Pyanook - ZAS

Pyanook - ZAS

Pyanook
ZAS

Erscheinungstermin: 10.02.2023
Label: Neue Meister, 2022

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Ralf Schmid ist ein Erfinder. Die Basis seiner Erfindungen heißt Pyanook.
Ralf Schmid ist ein Entdecker. Der Nährboden seiner Entdeckungen heißt Pyanook.
Ralf Schmid ist ein Philosoph. Das System seiner Philosophie heißt Pyanook.
Ralf Schmid ist ein Forscher. Der Gegenstand seiner Forschungen heißt Pyanook.
Ralf Schmid ist ein Zauberer. Die Formel seines Zaubers heißt Pyanook.
Ralf Schmid ist ein Musiker. Seine Musik heißt Pyanook.

Man kann „Zas“, das neue Album von Pyanook, einfach als das nehmen, als was es sich auf den ersten Eindruck offenbart: ein Stück Musik, umfassend, komplex, zugänglich und schön. Doch hinter „Zas“ verbirgt sich viel mehr als das. Es ist eine Ansammlung von Fragen, deren Antworten sich im Ohr der Hörenden bündeln. Es ist der Ausdruck eines Weltbildes, das sich nicht in Worte fassen lässt und deshalb nur in Musik beschrieben werden kann. Es ist die Klangwerdung des Urgrundes jeglichen Musizierens, nämlich die Dimensionen unserer Existenz fassbar zu machen und den Grundfragen des Seins auf den Grund zu gehen.

Das Spannungsfeld der Klangwelt auf „Zas“ spielt sich zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos ab. Was uns als Ganzes erscheint, wird in seine Partikel zerlegt und zu einem neuen Ganzen zusammengefügt. Ralf Schmid spielt mit der Imagination des sehenden Ohres, offenbart die mystischen Komponenten der Realität und macht die Prinzipien der Metaphysik sinnlich begreifbar. Die Stücke auf dem Album verkörpern ganz unterschiedliche musikalische Dichtegrade und stehen für eine unbegrenzte Anzahl von Einflüssen. Aber gerade diese Offenheit nach allen Richtungen, dieser Mut, sich von der Kategorisierbarkeit des eigentlich Unkategorisierbaren abzuwenden und Ströme aus Jazz, Pop, Klassik, Minimal Music, Ambient, elektronischer Musik und verschiedensten musikalischen Ethnien in einem Ozean der Klänge zusammenfließen zu lassen, macht aus diesem Album ein omniversales Klangerlebnis. Schmid fügt all diese Elemente zu einer Art musikalischer Metasprache zusammen.

Mit allen musiktheoretischen Wassern gewaschen, ist Ralf Schmid dennoch kein Analytiker, sondern nähert sich seinen musikalischen Interessen auf ganz emotionale Weise an. Er setzt sich ans Klavier und probiert verschiedene Sachen aus. Dabei bedient er sich bewusst seiner eigenen Limitierungen als Werkzeug, die auf ein individuelles Vokabular hinauslaufen. Wenn er sich Feldern wie Jazz oder der Klassik annähert, tut er das durch seinen persönlichen Fokus. Die Perfektionierung des bereits Vorhandenen liegt ihm fern, viel eher sucht er nach der vollkommenen Poesie des Unvollkommenen. Wie bei einer pikanten Gewürzmischung liegt der Reiz seiner Kompositionen in der Kombination einzelner Komponenten. Schmid schlägt die Tür des musiktheoretischen Maschinenraums hinter sich zu und verlässt sich ganz und gar auf seinen Geschmack. „Dieser Prozess läuft bei mir ganz bewusst ab“, postuliert er. „Ich weiß, dass ich eine Kombination aus ganz Vielem, ein Mosaik all dieser Einflüsse bin, die mich in wichtigen Momenten meines Lebens ins Innerste getroffen haben.“

In gewisser Weise ist „Zas“ eine Utopie, denn mit Pyanook führt Ralf Schmid uns an jenen Sehnsuchtsort, an dem alle Sprachen, Kulturen, Religionen, Lebensentwürfe und Träume miteinander vereinbar sind. Das Empathielevel seiner Musik ist deshalb unglaublich hoch, weil sie offen, inklusiv und von allen Hierarchien und Bewertungen befreit ist. Sein Anspruch klingt in einem Umfeld, das sich immer mehr über seine Gräben definiert, wie ein soziales Heilkraut. „Ich richte mich nicht an einzelne Blasen, sondern stelle das Verbindende in den Vordergrund. Dass Musik etwas Größeres sein kann, ist für mich keine Phrase. In der Musik gibt es einige wenige ganz einfache Parameter, auf die man nicht nur in allen Phasen des Musizierens zugreifen kann, sondern die auch auf alle Situationen des Lebens anwendbar sind.“

Pyanook gestaltet sich auf „Zas“ als Hybrid aus Soloprojekt und Gemeinschaftswerk. Im Mittelpunkt steht immer Ralf Schmids Spiel auf den Tasten. Doch an dem Album wirkt auch eine ganze Reihe von Gästen mit, unter ihnen der norwegische Perkussionist Håkon Stene und sein Landsmann Morten Qvenild, seinerseits wie Schmid Pianist und Klangmanipulator, der mit so bekannten Bands wie In The Country, Jaga Jazzist und The National Bank Aufsehen erregte und immer noch erregt. Ferner sind in einzelnen Stücken der Chor Trondheim Voices, der ehemalige Tab Two- und DePhazz-Trompeter Joo Kraus und der Geiger Etienne Abelin zu hören, um nur einige zu nennen. Es gelingt Schmid mit diesen extraordinären Stimmen auf eine Weise zu verschmelzen, dass die Herkunft des einzelnen Idioms völlig zweitrangig wird. Wie Schmid selbst, stellen sich auch all seine Gäste voll in den Dienst des Klangkosmos.

Im Zusammenwirken all dieser Komponenten läuft „Zas“ auf einen Dreiklang von Musik, Farbe und Bewegung hinaus. An diesem Dreieck forscht Schmid unentwegt. Ein wesentlicher Aspekt ist dabei die Arbeit mit seinem sensorischen Handschuh, mit dem Schmidt Klänge bearbeiten kann, während sie entstehen. Gerade in dieser Hinsicht erhält die Musik von Pyanook auch eine tänzerische Anmutung. Nachdem er über einen Zeitraum von mehreren Jahren die Möglichkeiten dieses Tools erkundet hat, liegt Schmids Hauptaugenmerk inzwischen auf Reduktion. Was kann ich mit welcher Bewegung aussagen, ist die zentrale Frage beim Einsatz des Handschuhs. „Wenn man den Handschuh einfach nur einsetzt wie ein Mischpult, ist es total witzlos. Sicher kann man sich mit diesem Tool unabhängig von irgendwelchen Geräten machen. Viel wichtiger ist aber der choreografische Aspekt, der eben in den Zusammenhängen von Bewegung und Klang liegt.“

Zas ist der Name des höchsten Bergs auf der griechischen Insel Naxos, ein magischer Ort, mit dem Ralf Schmid viel verbindet. Von seinem Gipfel glaubt man die ganze Welt zu überblicken und sich von allem Irdischen zu lösen. Alles, was an seinem Fuße von Bedeutung zu sein scheint, verliert in der Höhe seinen Kontext. Zas ist zugleich ein Synonym für Zeus, den allumfassenden Göttervater. Das Album „Zas“ ist ein Ausdruck von totaler Draufsicht und faszinierender Rundumsicht. Pyanook schöpft aus dem Bekannten und Vertrauten und erfüllt damit das Postulat des großen norwegischen Komponisten Arne Nordheim: Es geht um nicht weniger als unerhörte Musik.

Text: Wolf Kampmann

Ralf Schmids Portfolio ist unbegrenzt und geht über das reine Erzeugen von Klang weit hinaus. In seinem Bedürfnis, Neues aufzudecken und zu vermitteln, bleibt er konsequent seiner eigenen Sprache treu, erweitert sie aber stetig um neue Idiome, hat sich vom Dogma der Sparte längst verabschiedet. Egal, ob er mit den Rundfunk-Big Bands von Berlin, Kopenhagen oder Hamburg arbeitet, sein Musiktheater „A Distant Drum“ in der New Yorker Carnegie Hall aufführt oder sich mit Ivan Lins und Paula Morelenbaum mit brasilianischer Musik beschäftigt – es geht ihm immer um künstlerische Ganzheitlichkeit. Die Mischung analoger und digitaler Klänge ist in modernen Kompositionen längst kein Novum mehr, doch nur wenige Künstler haben diese musikalische Symbiose so breit und tief in ihrem Schaffen verankert wie der Pianist Ralf Schmid aka PYANOOK. Während in akustischen Stücken oft auf Postproduktionsebene Technologie eingesetzt wird, um bestehende Klänge zu modifizieren oder zu erweitern, setzt Schmid diese von Anfang an schon bei der Komposition und Aufführung seiner Stücke ein. Dazu nutzt er eine besonders bahnbrechende Innovation der modernen Musiktechnologie: mi.mu-Gloves. Mit ihnen kann er den Klang dessen, was er auf dem Klavier spielt, sofort digital manipulieren - allein durch Handgesten. Diese Interaktion von instrumentaler Virtuosität und sensibel eingesetzter Technologie führte Schmid nicht nur zu einem Album, vielmehr war sie die Grundlage seines Alter-Ego. Die Suche nach der Essenz des Klangs und die Erforschung seiner grenzenlosen Möglichkeiten hat einen Großteil von Ralf Schmids früheren Arbeiten geprägt. Mit sehr unterschiedlichen Künstler*innen wie Herbie Hancock, Whitney Houston, Daniel Hope oder dem Trompeter Joo Kraus hat Schmid dabei bereits zusammengearbeitet und große Ensembles und Chöre geleitet. Innerhalb dieser Kooperationen produzierte er Alben, die ein starkes Statement für seine Offenheit gegenüber jeglicher Musik ablegen.

jazz-fun.de meint:
Die Kraft dieser Musik erweckt in unserer Wahrnehmung eigenständige Bilder voller seltsamer Formen, Flecken, gehäufter Punkte, sich kreuzender Geraden, Farben mit mehr oder weniger deutlichen Schattierungen. Jedes Stück hat einen Bezugspunkt, ein klares Konzept, dem man folgen kann, von dem man mitgerissen und überrascht wird. Alle Interaktionen ergeben sich aus dem organisierenden Element der Idee des Schöpfers, sind zwanglos, absolut engagiert, auf Form und Nuance ausgerichtet. Wunderbare Musik!

  1. Digital dervish
  2. Glove dance
  3. Soil music
  4. Ultrabright
  5. Earthloop
  6. Neptune blue
  7. Eaglefeather
  8. Night prayer
  9. Still and still not
  10. Wild yeast
  11. In search of humanity

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