Paul Bernewitz – Zwischen Klang, Komposition und Poesie

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Paul Bernewitz, Foto: Lukas Diller

Bei Paul Bernewitz liegen Musik und Sprache ungewöhnlich nah beieinander. Der Leipziger Pianist und Komponist bewegt sich zwischen Jazz, Neuer Musik und freier Improvisation, schreibt zugleich Gedichte und beschäftigt sich intensiv mit Gegenwartsliteratur. Seine Kompositionen wirken deshalb häufig wie musikalische Erzählungen: sorgfältig gebaut, offen für überraschende Wendungen und getragen von einem ausgeprägten Sinn für Klang, Stille und Zwischentöne.

Bernewitz wurde 1997 in Leipzig in eine Musikerfamilie geboren. Bereits im Alter von fünf Jahren begann er mit klassischem Klavierunterricht. Früh entwickelte sich daneben eine Faszination für Jazz. Über Schallplatten und CDs eignete er sich zunächst autodidaktisch erste Grundlagen an, improvisierte am Klavier und begann eigene Stücke zu schreiben.

Gefördert wurde er zunächst von Victoria Flock. Weitere wichtige Lehrer waren Gerhard Erber und Eva Sperl.

Eine prägende Rolle spielte seine langjährige Mitgliedschaft im traditionsreichen Thomanerchor Leipzig. Dort erhielt Bernewitz Klavierunterricht bei Simone Weißenfels, sammelte erste Erfahrungen im Ensemblespiel und begann für ein eigenes Trio zu komponieren.

Vom Thomanerchor zum Jazzklavier

Mit 15 Jahren erhielt Bernewitz erstmals systematischen Jazzklavierunterricht bei Ralf Schrabbe. Begegnungen und Unterrichtsstunden bei Michael Wollny, Philipp Frischkorn und Janusz Wozniak erweiterten seinen musikalischen Horizont; hinzu kam ein Meisterkurs bei dem amerikanischen Pianisten Aaron Goldberg.

Schon während seiner Jugend verband sich das Klavierspiel zunehmend mit kompositorischer Arbeit. 2014 erhielt er bei „Jugend jazzt“ einen ersten und einen zweiten Preis. Vier Jahre später wurde er bei „Jugend komponiert“ mit einem Förderpreis ausgezeichnet. Dieser ermöglichte ihm die Teilnahme an der Kompositionswerkstatt der Jeunesses Musicales auf Schloss Weikersheim.

Nach ersten Studiensemestern in Klavier und Musikwissenschaft in Dresden und Leipzig wechselte Bernewitz 2019 an die Hochschule für Musik Nürnberg. Dort studierte er bis 2023 Jazzklavier bei Rainer Böhm.

Seit Herbst 2023 setzt er seine Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig fort. Im Masterstudium Jazzarrangement und Jazzkomposition arbeitet er unter anderem mit Ralf Schrabbe und Michael Wollny. Pianistische Impulse erhält er außerdem von Frank Chastenier.

Komposition zwischen Jazz und Neuer Musik

Bernewitz interessiert sich nicht allein für das klassische Repertoire eines Jazzpianisten. Seine kompositorische Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Jazz und Neuer Musik.

Zu seinem Werk gehören rund 60 Klavierminiaturen, Kunstlieder, Choräle und Kammermusik ebenso wie Kompositionen und Arrangements für Jazzquartett und -quintett. Form, Klangfarbe und Dramaturgie spielen dabei eine ebenso wichtige Rolle wie Improvisation.

Schon 2018 nahm er ein Soloalbum mit eigenen Klavierminiaturen auf. Zwei Jahre zuvor war ein Duoalbum mit dem Sänger Emil Wahlgren entstanden.

Diese frühen Arbeiten zeigen bereits eine Haltung, die Bernewitz bis heute prägt: Komposition und Improvisation sind keine Gegensätze. Aus festgelegten Strukturen können offene Räume entstehen; umgekehrt kann spontane Musik eine deutlich komponierte Dramaturgie entwickeln.

„Someday“

Eine größere Öffentlichkeit erreichte Bernewitz mit dem Album „Someday“, das 2022 bei Unit Records erschien.

Das Projekt entstand mit einem Nürnberger Ensemble um die Bassistin Amelie-Marie Richarz, Schlagzeuger Jonas Sorgenfrei, die Saxophonisten Paul Scheugenpflug und Michael Reiß sowie Sängerin Regina Heiß.

Im Mittelpunkt stehen Stücke aus dem Great American Songbook. Bernewitz behandelt Standards jedoch nicht als historisches Material, das möglichst werkgetreu reproduziert werden soll. Seine Arrangements öffnen die bekannten Kompositionen, verändern Perspektiven und schaffen neue dramaturgische Verläufe.

„Someday My Prince Will Come“, „I Hear a Rhapsody“, „Alfie“, „Cherokee“ oder „Days of Wine and Roses“ werden so zu Ausgangspunkten für eine Musik, in der Tradition und zeitgenössische Klangvorstellungen aufeinandertreffen.

Das Album machte zugleich deutlich, wie stark Bernewitz als Arrangeur denkt. Einzelne Instrumente übernehmen wechselnde Funktionen, Ensemblepassagen stehen neben offenen improvisatorischen Räumen und bekannte Melodien können sich aus komplexeren harmonischen Zusammenhängen heraus neu entfalten.

Internationale Impulse

Im Juni 2023 nahm Paul Bernewitz am Treffen der International Association of Schools of Jazz in Helsinki teil.

Die Begegnungen dort wurden für ihn sowohl musikalisch als auch intellektuell wichtig. Zu den prägenden Persönlichkeiten gehörten unter anderem IASJ-Gründer Dave Liebman, die Schlagzeuger Savannah Harris und Dana Hall, der schwedische Bassist Anders Jormin sowie erneut Aaron Goldberg.

In Helsinki lernte Bernewitz außerdem den belgischen Bassisten Toon Rumen und den Schlagzeuger Robbe Broeckx kennen. Bereits im Oktober 2023 folgten erste gemeinsame Konzerte in Belgien, 2024 tourten die Musiker durch Deutschland und Belgien.

Solche internationalen Begegnungen erweiterten Bernewitz' musikalisches Umfeld und verstärkten zugleich sein Interesse an einem Jazzverständnis, das weniger von stilistischen Grenzen als vom gemeinsamen musikalischen Denken bestimmt wird.

„Between the Years“ – das Klavier allein

Mit „Between the Years“ rückte Paul Bernewitz 2025 erstmals auf einem regulär veröffentlichten Album ausschließlich das Klavier ins Zentrum. Das bei Neuklang erschienene Soloalbum enthält zwölf Stücke und verbindet Eigenkompositionen, freie Improvisation, Jazzstandards und Bezüge zur klassischen Musik. Die Veröffentlichung erfolgte am 21. November 2025.

Das Album zeigt eine andere Seite des Pianisten als „Someday“. Statt größerer Ensemblearchitekturen steht nun die Konzentration auf Klang, Nachhall und den einzelnen musikalischen Gedanken im Vordergrund.

Stücke wie „Cipolla“, „Next Week“, „Siddhartha“ oder „I Disappeared“ begegnen Interpretationen von „Over the Rainbow“ und „On the Street Where You Live“. Mit „O Täler weit, o Höhen“ greift Bernewitz außerdem auf Mendelssohn und Eichendorff zurück.

Besonders deutlich wird dabei seine Nähe zur Literatur. „The Angels of Weeds Seeds“ entstand in Verbindung mit einem Gedicht von Christine Lavant, „Justification“ bezieht sich auf einen Text von Friederike Pank. Sprache wird hier nicht vertont, sondern zum gedanklichen Ausgangspunkt musikalischer Gestaltung.

Die Fachpresse nahm das Album aufmerksam auf. „Jazz thing“ beschrieb Bernewitz' Arbeit als Suche nach einem eigenen Impressionismus, bei der Harmonien und Klangräume bewusst im Schwebezustand gehalten werden.

Das Paul Bernewitz Trio

Parallel zur Soloarbeit entwickelte sich ein neues Trio mit Sebastian Claas am Bass und Jonas Sorgenfrei am Schlagzeug.

Die Formation entstand 2023 und konzentriert sich auf Bernewitz' Kompositionen und Arrangements. Dabei verbindet das Trio kammermusikalische Transparenz mit rhythmischer Energie und offenen improvisatorischen Passagen.

Auch historische und stilistisch weit entfernte Quellen können Teil des Repertoires werden. Neben eigenen Stücken beschäftigen sich die Musiker etwa mit Thelonious Monk, Duke Ellington und Maurice Ravel, aber auch mit dem Renaissance-Musiker Conrad Paumann oder Charles Ives. Entscheidend ist dabei nicht das Zitat selbst, sondern die Frage, wie sich vorhandenes Material in eine gegenwärtige Improvisationssprache übersetzen lässt.

Im Februar 2025 nahm das Trio sein erstes gemeinsames Album auf. Während eine frühere Vita noch eine Veröffentlichung für September 2026 ankündigte, nennen aktuelle Konzertinformationen inzwischen 2027 als geplantes Erscheinungsjahr.

Jazz und Literatur

Bei Paul Bernewitz endet die künstlerische Arbeit nicht am Klavier.

Er schreibt Gedichte und gründete 2019 die Literaturzeitschrift „Literarische Blätter“, eine Plattform für Gegenwartslyrik und Kurzprosa, die er bis heute herausgibt und leitet.

Diese Beschäftigung mit Sprache beeinflusst auch seine musikalische Arbeit. Rhythmus, Verdichtung, Pause und Mehrdeutigkeit spielen sowohl in seinen Texten als auch in seinen Kompositionen eine zentrale Rolle.

Gemeinsam mit dem Sprecher Felix Jueterbock entwickelte Bernewitz das Jazz-Lyrik-Programm „Ibus helfen nicht gegen die Apokalypse“. Der Titel geht auf ein Zitat von Emma Joerges zurück. Das Programm wurde im Februar 2024 in Leipzig uraufgeführt und im März desselben Jahres auch im Umfeld der Leipziger Buchmesse präsentiert.

Damit verbindet Bernewitz zwei Ausdrucksformen, die für ihn offenbar aus einem ähnlichen Bedürfnis entstehen: Gedanken nicht vollständig auszuformulieren, sondern Räume zu schaffen, in denen Assoziationen entstehen können.

Künstlerische Handschrift

Paul Bernewitz gehört zu einer jungen Generation von Jazzmusikern, für die die Grenzen zwischen Jazz, klassischer Musik, Neuer Musik und freier Improvisation zunehmend durchlässig geworden sind.

Seine Musik lebt weniger vom demonstrativen pianistischen Effekt als von Dramaturgie, Klang und dem bewussten Umgang mit Zeit. Pausen können ebenso wichtig werden wie einzelne Töne, eine harmonische Verschiebung ebenso entscheidend wie eine virtuose Linie.

Dabei ist Bernewitz hörbar in der Jazztradition verwurzelt. Standards und das Great American Songbook begleiten ihn ebenso wie die Auseinandersetzung mit Musik von Thelonious Monk oder Duke Ellington. Gleichzeitig reichen seine Bezugspunkte zu Maurice Ravel, Charles Ives, Mendelssohn und zeitgenössischer Literatur.

Aus diesen unterschiedlichen Quellen entwickelt er keine Collage, sondern eine zunehmend persönliche Sprache.

„Someday“ zeigte ihn als Arrangeur und Ensembleleiter, „Between the Years“ als Solisten, der Reduktion und Klang zum eigentlichen Material macht. Das neue Trio führt beide Seiten zusammen: kompositorisches Denken und spontane Interaktion.

Gerade die enge Verbindung von Musik und Literatur macht Paul Bernewitz zu einer ungewöhnlichen Stimme innerhalb der jungen deutschen Jazzszene. Bei ihm wird das Klavier nicht nur zum Instrument der Improvisation, sondern zu einem Ort des Nachdenkens.

Wichtige Stationen

  • 1997 – geboren in Leipzig
  • ab 2002 – klassischer Klavierunterricht
  • langjährige Mitgliedschaft im Thomanerchor Leipzig
  • ab 2012 – Jazzklavierunterricht bei Ralf Schrabbe
  • 2014 – 1. und 2. Preis bei „Jugend jazzt“
  • 2016 – Duoaufnahme mit Emil Wahlgren
  • 2018 – Förderpreis bei „Jugend komponiert“ und Teilnahme an der Kompositionswerkstatt auf Schloss Weikersheim
  • 2018 – Aufnahme eigener Klavierminiaturen
  • 2019 – Gründung der Literaturzeitschrift „Literarische Blätter“
  • 2019–2023 – Bachelor Jazzpiano bei Rainer Böhm an der Hochschule für Musik Nürnberg
  • 2022 – Veröffentlichung von „Someday“ bei Unit Records
  • 2023 – Teilnahme am IASJ Meeting in Helsinki
  • seit 2023 – Masterstudium Jazzarrangement/-komposition an der HMT Leipzig
  • 2023 – Gründung des Paul Bernewitz Trio mit Sebastian Claas und Jonas Sorgenfrei
  • 2024 – Premiere des Jazz-Lyrik-Projekts „Ibus helfen nicht gegen die Apokalypse“
  • 2025 – Aufnahme des ersten Albums mit dem Paul Bernewitz Trio
  • 2025 – Veröffentlichung des Soloalbums „Between the Years“ bei Neuklang
  • 2026 – Konzerttätigkeit mit dem Paul Bernewitz Trio
  • 2027 – geplante Veröffentlichung des ersten Trioalbums

Diskographie

Links

Paul Bernewitz Internetseite:
https://www.paul-bernewitz.de/

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