Pablo Held - Recondita Armonia

Pablo Held - Recondita Armonia

Pablo Held
Recondita Armonia

Erscheinungstermin: 28.08.2015
Label: Pirouet Records, 2015

Pablo Held - Recondita Armonia - bei JPC kaufenPablo Held - Recondita Armonia - bei Amazon kaufenPablo Held - Recondita Armonia - bei iTunes kaufen

Verborgene Harmonien oder Wie spannend doch die Welten zusammenhängen! „Recondita Armonia“ heißt die neue CD des Pablo Held Trios, auf der die Musiker sich vor Komponisten wie Mompou, Strawinsky, Skrjabin und Rachmaninoff verbeugen und dabei doch Klänge finden, die ganz ihre eigenen sind.

Das Pablo Held Trio verbeugt sich vor Klassikern: Das ist, wie bei diesem Trio üblich, etwas anders, als man es erwarten könnte. Klassische Ohrwürmer neu verpackt? Eben nicht. Ein ganz und gar nicht naheliegendes Repertoire ist hier zu hören, sondern eine Auswahl von Stücken, bei denen es sich durchweg um Herzens-Angelegenheiten handelt. Musik, die dem 1986 im westfälischen Herdecke geborenen Pianisten Pablo Held und seinen beiden Partnern Robert Landfermann, Bass, und Jonas Burgwinkel, Schlagzeug, viel bedeutet – und deren Auswahl einer Lust an der Auseinandersetzung entsprungen ist. Andere Wege also nach der in den Medien gefeierten Vorgänger-CD dieses Trios bei Pirouet, dem Zusammentreffen mit dem amerikanischen Top-Gitarristen John Scofield, erschienen 2014 (PIT 3078), das ein Kritiker eine „absolute Sternstunde“ nannte. Und ein anderer, Stefan Hentz in der Wochenzeitschrift „DIE ZEIT“, erkannte in den Aufnahmen mit Scofield „auf eine höhere Umlaufbahn gehobene“ Improvisationen „über alle Grenzen von Status, Generation und Kontinent hinweg“. In völlig andere Regionen kann man jetzt also mit diesem Trio abheben – auf der CD Recondita Armonia, benannt nach einer berühmten Romanze aus Giacomo Puccinis Oper Tosca. Der Titel bedeutet „Verborgene Harmonie“, und Musikfans unterschiedlichster Herkunft dürften die Sterne leuchten sehen beim Hören dieser Musik.

„Balladen“ wollten Held, Landfermann und Burgwinkel einspielen – und sie haben auf Stücke und Inspirationen von Komponisten wie Puccini, Rachmaninoff, Bartók, Strawinsky und Skrjabin zurückgegriffen. Live hat das Trio schon des öfteren klassische Werke ins Programm genommen, auf früheren CDs tauchen Kompositionen von Federico Mompou, Olivier Messiaen und Manuel de Falla auf. Über die Jahre „intensiviert“ habe sich die Einbindung klassischer Kompositionen im Laufe der Jahre bei diesem Trio, sagt Pablo Held. Auf dieser CD, so Held weiter, finde diese Entwicklung nun ihren Höhepunkt: „Die Idee, sich einmal voll und ganz dieser Musik zu widmen, kam gekoppelt an unseren langgehegten Wunsch, eine Balladenplatte aufzunehmen“. Wobei ein Begriff wie „Ballade“ bei diesem Trio nicht bedeutet, dass alle Stücke ruhig sein müssen – alles Einengende lehnen Held und seine Mitstreiter ab.

Diese CD enthält also Musik, die voll und ganz aus der musikalischen Welt des Pablo-Held-Trios kommt. „Der einzige Auftrag, den wir haben, ist es, ehrliche Musik zu machen und dabei dem näher zu kommen, was in uns ist“, sagt Pablo Held. „Wir spielen zwar sonst größten Teils meine Kompositionen oder improvisieren frei, spielen aber eben auch hin und wieder Stücke von Mompou, Strawinsky, Bartók und so weiter. Und wir behandeln sie letztendlich genau so wie eigene Stücke oder Standards.“ Es steht also keineswegs eine pädagogische oder marketing-technische Absicht hinter dieser Auswahl (etwa „Held plays Classical Heroes“), sondern – wie stets bei diesem Trio – ein künstlerischer Drang. Und den spürt man auch in jedem Moment: Das Interplay und die gemeinsame Spannkraft dieser Musiker ist stets präsent und bestimmend.

Und man kann, wie so oft, beim Pablo Held Trio, Welten entdecken. Die Musik von Charles Tournemire etwa, aus dessen Mammutwerk L’Orgue Mystique das Trio h ier auf das „Offertorium“ zurückgeift. Tournemire lernte Pablo Held durch seinen Lehrer und Pianisten-Kollegen Hubert Nuss kennen – eine Musik, die ihn sofort „unheimlich berührte“. Tournemire war Organist und improvisierte auch. Held sagt: „Ich habe noch nie jemanden so improvisieren hören wie Charles Tournemire in seiner Orgel-Improvisation Cantilène aus dem Jahr 1931.“ Zum ausgewählten Stück fügt er hinzu: „Größere Teile von Offertoire spiele ich hier ganz alleine und bleibe relativ nah am Notentext. In den beiden Teilen, in denen im Original die Gregorianischen Gesänge kämen, improvisieren wir im Trio gemeinsam über einem Orgelpunkt. Die letzten beiden Takte des Stücks habe ich zu einem Schluss-Vamp in 7/4 umgeschrieben.“

Durchweg spannend sind die Geschichten, die hinter der Auswahl von Stücken steht. Das kurze Rachmaninoff-Stück Fragments lernte Held durch seinen Vater kennen, der ebenfalls Pianist ist. Mit der Musik des Katalanen Federico Mompou ist Pablo Held aufgewachsen, da sie im Elternhaus stets gespielt wurde – und Mompous Klangsprache ist bei ihm „im inneren Ohr“ präsent, wann immer er improvisiert; ein prägender Einfluss also. Das Feuillet d’Album – a lso Albumblatt – von Alexander Scrjabin hat Pablo Held, weil er die faszinierende Rätselhaftigkeit dieser Musik durch-dringen wollte, vor einiger Zeit einen ganzen Tag lang auf Repeat gestellt und x-mal angehört – eine „Musik voller wundersamer Klänge, in denen man sich komplett verlieren kann“. Den Mountain Horn Song – die Nummer 4 aus den Rumänischen Volkstänzen des Komponisten Béla Bartók, der einst traditionelle Musik sammelte und bearbeitete – entdeckte Held auf einer CD eines Gitarristen, der Bearbeitungen klassischer Stücke zusammengestellt hatte; das Stück packte ihn. Die Messe Igor Strawinskys, aus der hier das Agnus Dei auftaucht, lernte Pablo Held durch seinen Musikerkollegen Niels Klein kennen – und es gab Tourneen, in denen Held „vor jedem Konzert diese Messe angehört“ hat, und das Agnus Dei sowie das Sanctus dieser Messe fesseln ihn besonders. Der Weg zu Ludus Tonalis des deutschen Komponisten Paul Hindemith führte über Helds großes Vorbild Herbie Hancock, der sich 1978 auf eine Tournee mit Chick Corea vorbereitete, indem er sehr viel Chopin, Bach, Debussy, Ravel und eben Hindemith übte; als er das erfuhr, besorgte sich Held die Aufnahmen und stellte dann fest, dass sein Lehrer John Taylor ihm lange Zeit vorher genau diese Stücke ans Herz gelegt hatte. Das titelgebende Stück schließlich, die Romanze Recondita Armonia von Puccini, hat wiederum mit Miles Davis zu tun; denn Miles Davis und Gil Evans planten einst, eine Bearbeitung von Puccinis Oper Tosca aufzunehmen – und als besessener Miles-Fan hat Pablo Held sich umgehend die Aufnahme besorgt, die Miles Davis stets gehört haben soll: diejenige mit Sängerin Leontyne Price unter der Leitung Herbert von Karajans von 1963, und bei der Romanze blieb Held beim Hören der Aufnahme „immer wieder hängen“.

Bei einigen Stücken – Recondita Armonia, Fragments, Prelude No. 3 – hat Held, wie im Jazz üblich, Akkordsymbole über die Originalnoten geschrieben, damit es leichter fiel, sich beim Spielen vom Notentext zu lösen. Von Scrjabins Feuillet d’Album schrieb er die musikalische Essenz in einer Skizze auf, die viele Freiheiten für Neu-Interpretation und Improvisation ließ. Beim Mountain Horn Song hat sich Held einige Freiheiten erlaubt, die mit Tonarten zu tun haben: Das Original ist eine Melodie über dem Orgelpunkt A; Held hat bestimmte Abschnitte nach F-Moll, B-Dur und Des-Dur transponiert, um eine Akkordverbindung entstehen zu lassen, und außerdem als Verbeugung vor dem großen Pianisten Bill Evans eine kontrastierende Coda für das Stück komponiert – denn er schätzt die „wunderbaren kleinen Codas, die Evans für viele Jazzstandards in seinem Trio-Repertoire geschrieben hat“. Strawinskys Agnus Dei spielt das Trio „ganz leicht verändert“, hier hat Held den Klavierpart aus den Chorstimmen destilliert; von Hindemiths Ludus Tonalis verwendet er nur einen Teil – und hat hier ebenfalls eine Coda angefügt, in der er Motive aus Hindemiths Komposition aufgreift.

Eine komplexe Welt, in der Hörer viele spannende Querbezüge entdecken können. Aufregend ist, wie stark bei diesem Trio aus den Vorlagen etwas Eigenes entsteht. Atmosphärisch ist diese CD völlig geschlossen. Die Kunst, sich zu verbeugen, ohne dabei das eigene Rückgrat zu vergessen, ist etwas, das diese drei hervorragenden Musiker außerordentlich gut beherrschen. Respekt vor großer anderer Musik, aber auch ein ganz eigener Kopf: Davon sind diese Aufnahmen geprägt. Recondita Armonia, verborgene Harmonie – zu diesem Titel merkt Pablo Held noch an: „Mir ist später bewusst geworden, dass man den Titel auf verschiedene Arten deuten kann: die Harmonie zwischen Robert, Jonas und mir, die mal mehr und mal weniger ,verborgen‘, aber immer vorhanden ist; die ,verborgene Harmonie‘ zwischen Jazz und Klassik (oder letztendlich allen Musikgenres) – und die ,verborgene Harmonie‘ zwischen uns Menschen“.

Pablo Held, piano
Robert Landfermann, bass
Jonas Burgwinkel, drums

  1. Offertoire, from l’Orgue Mystique Op. 57
  2. Fragments
  3. Prélude No.3, from 12 Préludes
  4. Feuillet d’Album Op.58
  5. Mountain Horn Song, from Romanian Folk Songs
  6. Agnus Dei, from Mass
  7. Interludium No.5, from Ludus Tonalis
  8. Recondita Armonia, from Tosca

Einen Kommentar schreiben