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Pat Metheny in der Münchner Isarphilharmonie (17.06.2026)

Pat Metheny
Pat Metheny, Foto: Robert Fischer

Von Robert Fischer

Was braucht ein Musiker, um ein Meister zu werden? Genau: Fleiß und Disziplin. Klingt simpel, ist aber eine Information aus erster Hand. Von Richard Bona nämlich, dem kamerunischen Ausnahmebassisten, der das in einem Interview mit Martin Kersten vom SWR so auf den Punkt brachte: „Excellence is repetition. You wanna be good at something? Make it every day.“ Das Geheimnis der außergewöhnlichen Meisterschaft von Stars wie Michael Brecker, Mike Stern, Joe Zawinul und Pat Metheny, sagt Richard Bona, sei ganz einfach: Sie haben geübt wie die Besessenen. Und sie hatten eine enorme Disziplin, etwa wenn es darum ging, zum vereinbarten Zeitpunkt pünktlich vor Ort zu sein …

Weltreisender in Sachen Jazz

Dass wir an dieser Stelle Richard Bona zitieren, liegt auch deshalb nahe, weil sich Pat Metheny mal den Luxus leistete, den Bassisten mit auf große Tour zu nehmen: als Sänger. Um ihn dann aber immerhin für ein Stück – „Bright Size Life“ vom gleichnamigen Debütalbum Methenys – zum E-Bass greifen zu lassen und mit ihm sowie Antonio Sánchez am Schlagzeug eine fulminante Trioversion zu performen, die dem Original mit Jaco Pastorius am Bass und Bob Moses am Schlagzeug kaum nachstand.

Pat Metheny hat dieses Debütalbum lange nicht geliebt. Sie seien damals eine sehr viel tourende Working-Band gewesen, und die Studioversion habe die enorme Energie, die die drei Musiker live erzeugen konnten, nicht annähernd wiedergegeben. Mag sein, aber dafür hat sich das inzwischen auch vom Meister selbst hochgeschätzte Album, dessen erste acht Töne so etwas wie eine Erkennungsmelodie für Methenys ganz eigenen Stil wurden, eine offenbar zeitlose Schönheit bewahrt, die noch heute, genau ein halbes Jahrhundert nach seinem Erscheinen, Staunen macht.

Zum Zeitpunkt der Aufnahmen des Albums im Tonstudio Bauer in Ludwigsburg im Jahr 1975 war der 1954 im US-amerikanischen Lee’s Summit, Missouri, geborene Pat(rick Bruce) Metheny Anfang zwanzig. Zuvor stand er bei anderen Produktionen auch schon als Sideman im Studio, war mit Gary Burton unterwegs, tourte intensiv mit dem eigenen Trio – in der Rückschau sieht es so aus, als sei Pat Metheny eigentlich immer auf Tour gewesen. Bis heute ist er ein Weltreisender in Sachen Jazz geblieben: Böse Stimmen könnten nun sagen, der Mann habe das Üben einfach auf die Bühnen der Welt verlagert, auf denen er während seiner ausgedehnten – aktuell gut hundert Termine umfassenden – Tourneen fast täglich steht. Aber das wäre höchstens die halbe Wahrheit.

Musik (nicht nur) für eine ganze Generation

Zur ganzen Wahrheit gehört, dass sich der Mann in seiner inzwischen fünf Jahrzehnte währenden, mit 20 Grammys gekürten Karriere einen Status erarbeitet hat, der ihm eine treue Fangemeinde sicherte. Diese ermöglicht ihm, fast überall auf der Welt vor einem weit größeren Publikum aufzutreten, als es im Jazz sonst üblich ist. Wobei die ohnehin müßige Frage, was Jazz eigentlich ist, im Fall des ungemein produktiven und enorm vielseitigen Pat Metheny erst recht obsolet sein dürfte: Pat Metheny ist immer Pat Metheny.

In der Münchner Isarphilharmonie sind es an diesem Juniabend rund 1800 Zuschauer, und wer ins bunt gemischte Publikum blickt, der ertappt sich bei der Frage, aus welcher „Epoche“ die jeweiligen Fans wohl kommen. Denn das gehört zu den Eigenheiten von Pat Methenys ungewöhnlich langer Karriere: Der Mann hat es geschafft, Musik zu schreiben, die gleich für mehrere Generationen „die Musik ihrer Jugend“ bedeutet. Ob das nun das erwähnte Debütalbum als Trio ist oder vielleicht mehr noch das zwei Jahre später, 1978, erschienene Debüt der Pat Metheny Group – das unbetitelte „Weiße Album“, mit dem Methenys kreativ enorm inspirierende Zusammenarbeit mit dem Pianisten und Keyboarder Lyle Mays begann –; ob es spätere Veröffentlichungen dieser mit wechselnden Mitmusikern im Kern immer aus Metheny und Mays bestehenden Gruppe wie „First Circle“ (1984), „Letter from Home“ (1989), „Secret Story“ (1992) oder „Imaginary Day“ (1996) sind oder andere Projekte wie „80/81“ (1980, mit Charlie Haden, Jack DeJohnette, Dewey Redman und Michael Brecker), Soloeinspielungen wie „New Chautauqua“ (1978) oder zuletzt „Dream Box“ (2023) und „MoonDial“ (2024): Immer wird es jemanden geben, der sich noch sehr gut daran erinnert, wie es war, als er Methenys Musik zum ersten Mal hörte. Und was sie in ihm auslöste: ein Phänomen, das es so vielleicht heute nur in der Popmusik gibt.

Ein Magier der seligmachenden Melodie

Da erscheint es bloß folgerichtig, dass Konzerte von Pat Metheny schon seit Längerem einer umfangreichen Werkschau gleichen, in der der Meister neben dem jeweils aktuellen Album immer auch Auszüge aus seinem gesamten Schaffen präsentiert. Manchmal begnügt er sich mit kurzen Zitaten – „Last Train Home“ etwa in einer Zugabe oder eine in Ornette Colemans „Round Trip/Broadway Blues“ mündende, an „Zero Tolerance for Silence“ erinnernde Brachialsoundattacke auf der stark verzerrten Akustikgitarre –; manches spielt er wie „Bright Size Life“ ganz aus. Entsprechend hoch sind die Anforderungen an seine Mitmusiker, die nicht nur das aktuelle Album „Side-Eye III+“ performen können, sondern auch den übrigen „Katalog“ Pat Methenys verinnerlicht haben müssen. Chris Fishman (Piano und Keyboards), Jermaine Paul (Bass), Joe Dyson (Schlagzeug) und Leonard Patton (Gesang und Percussion), die sich allesamt an diesem Abend auch solistisch profilieren können, gelingt das offenbar ganz mühelos – besonders schön ist die im Duett Metheny-Fishman zelebrierte Version von „San Lorenzo“ vom ersten Album der Pat Metheny Group.

Metheny spielt im Lauf des Abends in der Isarphilharmonie akustische Gitarre, Gitarrensynthesizer, E-Gitarre, Stahlsaiten-, Nylonsaiten- und Baritongitarre. Selbst das Orchestrion – Methenys wahr gewordener (und selbstverständlich ebenfalls schon mal auf einer ausgedehnten Solotour präsentierter) Traum einer allein von ihm gesteuerten, rund 60 Instrumente zum Klingen bringenden Musikmaschine – ist wieder mit dabei, allerdings in einer radikal abgespeckten, auf zwei hochkant stehende Glockenspiele reduzierten Version. Nur die 48-saitige Pikasso-Gitarre – eine Spezialanfertigung von Linda Manzer für Pat Metheny – blieb diesmal zu Hause, sicher zur Erleichterung seines das Monstrum ansonsten regelmäßig stimmen müssenden Gitarrentechnikers André Cholmondeley.

Dass Pat Metheny seine vier Mitmusiker zum Beginn des Konzerts von einem Seiteneingang im Stil einer Marching Band einmarschieren lässt, während er sich selbst schon mal auf der Bühne bereitmacht, ist ein neckischer Einfall – aber wohl auch ein unmissverständlicher Hinweis darauf, wer bei ihm das Sagen hat. WAS er zu sagen hat, offenbart in all seinen unterschiedlichen Versionen einen offenbar unerschütterlichen, im Jazz nicht eben selbstverständlichen Wille zur Melodie(findung), eingebettet  in gelegentlich allzu süßliche Harmonie(n). Das kann man auch kritisch sehen – Ralf Dombrowski sprach in seiner Rezension des aktuellen Side-Eye-III+-Albums mit spitzer Zunge, aber nicht ohne wahren Kern, vom „himmlischen Gedudel ohne höllischen Biss“.

Doch Pat Metheny ist eben Pat Metheny, denkt man sich leicht erschöpft nach dem gut zweieinhalbstündigen Konzert in der Isarphilharmonie, als der Meister selbst nach der dritten Zugabe und Standing Ovations noch immer kein Ende zu finden scheint. Der Mann hatte einfach immer schon eine enorme Ausdauer. Sicher auch beim Üben.

Pat Metheny Band
Pat Metheny Band, Foto: Robert Fischer

Text und Fotos: Robert Fischer

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