Roy Nathanson - 82 Days

Roy Nathanson - 82 Days
Roy Nathanson - 82 Days

Roy Nathanson
82 Days

Erscheinungstermin: 27.10.2023
Label: enja, 2023

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jazz-fun`s recap:

Ein perfektes künstlerisches Amalgam dessen, was an Roy Nathansons Musik am schönsten ist. Jedes Stück ist eine geschmackvolle Zelebrierung des Jazz-Idioms, geerdet in der besten Tradition, und doch ist dies ein durch und durch modernes Album. Man muss sich nur diesem Künstler und seiner Musik hingeben und sich von dieser Meditation in Jazztönen leiten lassen.

Roy Nathanson - s-, a-, b-, sax, guit, voc
Nick Hakim - voc
Gabe Nathanson - tr, voc
Saleem Muhammad - table
Bam Rodriguez - bass
Aidan Scrimgeour - Rhodes
Isaiah Barr - t-sax
Julian Soto - voc
Cleo Reed - voc

ib mir einen Ton und ich erzähle dir eine Geschichte. Der New Yorker Bandleader, Saxofonist und Komponist Roy Nathanson ist ein leidenschaftlicher Geschichtenerzähler, und das im doppelten Sinne. In jedem Ton, den er spielt, steckt eine Geschichte, aber er kann auch einfach nur mit seinem spontanen Wortwitz und Einfallsreichtum ganze Abende unterhalten. Seine Erzählungen erinnern an den schrägen Humor eines Woody Allen oder der Marx Brothers, der nicht nur immer wieder irrwitzige Plots hervorbringt und zwischen Alltagskompatibilität und biblischer Weisheit changiert, sondern auch zutiefst menschlich ist und mit verschiedenen Schattierungen von Erinnerung spielt. All dies trägt Roy Nathanson in seine Musik.

Seit mehr als 40 Jahren schreibt Roy Nathanson Musikgeschichte. Die musikalische Laufbahn des heuet 72Jährigen begann in der Big Apple Circus Band, wo er sein Alte Ego, den jüngst verstorbenen Posaunisten Curtis Fowlkes kennenlernte. Mit ihm gemeinsam ging er 1984 zu John Luries Downtown-Jazz-Kaderschmiede The Lounge Lizards, wo er bis 1989 an drei bahnbrechenden Alben beteiligt war. Schon während seiner Zeit bei den Lounge Lizrads gründete er mit Fowlkes und den beiden anderen Bandmitgliedern Marc Ribot und E.J. Rodriguez die Jazz Passengers, die den Fake Jazz der Lounge Lizards auf Nathansons eigenes Narrativ zuschnitten. Bei den Jazz Passengers gastierten unter anderem Blondie-Sängerin Debbie Harry und Punk-Ikone Elvis Costello. Neben den Jazz Passengers unterhielt er mit Keyboarder Anthony Coleman das Projekt Lobster & Friend und die Vocal-Band Sotto Voce, nahm mehrfach mit der französischen Band Papanosh auf und schrieb das viel beachtete Musical „Fire At Eaton’s Bar and Grill“, in dem ebenfalls Costello und Harry mitwirkten.

Als wäre all dies nicht genug, folgte Roy Nathanson nach der Jahrtausendwende noch einer weiteren Leidenschaft. Er verdingte sich in einer Public School in Manhattan als Musiklehrer, wo er nicht nur mittellosen Kindern die Pforten zu einer unbegrenzten Welt der Musik öffnete, sondern diese mit Instrumenten, die von Elvis Costello gestiftet wurden, auch noch zu einer Big Band zusammenschmiedete. Mehr Musik auf allen nur denkbaren Levels geht nicht. Denn bei alledem ist und bleibt Roy Nathanson in erster Linie ein Mensch mit einem Herz, so groß wie dieser Planet.

"82 Days" , das neue Album von Roy Nathanson ist nun von all diesen musikalischen und menschlichen Erfahrungen und Gaben geprägt. Es ist der Blick eines großen Künstlers und noch größeren Grüblers auf die Welt. Mitten im Lockdown, an einem Märztag 2020, trat er um 17:00 auf den Balkon seines Hauses in Brooklyn und spielte den Folk-Klassiker "Amazing Grace". Von jedem Tag an wiederholte er dieses Ritual 81 weitere Tage immer exakt zur selben Zeit, jedes Mal mit einem anderen Song. Diese Marotte sprach sich herum, Menschen versammelten sich vor seinem Haus, um ihm zuzuhören, Freunde und andere Musiker gesellten sich zu ihm, um ihn zu begleiten. Am 83. Tag beendete der Saxofonist das Projekt und verwandelte es in eine Art freier Musikschule.

Doch damit war der Prozess noch nicht beendet. Nathanson zog sich in seinen Keller zurück, spielte viele der Songs jener 82 Tage aus der Erinnerung neu ein und fügte neue Eigenkompositionen hinzu. Diese Erfahrung war für ihn wie ein Traum. In einigen Stücken wurde er dabei von seinem einstigen Schüler und heutigen Leader des Onyx Collective, dem Saxofonisten Isaiah Barr, begleitet, in anderen von dem Sänger Nick Hakim. Am Ende legte Nathansons enger Freund, der Produzent und Toningenieur Hugo Dwyer, Hand an, um den Songs in akribischer Kleinarbeit den letzten Schliff zu geben.

„82 Days“ ist eine Suite von ergreifender Menschlichkeit. Sie ist aufs Wesentliche reduziert und wirkt doch monumental. Sie lebt von der Weltsicht eines einzelnen Mannes und umarmt doch die gesamte Menschheit. Sie geht von Songklassikern aus die dem Bill Withers-Hit «Ain’t No Sunshine», dem Simon & Garfunkel-Evergreen "Bridge Over Troubles Water" und Thelonious Monks «Green Chimneys» sowie Traditionals wie «Amazing Grace», mit dem alles begann, oder «Go Down Moses». Nathansons Eigenkompositionen setzen einen packenden Kontrapunkt zu diesen bekannten Stücken.

Auf „82 Days“ zeigt Roy Nathanson einmal mehr, dass keine Schublade, auch kein ganzer Archivschrank groß genug wäre, um seinen Panorama-Stil zu beschreiben. Er hat längst seine eigene Kategorie aufgestellt. Diese Kollektion von Songs ist eine Einladung an Menschen aller Generationen, Sozialisationen, Bildungsschichten und musikalischen Nischen, nicht nur ihm, sondern auch einander zuzuhören. Ein Statement großer Menschlichkeit, das wir gerade jetzt so dringend brauchen.

Text: Wolf Kampmann

  1. All the bones
  2. Green chimneys
  3. Bridge over troubled waters
  4. Smile
  5. Bend in the night
  6. Tennessee waltz
  7. Ain't no sunshine
  8. Amazing grace
  9. Something's different

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