„Rock to Heaven“: Ein Premierenabend im Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz
Wenn er nach einem langen Tag mit klassischer Musik von „Giselle“ oder „Aschenbrödel“ abends das Theater verlässt, hört der Ballettdirektor und Choreograf Karl Alfred Schreiner am Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz gern Rockmusik. Denn: „Ich liebe gute Rockmusik, sie inspiriert mich, sie ist episch und großartig.“ Da lag die Idee nahe, auch einmal Rockmusik mit Ballett zu verknüpfen. Entstanden ist so ein dreiteiliger Tanzabend, „Rock to Heaven“, mit Originalmusik von Leonhard Kuhn, der am 24. April 2026 Premiere hatte. Wie war’s?
Von Robert Fischer
Die kurze Antwort: gut. Die etwas ausführlichere: sehr gut. Wobei es schon mal eine glückliche Idee war, nicht etwa nur ikonische Rockklassiker von der Konserve abspielen zu lassen und „dazu zu tanzen“. Denn: Das gibt es ja schon – etwa in Adrienne Canternas 2008 uraufgeführter und bis heute international erfolgreich tourender Tanzshow „Rock the Ballet“. Die vielleicht beste Idee aber war es, Leonhard Kuhn mit der Komposition zu beauftragen und das Ganze zusammen mit dem Ballett als choreografische und musikalische Uraufführung auf die Bühne zu bringen.
Episch und großartig
Leonhard Kuhn ist der musikalische Kopf hinter der sehr erfolgreichen „Jazzrausch Bigband“. Als solcher sowie in diversen weiteren Projekten beschäftigt er sich genreübergreifend mit Musik von Klassik bis Techno, darüber hinaus ist der studierte Mathematiker und findige Soundtüftler auch ein versierter Gitarrist. Das Genre Tanz ist ebenfalls nicht neu für ihn: 2022 schrieb er die Musik für Roberta Pisus „K.I.nd of human“, eine sehr beeindruckende 60-minütige Tanzperformance, bei der die Tanzenden zusammen mit dem – die Musik live performenden – Arcis Saxophon Quartett auf der Bühne stehen. Nur zwei Jahre davor, 2020, veröffentlichte er als „Koon“ das Soloalbum „ADSR And More“, und wer sich das letzte Stück darauf anhört, das sinnigerweise „More“ betitelt ist, wird sich verdutzt die Ohren reiben: Im größtmöglichen Kontrast zu den übrigen, feine Digitalsounds und Effekte mit clubtauglichen Beats verbindenden Stücken dringen auf einmal brachial verzerrte Gitarren aus den Lautsprechern, und zwar vor allem: mit einem genial verkürzten Gitarrenriff. Ist es aber nicht genau das, um mit dem Riff-Weltmeister Keith Richards zu sprechen, was Rockmusik episch und großartig macht: ein geniales Riff?
The Rise and Fall of George and Courtney
Es dauert dann aber ein Weilchen, bis auch in „Rock to Heaven“ ein schweres Gitarrenriff das ehrwürdige, auf der Bühne an diesem Abend mit einem industriedesignartig verschiebbaren und mit hohen Treppenaufgängen ausgestatteten Gärtnerplatztheater erschüttert. In Teil 1 des dreiteiligen Balletts, von Karl Alfred Schreiner choreografiert, wird die Geschichte von George (Joel Distefano) und Courney (Montana Dalton) skizziert. George ist der schon bald des eigenen Erfolgs überdrüssige, gleichwohl noch immer von begeisterten Fans angehimmelte Rockstar, Courtney eine Art Muse und Gegenpol, die ihm im ständigen Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz verbunden zu sein scheint. Das kann man auf der Handlungsebene etwas überfrachtet finden, getanzt ist es wie alles auf der Bühne des Staatstheaters ganz wunderbar. Musikalisch hat man den Eindruck, das Ganze müsse sich erst noch finden – als würde eine Rockband sich ein bisschen ausprobieren wollen, zwischen Black Sabbath und Grunge nach einem eigenen Sound, einer eigenen Stimme: nach den richtigen Riffs suchen …
Pas de Deux der Sonderklasse
Wie herausragend die an diesem Abend auf der Bühne stehenden Musiker sind, zeigt sich dann aber vor allem in dessem zweiten, von Jacopo Godani choreografierten Teil. Wobei schon die Besetzung mit Gitarre, Bass, Schlagzeug, Keyboard, Trompete, Saxophon und Bassklarinette andeutet, dass wir es hier nicht mit 0815-Rockern zu tun haben. Nein, ganz im Gegenteil: Da stehen hochkarätige Könner ihrer Kunst wie der auch von seiner eigenen Band „Panzerballett“ bestens bekannte Gitarrist Jan Zehrfeld und der ebenso exzellente wie in vielen Bands umtriebige Jazztrompeter Julian Hesse auf der Bühne, Norbert Nagel spielt Saxophon und Bassklarinette, Eley Ellmer E-Bass, Elias Bohatsch Schlagzeug und Andreas Partilla sitzt als musikalischer Leiter an den Keyboards. Und was diese Sechs aus Leonhard Kuhns für den zweiten, ganz auf einen hinreißend getanzten Pas de Deux (Yunju Lee, Gjergil Meshaj) fokussierten Teil des Tanzabends machen, das hat eine atmosphärische Dichte, die erst mal sprachlos macht. So innig verbunden sind hier die beiden erzählerischen Ebenen Musik und Tanz, dass man kaum noch zu erkennen meint, was hier wohl wen zuerst oder mehr inspiriert hat – die Musik die Tanzenden oder diese die Musik.
Wer zuletzt lacht …
Eine vergleichbare atmosphärische Dichte erreichen Tanz und mehr noch die Musik dann auch nur noch ein weiteres Mal, im dritten, von Frédérick Gravel choreografierten Teil des Abends. Hier ist vor allem das Ensemble gefragt, in – von einer Art Conferencier (Alexander Quetell) angekündigten – „Dramatischen Posen“ anzudeuten, was bis zum auf diese Weise gleich mehrfach fixierten Ende alles geschehen sein könnte. Dass dieser abschließende Teil von „Rock to Heaven“ ausschließlich aus solchen Enden besteht, zeugt von Humor und Selbstironie, die jeder Kunst gut bekommt, auch wenn sie hier, was in sich schon wieder ironisch gemeint sein könnte, ein bisschen zu lang geraten ist. Eine dieser Posen löst sich auf in zeitlupenartige Bewegungen, in denen das Ensemble zu der nun wie ein ausgedehnter, bluenoteschwangerer „Jam“ klingenden Musik eine Art Trance-Dance entwickelt. Faszinierend schön ist das anzusehen (und anzuhören) – und bleibt noch lang im Gedächtnis, wenn das Publikum wie sonst der Ballettdirektor abends das mit dieser Premiere gekonnt gerockte Staatstheater wieder verlassen hat.
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