Rezension des Albums "Rörane" von Quagmire & Christer Bothén
Quagmire & Christer Bothén
Rörane
Erscheinungstermin: 22.05.2026
Label: Relative Pitch Records, 2026
Manche Landschaften sieht man nicht mit den Augen – sondern mit den Ohren
Nicht jedes Album beginnt mit einer Komposition. Rörane beginnt mit einem Ort. Ein Ort an der schwedischen Westküste, geprägt von Wind, rauen Wintern und einer beinahe meditativen Stille. Diese Landschaft dient Quagmire und Christer Bothén jedoch nicht als Kulisse – sie wird zum eigentlichen Resonanzraum ihrer Musik.
Gemeinsam mit Nina de Heney am Bass, Karin Johansson am Klavier und Henrik Wartel am Schlagzeug entsteht eine Klangwelt, die sich aus freier Improvisation und einer tief im Jazz verwurzelten musikalischen Sprache entwickelt. Dabei geht es nicht um spektakuläre Gesten oder stilistische Grenzüberschreitungen um ihrer selbst willen, sondern um das aufmerksame gemeinsame Gestalten eines musikalischen Augenblicks.
Die Musik entfaltet sich langsam und mit großer Geduld. Motive erscheinen, verändern ihre Gestalt und verschwinden wieder, ohne jemals einen festen Verlauf vorzugeben. Gerade diese Offenheit lädt den Hörer dazu ein, eigene Bilder entstehen zu lassen. Die Improvisationen wirken dabei nie zufällig. Vielmehr entsteht der Eindruck, als würden die Musiker gemeinsam einen Weg erkunden, dessen Richtung sich erst während des Gehens offenbart.
Besonders beeindruckend ist die intensive Kommunikation innerhalb des Ensembles. Jeder Klang scheint eine Reaktion auf das zuvor Gehörte zu sein. Die Instrumente treten miteinander in einen feinsinnigen Dialog, in dem Zuhören mindestens ebenso wichtig ist wie das eigene Spiel. Aus dieser gegenseitigen Aufmerksamkeit wächst eine Musik von bemerkenswerter Geschlossenheit.
Rörane verlangt keine analytische Herangehensweise. Im Gegenteil: Je weniger Erwartungen man an diese Musik richtet, desto leichter entfaltet sie ihre Wirkung. Wer bereit ist, sich auf ihren ruhigen Atem und ihre langsamen Bewegungen einzulassen, entdeckt eine Klangwelt von großer Weite. Aus zunächst abstrakt wirkenden Strukturen entstehen Landschaften, Stimmungen und innere Bilder, die sich mit jeder Minute weiterentwickeln.
Dieses Album möchte nicht verstanden, sondern erlebt werden. Es lädt dazu ein, für einen Moment den Alltag hinter sich zu lassen und sich von den Klängen tragen zu lassen – wie von einer sanften Strömung, die den Weg nicht vorgibt, sondern ihn entstehen lässt.
Rörane ist ein außergewöhnliches Beispiel dafür, wie freie Improvisation emotionale Nähe und erzählerische Kraft entwickeln kann. Ein Album voller Ruhe, Fantasie und musikalischer Offenheit, das lange nach dem letzten Ton nachklingt.
(Jacek Brun, 17.07.2026)
Besetzung
Christer Bothén - bass clarinet, contrabass clarinet
Quagmire:
Nina de Heney - double bass
Karin Johansson - prepared piano, piano, zither
Henrik Wartel - drums
Titelliste
- Rörane
- Bottna
- Gillingsmarken
- Tyfta
- Rödde
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