Philipp Maria Rosenberg verbindet auf seinem neuen Album „Rotwelsch“ Jazz, Romantik und Operette. Ein Gespräch über Klang, Freiheit und Sprache.
Philipp Maria Rosenberg veröffentlicht am 5. Dezember 2025 sein neues Album „Rotwelsch“ – ein Werk, das Jazz und Operette auf faszinierende Weise miteinander verbindet.
Mit seinem Trio eröffnet der in Zürich lebende Pianist einen völlig neuen Klangraum zwischen romantischer Sehnsucht, improvisatorischer Freiheit und feiner Ironie.
„Rotwelsch“ steht für eine geheimnisvolle, lebendige Sprache – und genau so klingt auch diese Musik: poetisch, verspielt, und doch voller Tiefe.
Im Gespräch mit jazz-fun.de erzählt Philipp Maria Rosenberg von seiner Liebe zu alten Melodien, der Suche nach Wahrhaftigkeit im Klang und dem Abenteuer, Operette in die Gegenwart zu holen.
jazz-fun.de:
Philipp, „Rotwelsch“ ist ein ungewöhnlicher Albumtitel – geheimnisvoll, vieldeutig, fast poetisch. Was bedeutet dieser Begriff für dich persönlich, und wie spiegelt er sich in deiner Musik wider?
Philipp Maria Rosenberg:
Nun – Rotwelsch ist, um es mal sachlich zu erklären, eine eigene Sprache, eine Art Geheimsprache, deren Fundament auf den zwei Säulen des Jenischen und Jiddischen Dialekts baut. Es ist eine Sprache, in der Improvisation und geografische Herkunft eine Rolle spielen kann. All diese Bausteine fand ich auch passende Synonyme für die Sprache/Musik, welche wir als Ensemble entwickeln.
jazz-fun.de:
Jazz und Operette – das klingt auf den ersten Blick nach zwei sehr unterschiedlichen Welten. Wie kam es zu dieser Verbindung, und was hat dich daran gereizt?
Philipp Maria Rosenberg:
Wenn man bei dem Wort Operette vermeintlich an Oper denkt, liegt Jazz wirklich nicht nahe. Allerdings war die Operette auch der Vorgänger des Broadway-Musicals, und hier finden sich klare Verbindungen zu Jazz. Wie allgemein bekannt, haben viele der großen Jazzlegenden Broadway-Melodien neu interpretiert und die Lieder in ihren Kanon aufgenommen, sie damit auf eine künstlerisch höhere Stufe befördert. Operettenmelodien hingegen sind trotz ihrer frappierenden Ähnlichkeit oft unentdeckt geblieben. Gerade als europäischer Jazzmusiker ist es spannend, in diesem angestaubten Kellergeschoss auf Schatzsuche zu gehen.
jazz-fun.de:
Du sprichst von einem „Romantikerherz“ – das gefällt uns! Inwiefern prägt diese romantische Ader dein Spiel?
Philipp Maria Rosenberg:
Hmm, vielleicht mit einer Art Sinnlichkeit. Einem Impuls folgend, der mehr spontan und körperbetont ist, weniger intellektuell forciert.
jazz-fun.de:
Viele Jazzmusiker:innen wagen sich an Klassik – du gehst mit der Operette aber einen anderen Weg. Was war für dich die größte Herausforderung, diese Musik ins Heute zu holen, ohne sie zu ironisieren oder zu verfälschen?
Philipp Maria Rosenberg:
Es stimmt schon, es gibt einige Beispiele. In Deutschland waren z. B. Eugen Cicero und Jacques Loussier Wegbereiter. Auch wenn mich diese Ästhetik nicht besonders anspricht, glaube ich trotzdem, dass sie vielen Menschen einen Einstieg in die Jazz- und Improvisationswelt geebnet haben. Ein jüngeres Beispiel ist Dieter Ilg.
Trotzdem glaube ich, klar sagen zu können, dass unser Ansatz ein gänzlich anderer ist. Die oben genannten Künstler haben zum Großteil sehr berühmte Werke klassischer Komponisten verwendet, wie etwa „Beethoven – Freude schöner Götterfunken“. Hier lockt das vermeintlich Bekannte für die Hörerschaft. Für uns hingegen spielt es keine Rolle, dass praktisch niemand mehr unsere gewählten Operettenmelodien kennt. Die Auswahl der Lieder beruht dabei einzig darauf, wie sehr sie mit mir resonieren und wie ich das Potenzial der Melodie einstufe. Zugegeben ist es bei Erstgenanntem aber auch schwieriger, aus dem Schatten der Originalkomposition zu treten.
jazz-fun.de:
Dein Trio hat sich in den letzten Jahren einen exzellenten Ruf erspielt – über 100 Konzerte! Wie hat sich euer Zusammenspiel über diese Zeit entwickelt, und was schätzt du besonders an Florian Kolb und Jordi Pallarés?
Philipp Maria Rosenberg:
Florian ist für mich ein sehr innovativer Geist, der unkonventionelle Ideen einbringt. Dazu beherrscht er spannende Techniken auf dem Bass, die mir als Arrangeur in die Hände spielen, um abwechslungsreich schreiben zu können.
Jordi Pallarés spielt seit dem Sommer 2024 im Ensemble. Ich kenne ihn aus meiner Studienzeit in Basel. Er ist ein wunderbar sensibler Schlagzeuger, welcher ein unglaubliches Gespür für die Orchestrierung der Melodien hat.
jazz-fun.de:
„Improvisation braucht Raum“, hast du einmal gesagt. Wie viel Freiheit lässt du dir und deiner Band in den Arrangements der Operettenmelodien?
Philipp Maria Rosenberg:
Das variiert, aber es wird mir immer wichtiger, möglichst einfach zu schreiben. Im besten Fall ist es möglich, die Melodien mit den verschiedenen Arrangements sehr differenziert und abwechslungsreich zu spielen. Nur sehr selten ist eine Melodie „absolut“ gebunden. Oft ändern wir Tempi und Grooves je nach Bühne und Publikum.
jazz-fun.de:
Wenn man deine Bearbeitungen hört, spürt man eine gewisse Zartheit, aber auch Kühnheit. Wie findest du diese Balance zwischen emotionaler Tiefe und improvisatorischer Spannung?
Philipp Maria Rosenberg:
Oh, also diese Beschreibung schmeichelt mir. Allerdings ist es schwierig, hierauf eine Antwort zu geben, denn ehrlich gesagt weiß ich es nicht. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass ich einfach versuche, wahrhaftig zu sein, und nicht irgendein Konstrukt an Emotionen in die Musik zu pressen.
jazz-fun.de:
„Rotwelsch“ versteht sich als Beitrag zu einem „Great European Songbook“. Was bedeutet das für dich – und welche europäischen Melodien gehören für dich unbedingt dazu?
Philipp Maria Rosenberg:
Nun, wie der Titel es schon vermuten lässt: eine Art Kanon von europäischen Melodien. Neben Operetten, welche vermutlich den größten Anteil ausmachen, wären da auch Lieder der Goldenen 20er, Kabarettstücke.
jazz-fun.de:
Neben der Musik hast du auch ein starkes literarisches Interesse. Spielt Sprache – etwa in der Titelwahl oder der musikalischen Erzählweise – eine Rolle in deiner Arbeit?
Philipp Maria Rosenberg:
Unterbewusst bestimmt. Man hört einen Titel und hat gleich ein Gefühl dazu. Das Wunderbare an den Operettentiteln ist, dass sie oft sehr aus der Zeit gefallen scheinen. Gerade mein Spiel schielt ja durchaus zum getragenen Pathos. Titel wie „O, dass ich doch ein Räuber wäre“ oder „Wenn man das Leben durchs Champagnerglas betrachtet“ anzusagen, hat etwas ziemlich Erfrischendes, zumal es doch den meisten Hörer:innen ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert.
jazz-fun.de:
Du gehst mit dem neuen Album bereits im November auf Tour. Wie überträgst du die Atmosphäre des Albums auf die Bühne – bleibt ihr nah an den Aufnahmen oder öffnet ihr alles neu?
Philipp Maria Rosenberg:
Vermutlich wird es ziemlich anders, zumal wir einige neue Stücke haben, welche ich für die Tournee bearbeitet habe. In einem Studio hat man – im panischen Jargon – ein tickendes Krokodil im Rücken. Das wirkt sich natürlich auf die Risikobereitschaft aus. Live hingegen mögen wir alle drei den Seiltanz. Zudem habe ich – großes Leider – selten so tolle Flügel zu bespielen, wie ich sie im Studio hatte. Das zwingt uns immer, sehr individuell mit Bühne und Repertoire umzugehen.
jazz-fun.de:
Und zum Schluss: Wenn du „Rotwelsch“ in einem Satz beschreiben müsstest – was wäre dein persönliches Fazit oder dein Wunsch, was die Hörer:innen mitnehmen sollen?
Philipp Maria Rosenberg:
Ein Ensemble, welches (im dicht besiedelten Raum der Piano-Trios) ein originelles Konzept und eine eigene Klangfarbe entwickelt hat.
jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.
Philipp Maria Rosenberg Internetseite:
https://www.philippmariarosenberg.com/
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