Die Punkt Seminars 2026 - Teil 2

Punkt 2026 live-remix
Punkt 2026 live-remix, Foto: Henning Bolte

Punkt Festival 2026 - Kristiansand, Norwegen

Von Henning Bolte

Punkt Seminars 2026 – Klang jenseits vertrauter Grenzen

von Henning Bolte

Zum Rahmenprogramm des Punkt Festivals gehören immer auch die Seminars, die an den ersten zwei Tagen vor dem Konzertprogramm im Kunstsilo, einem zur Kunsthalle ausgebauten alten Getreidesilo, stattfanden und seit einigen Jahren von Musiker und Buchautor David Toop kuratiert und moderiert werden. David Toop ist Autor von einer ganzen Reihe von Schlüsselwerken zur Entwicklung explorativer und kreativer Musik der letzten Jahrzehnte (Ocean of Sound, Exotica, Haunted Weather, Sinister Resonance, Into The Mælstrom, Two-Headed Doctor (on Dr. John’s Gris-Gris)).

David Toop Website: https://davidtoopblog.com/

Bei der Besetzung der Seminars und dem, was dort verhandelt wird, ist  er immer für Überraschungen gut. Meistens gibt er Künstlern, die sich ausser- halb standardisierter Gefilde in eigensinnigen Koalitionen bewegen, die Gelegenheit, Einblicke in eher unsichtbare Zwischenzonen musikalischer Aktivität zu gewinnen. Dieses Jahr waren das:
Miki Yui - Yara Asmas - Lina Lapolyte - Ecka Mordechai
Mike Cooper - Vicki Bennett/People Like Us

Klang, Sound ist überall, wo es einen Überträgermedium gibt, und ist dadurch auch mit Vielem verbunden. Egal ob wir ihn bewusst wahr- nehmen, wir können ihm nicht entgehen. Klang ist Urerfahrung unserer Sinne angesichts dessen, dass bereits Ungeborene intensiv Klang wahr - nehmen und unsere Klangerfahrung darin fußt. Klang /Musik dringt in ver-schiedenen Formungen zu uns durch, nicht nur in sich lang bildenden Standardformen. Es geht bei den Vertretern hier um neue Kontexte für klang klangliche Explorationen und Performances. Da kam so einiges Ungewöhn- liches, Interessantes und zum Nachdenken Anregendes aufs Tapet.

Miki Yiu (Düsseldorf) beschäftigt sich mit ‘small ‘sounds/kleinen’ Klängen und gab davon eine Lauschprobe, die den Hörer in ein nicht begrenztes Hörfeld brachte, in dem sich langsam das Bedürfnis nach Rahmung und die Suche danach herausbildete während man sich aber auch weiterhin gut diesem offenen Feld hingeben konnte. Damit blieb ein dialektisches Ver- hältnis bis zum Ende bestehen. Im Anschluss daran folgte eine selten konzise Darlegung der Genese ihrer Klangarbeit und ihrer Arbeitsweise. Auch zwischen diesen beiden Teilen ihres Vortrags bestand wiederum ein  dialektisches Verhältnis. Präzision auf der einen Seite und offener Fluss auf der anderen Seite. Für ein aktuelles Klangbeispiel höre man sich Track 3 ‘Düsseldorf’’von Nils-Petter Molvæers rezentes Album “Be Quiet” mit eine Reihe von über die Welt verteilten Duos an.

Über Miki You: https://www.cafeoto.co.uk/artists/miki-yui/

Miki Yui
Miki Yui, Foto: Henning Bolte

Aussergewöhnlich fand ich auch Yara Asmasr Sie sorgte für etwas, was für mich zwischen wundersamer poetischer Verwirrung und Verzauberung changierte. Dazu gehörte auch ihre Herkunft aus Beirut - ein Ort, den man derzeit nicht unbedingt damit assoziieren würde - mit Erlebnisgeschichten und Audioaufnahmen ihrer Großeltern. Als ihr musikalisches Hauptaugen - merk nannte sie die Beschäftigung mit Metallophonen während sie sich hauptsächlich es Akkordeons bedient und sich als Puppenspielerin outete und einbrachte. Auch in diesem Fall wieder ein faszinierendes Verhältnis zwischen Fluss und Bestimmtheit, das auf selbstbewusst offenblieb. Das heisst, man wird angehalten aufmerksam zu (ver)folgen statt zu kategori-sieren. Es gibt eine größere Zahl von Videos Yara Asmar in den angedeu- teten Qualitäten, in die es lohnt, einzutauchen. Für ihre Performances wählt sie oft auch ungewöhnliche Lokalitäten, die dem Alltag innewohnende Magie freilegen und wirken lassen. Asmar bringt das alles mit einem natür- lichen selbstbewussten künstlerischen Ego , das sich über nichts und niemanden erhebt. Aber uns entführt (wenn wir wollen).

after all this time, Beirut, by Yara Asmar
https://yaraasmar.bandcamp.com/track/after-all-this-time-beirut

Interview with Asmi Shetty for morphine – Yara Asmar
https://yaraasmar.com/interview-with-asmi-shetty-for-morphine/

Yara Asmar
Yara Asmar, Foto: Henning Bolte

Auch Lina Lanulyte (1984) ist eine dialektische Doppelnatur, die in leichtfüßiger Weise der und einem charakteristischen Lachen der Kategorisierung entspringt. Im Gespräch wirkt sie anfangs etwas chaotisch oder sogar ein bisschen verwirrt, was entautomatisierende Wirkung hat. Es gelingt ihr immer wieder zuzustimmen und leichtfüßig und Teilnahme be- wirkend auf ihre Bahn zu lenken. Sie geht weg und ist doch voll da. Sie schafft neue Kontexte für Musik im doppelten Sinne: durch Setzung eines klaren Handlungsrahmens, der ein Handlungsfeld eröffnet, das Zusammen- arbeit in individueller Freiheit (statt nur Ausführung) hervorruft und Ge- meinschaft herstellt, wodurch sich das Handlungsfeld auf vielfache und nicht vorhersagbare Weise ändert. Als rezentes Beispiel kann das Projekt “We make years of hours” im Hamburger Bahnhof in Berlin. Dort konnten in der ehemaligen Bahnhofshalle begleitet vom Gesang von 12 Vokalisten 400 000 quadratische Holzblöcke von 10x10x10cm gestapelt und ver- und umgestapelt werden. Dies rief eine ungeahnte Dynamik des Handlungs- feldes und der Gemeinschaftsbildung ‘zu’, ‘durch’ den Gesang hervor. Die Gesänge basierten auf Poesie von u.a. Khalil Gibran, Etel Adman, Farugh Farradzad, Layla Sarahat Rushani, Mahmoud Darwish, Ocean Vuong, Durch den Handlungs ahmen und das eröffnete Handlungsfeld  werden stimulie- rende ‘Nachbarn’ geschaffen, die neue Konturen und Erlebnisqualitäten schaffen.

CHANEL Commission: Lina Lapelytė. We Make Years Out of Hours
https://www.smb.museum/en/exhibitions/detail/chanel-commission-lina-lapelyte-we-make-years-out-of-hours/

Who is Lina Lapelytė? | Tate Kids
https://www.tate.org.uk/kids/artists/who-is-lina-lapelyt%C4%97

Ecka Mordecai ist eine Londoner Musikerin, die ihren Weg über die Viola da Gamba und Rebec in der Alten Musik und durch die freie Improvisa-tionsszene und Fluxus zu ihrer ureigenen musikalischen Welt auf dem Cello, der Pferdehaarharfe und dem Psalterium an den Rändern jenseits gängiger Normierung zurückgelegt hat. Auch geht sie Verbindungen mit Düften ein.

“Both intimate and exacting, her body-driven practice defy formal constraints, ongoing the limits of genre and allowing for works as “Aequill Sound”, a line of niche perfumes inspired by elements of the East London soundscape or “Promise and Illusion”.

Bei ihren Unterfangen spielt die originale Klangtextur und -dynamik eine zentrale Rolle, die im Laufe der Musikgeschichte durch Temperierung und Verstärkung auf der Strecke geblieben ist.

l'eau d'hiver, by Ecka Mordecai
https://eckamordecai.bandcamp.com/track/leau-dhiver

Vor mir auf dem flachen Podium sitzt jemand an einem nicht allzu großen Tisch, auf dem ein Gitarrengriffbrett und eine Anzahl von kleinen Metall- kästchen/Boxen mit Drehknöpfen und Schaltern. Es ist Mike Cooper (82), ein versierter und breit aufgestellter britischer Gitarrist, dessen Bereich in seiner über 60jährigenLaufbahn von Country Blues, Polynesischer Musik, Ambient bis hin zu verschiedenen experimentellen und freien improvisa - tionsansätzen reicht und zu einer eindrucksvollen Discographie führte.

Mike Cooper | SLIDING AROUND THE WORLD
https://www.cooparia.com/

Dabei kam es zur Zusammenarbeit mit zahlreichen Musikern aus verschie- densten Ecken und Enden, darüber aus dem Jazzbereich mit o.a. Dave Holland, Lol Coxhill, Roger Turner, Steve Beresford, Chris Abrahams (The Necks), Michael Thiele und Fabrici Spera. Sein jüngstes Album mit dem vielversprechenden Titel ”Stochastic”, ist eine Zusammenarbeit mit Tüftler Pierre Bastien und Mark Cunningham. Cooper richtete sich weniger auf neue Kontextualisierungen, als auf fort-aufende Neustrukturierungen von bestehenden Kontextualisierungen. Der Clou seines Auftretens war das, was vor ihm auf dem Tisch lag. Es gelang ihm, eine Ausrüstung für Konzertreisen zu entwerfen, die ‘Ryan-Air-Sicher’ und unabhängig vom Netzstrom ist. Man mag das kurios finden, es zeugt von Erfindungsgeist und -willen, der in die lange Laufbahn von Cooper eingeschrieben ist.

Die bekannte britische Multimedia-Künstlerin Vicki Bennett aka People Like Us stand ebenfalls auf dem Plan, musste aber absagen. Desween kann ich hier kein auf persönlichem Eindruck fußende Darstellung gaben und verweise darum auf ihre Website und Wikipedia.

Website:
https://peoplelikeus.org/

Wikipedia:
https://en.wikipedia.org/wiki/People_Like_Us_(musician)

Text und Fotos: Henning Bolte

Über den Autor:

Henning Bolte lebt in Amsterdam und arbeitet seit vielen Jahren als Musikjournalist, Autor und Radiomacher. Sein Schwerpunkt liegt auf Jazz, improvisierter Musik und den Übergängen zu Neuer Musik, Folk und elektronischen Klangformen. Er schreibt für deutsche, niederländische und internationale Medien und begleitet Festivals und musikalische Entwicklungen mit analytischem Blick und großer Detailgenauigkeit.

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