meine Musik bekannt zu machen. Ich konnte es kaum erwarten, sie ans Licht zu bringen. Ich habe sie in Island im Oktober letzten Jahres veröffentlicht. Ich wollte den Leuten davon erzählen. Ich wollte es von einem Berggipfel herunterrufen. Daß es raus ist, ich war einfach so stolz. Ich bin absolut bereit, alles zu tun, was nötig ist, um mit den Jungs zu reisen.
jazz-fun.de:
Das warst also du, der auf dem Esja (Hausberg von Reykjavík) geschrien hat? Ich denke, mit Enja als Plattenlabel besteht eine gute Chance, sie arbeiten gut.
Ómar Guðjónsson:
Hoffentlich. Es ist das erste Mal, daß ich etwas auf einem Label herausbringe. In meinem Geschäft geht es immer darum, es selbst zu machen, aber bei dieser Platte habe ich etwas anderes gespürt. Ich möchte die Musik mehr Menschen zugänglich zu machen. Ich habe das Gefühl, daß die Musik etwas ist, das für mich neu und hoffentlich auch für andere ist. Ich fühle mich einfach gut mit Enja. Ein herzliches Label und sie sind ehrlich, arbeiten hart und behandeln die Musiker gut. In dieser seltsamen Zeit der Plattenveröffentlichungen hatte ich das Gefühl, daß es dort leidenschaftliche Leute gibt. Sie glaubten von Anfang an an die Platte, deshalb war es für mich eine Selbstverständlichkeit, dorthin zu gehen.
Website:
www.adhdiceland.com
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