Potsa Lotsa XL - Silk Songs For Space Dogs

Potsa Lotsa XL - Silk Songs For Space Dogs

Potsa Lotsa XL
Silk Songs For Space Dogs

Erscheinungstermin: 01.05.2020
Label: Leo Records, 2020

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Silke Eberhard – alto saxophone
Jürgen Kupke – clarinet
Patrick Braun – tenor saxophone, clarinet
Nikolaus Neuser – trumpet
Gerhard Gschlößl – trombone
Johannes Fink – cello
Taiko Saito – vibraphone
Antonis Anissegos – piano
Igor Spallati – bass
Kay Lübke - drums

Was ist Jazz, und was kann Jazz sein? Die erste Frage muss nicht notgedrungen mit der zweiten verknüpft sein, aber die Berliner Saxofonistin Silke Eberhard beantwortet auf „Silk Songs For Space Dogs“, der neuen CD ihrer extragroßen Band Potsa Lotsa, beide Fragen auf einmal. Ihre Antworten sind komplex, und dennoch gehen sie ohne Umwege ins Ohr und bleiben im Kopf haften.

Einem Jazzhörer Silke Eberhard vorzustellen, wäre vergleichbar damit, einem Fußballer zu erklären, was ein Ball ist. Nicht nur aufgrund ihrer fruchtbaren Zusammenarbeit mit profilierten Jazzgrößen wie Dave Liebman, Gerry Hemingway, Ulrich Gumpert, Terri Lyne Carrington und last not least Aki Takase, sondern vor allem mit ihren eigenen Projekten hat sie sich einen erstklassigen Namen im europäischen Jazz erspielt. Ihre Bands und Projekte zeugen stets von fröhlicher Ernsthaftigkeit im Umgang mit allen musikalischen und menschlichen Komponenten. Die ihr ureigene Lebenslust überträgt ungefiltert in jeden Ton, den sie spielt, komponiert oder spontan erfindet. Zu ihren Langzeitunternehmungen gehört die Band Potsa Lotsa, die vor zehn Jahren als Bläserquartett entstand, dann auf die Stärke von sieben Mitgliedern anstieg und jetzt im Tentett antritt. Außer der Altsaxofonistin und den Potsa Lotsa-Urmitgliedern Patrick Braun (Tenorsaxofon, Klarinette), Nikolaus Neuser (Trompete) und Gerhard Gschlössl (Posaune) gehören zur aktuellen Besetzung Klarinettist Jürgen Kupke, Cellist Johannes Fink, Vibrafonistin Taiko Saito, Pianist Antonis Anissegos, Bassist Igor Spallati und Drummer Kay Lübke.

Diese Namen lesen sich nicht nur wie ein „Who Is Who“ der derzeitigen kreativen Jazzszene von Berlin, sondern in ihrer Ballung sie sind zugleich Programm. Es handelt sich nämlich ausschließlich um Musikerpersönlichkeiten, die sich durch eine markante Signatur auszeichnen und diese auch dann in selbstbewusster Zurückhaltung behaupten, wenn sie sich in einen größeren Kontext einordnen. So wirken solistischen Exkurse auf den Album nicht wie Alleingänge, sondern erscheinen als gruppendienliche Glanzlichter in einem kollektiven Prozess. „Die Mitglieder unserer Band spielen nicht ihr Ego aus, sondern ihre Persönlichkeit“, ruft Silke Eberhard aus, und die berechtigte Begeisterung der Saxofonistin über diese Feststellung ist unüberhörbar. Mit dieser Aussage trifft sie den Nagel auf den Kopf, und das macht zugleich den speziellen Charme von Band und Einspielung aus.

Die trotz aller Komplexität fast folkloristisch anmutende Ausgelassenheit ihrer Musik erinnert nicht wenig an die legendäre Ulrich Gumpert Workshop Band oder deren niederländisches Pendant, das Willem Breuker Kollektief. Diese Traditionslinie größerer Besetzungen ist zweifellos vorhanden, doch für das neue Album von Potsa Lotsa nennt die Saxofonistin vor allem zwei andere Inspirationsquellen. Da ist zum einen der viel zu jung verstorbene Eric Dolphy. Nicht erst seit „Silk Songs For Space Dogs“ scheint es, als wäre Silke Eberhard die große Vollenderin ihres amerikanischen Kollegen. Seit vielen Jahren erforscht und erweitert sie das Vokabular Dolphys, die DNA seines Tones hat sich in ihrem Spiel ebenso abgelegt wie seine musikalische Philosophie, die oft präzise und dennoch spontan geplante Freiflüge suggerierte. Eine zweite wichtige Bezugsperson ist Gunter Schuller, der nicht nur gleichermaßen in den Welten von Jazz und Klassik zuhause war, sondern als Pate des Third Stream Ende der 1950er Jahre eine über reinen Crossover hinausgehende Osmose beider Welten proklamierte. Auf seinem wegweisenden Album „Jazz Abstractions“ waren Eric Dolphy und Ornette Coleman, ein weiterer Eckpfeiler in Silke Eberhards musikalischer Identität, vereint. Schullers Tiefgründigkeit in der Erarbeitung und Durchdringung des Materials schlägt sich auf das Album unüberhörbar nieder. In diesem Zusammenhang wäre auch noch Charles Mingus zu nennen, dessen inbrünstige Offenheit ebenfalls schon Gegenstand der Klangforschungen der Saxofonistin war.

Bevor jetzt ein falscher Eindruck entsteht: „Silk Songs For Space Dogs“ ist kein Tribut an die Vergangenheit. Die sanfte Wollust des Grundkonzepts von Potsa Lotsa ist absolut gegenwärtig. „Wir spielen diese Musik im Hier und Jetzt“, betont die Bandleaderin. „Deshalb hat sie einen ganz anderes Verhältnis zum Leben. Ich bin keine Afroamerikanerin der 1960er Jahre, sondern im Schwabenland geboren und inzwischen in Berlin gelandet. Wir erzählen andere Geschichten, gehen von Dingen aus, die heute passieren. Aber ich mag den Bezug auf die Vergangenheit.“

Silke Eberhard ist eine feinsinnige Mittlerin zwischen verschiedenen Aggregatzuständen aus Vergangenheit und Gegenwart, Sendern und Empfängern wie auch den Intentionen und Obsessionen von zehn Individualisten, die sie zielgerichtet in ihren Kompositionen vereint. Unaufdringlich und mit bemerkenswertem Einfühlungsvermögen stellt sie Spielfreude über Intellekt sowie Demut und Respekt vor dem Material über virtuosen Exhibitionismus. „Es ist schon durchkomponierte Musik, aber es ist immer alles erlaubt und kann immer alles passieren“, erklärt sie fröhlich.

Silke Eberhards Musik ist genau das, was sie ist. Ihre Stärke beruht auf ihrer Unvoreingenommenheit. Wenn man diese Musik Free Jazz nennen will, dann nicht wegen ihrer strukturellen, sondern aufgrund ihrer inneren Freiheit. Sie erhebt sich nicht über andere Musikformen, sondern bleibt mit den zwanzig Beinen der beteiligten Musikerinnen und Musiker auf dem Boden des Alltags. Und genau mit dieser Haltung und deren konsequenter Ausfüllung mit Klangleben beantwortet sie nicht nur die Frage, was im Jahr 2020 Jazz ist, sondern was er darüber hinaus auch noch sein kann.

Text: Leo Records

  1. Max Bialystok
  2. Crossing Colors
  3. Skeletons and Silhouettes
  4. Fünfer, or Higher you Animals
  5. Ecstasy on Your Feet
  6. Schirm
  7. One for Laika
  8. Song on Orange

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