Salzburger Festspiele: Jedermann(s Musik)

Party
Party, Foto: Robert Fischer

„Musik ist der Sinn der Welt, nicht bloß ein Element“, soll der Autor des „Jedermann“, Hugo von Hofmannsthal, mal gesagt haben. Sein gleichnamiges, in den Jahren 1903 bis 1911 geschriebenes Theaterstück wurde am 1. Dezember 1911 im Berliner Circus Schumann unter der Regie von Max Reinhardt uraufgeführt und von diesem Regissseur auch für die im Jahr 1920 gegründeten Salzburger Festspiele inszeniert. Seit dieser Zeit ist die Aufführung des Jedermann auf dem Domplatz in Salzburg der Auftakt dieser Festspiele. In den inzwischen mehr als hundert Jahren danach wurden immer wieder mal neue Kompositionen für den Salzburger Jedermann in Auftrag gegeben. Darunter waren namhafte Jazzmusiker wie Werner Pirchner und mathias rüegg. Auch auf der Bühne vor dem Dom standen und stehen immer wieder exzellente Jazzmusiker wie zum Beispiel die Trompeter Mario Rom und Lorenz Widauer oder der Gitarrist Philipp Schiepek. Grund genug, einen Blick zurück auf die Jedermann-Musiken zu werfen. Illustriert wird dieser Bericht mit Fotos, die wir während der Generalprobe zwei Tage vor der Premiere der diesjährigen Salzburger Festspiele am 17. Juli 2026 aufgenommen haben und die einen ersten Eindruck von der heuer unter anderem mit einer neuen Buhlschaft – der österreichisch-französischen Schauspielerin Roxane Duran – besetzten Jedermann-Inszenierung geben.

Von Robert Fischer

Alle Jahre wieder bimmelt in Salzburg das Totenglöckchen. Aktuell ist es ein Jüngling mit lockigem Haar – der Schauspieler Dominik Dos-Reis, der sich auf der Jedermann-Bühne vor dem Salzburger Dom als Ministrant einführt, ehe er später, als Kellner im weißen Dinnerjackett, bei der Tischgesellschaft auftaucht, um Jedermann (Philipp Hochmair) ein Glas Rotwein zu reichen. Für den Tod auserkoren ist aber nicht nur dieser eine, unermesslich reiche „Jedermann“, sondern auch jedermann: wir alle. Die heuer im dritten Jahr laufende Inszenierung des Kanadiers Robert Carsen macht diese kaum zu widerlegende Botschaft in zwei Bildern zu Anfang und Schluss deutlich. Zunächst sind es die gerade eben noch aus der Messe strömenden (bei Carsen erstaunlich zahlreichen) Kirchgänger, die sich „zum Sterben“ auf die Jedermann-Bühne legen. Am Schluss macht das Gleiche ein nun ganz in weiße Büßergewänder gekleidetes Statistenheer, nachdem Jedermann vom Glaube(n) und den (guten) Werke(n) in Gestalt von Juliette Larat und Meike Droste ins Grab geleitet wurde. Nicht nur sind wir alle sterblich, soll uns das wohl sagen, sondern auch alle Sünder – und nur der (christliche) Glaube (und vielleicht ein paar mehr gute Werke) kann uns vor dem Teufel retten. So die Lesart der aktuellen Inszenierung, die sich von anderen deutlich unterscheidet – aber das ist ja sicher auch ein „Geheimnis“ des anhaltenden Erfolgs dieses Stücks: seine Vieldeutigkeit, die auch Hofmansthal selbst schon im Sinn hatte, als er sein Thema als zeitlos und „nicht einmal mit dem christlichen Dogma unlöslich verbunden“ bezeichnete. „Auch wenn er ausdrücklich vom Tod eines reichen Mannes erzählte“, so formulierte das der englische Dramaturg David Tushingham, „ging es Hofmannsthal immer um die Allgemeingültigkeit des Stoffs.“

Wie alles anfing

Wie vertont man „das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“? Und wie bringt man diese Musik auf die Jedermann-Bühne? Schon Max Reinhardt wusste um die Suggestionskraft guter Bühnenmusik und beauftragte für die erste Jedermann-Aufführung während der ersten Salzburger Festspiele im Jahr 1920 eine Musik bei dem schwedischen Komponisten Einar Nilson und seinem österreichischen Kollegen Bernhard Paumgartner. Wer genau wissen möchte, wie sich die weitere Entwicklung der Jedermann-Musiken vollzog, der sei auf die Musikwissenschaftlerin, Moderatorin und Redakteurin Irene Suchy hingewiesen, die zu diesem Thema umfassend recherchiert hat und für den Österreichischen Rundfunk (ORF) eine „Zeit-Ton-Sendung“ gestaltete, in der auch viele Musikbeispiele zu hören sind. Ausgestrahlt wurde Irene Suchys 55 Minuten lange Sendung mit dem Titel „Die Salzburger ,Jedermann‘-Vertonungen. Eine Werkschau“ am 18.07.2017; ein Mitschnitt ist gegen Gebühr auf CD oder als MP3-Download über den ORF-Audioservice (audioservice@orf.at) erhältlich.

Sehr zu empfehlen ist auch das als CD wie als Stream erhältliche Album „Jedermann“ des Ensembles 013, das seit dem Jahr 2013 die verschiedenen Jedermann-Musiken auf dem Domplatz spielt. Die darauf zu hörende Musik verweist nicht zuletzt auf die Tradition, in der Hofmannsthals Stück steht: ein Theater der reisenden Truppen, das auf Straßen und Marktplätzen seine Vorstellungen gibt. Denn Hugo von Hofmannstahl selbst bezog sich bei seinem „Spiel“ ja auf historische Quellen – auf eine anonyme englische Fassung des 15. Jahrhunderts vor allem („Everyman, a morality play“, gedruckt zu London um 1490), aber auch auf Werke von Hans Sachs und anderen. Dementsprechend bunt und vielfältig klingt die auf diesem Album einen Bogen zwischen einst und jetzt ziehende Musik des Ensembles: Wir hören Trauermärsche und Prozessionen, Jazz und Balkan, Folk und Mahler, Klezmer und Klassik …

Hundert Jahre Jedermann-Musik

In Summe liest sich die Liste der Jedermann-Komponisten wie ein Who-is-Who stilübergreifend erfolgreicher, im Spannungsfeld ausübend-schreibender, stilistisch vielseitig versierter Musiker, Komponisten und Ensembleleiter. Um neben Einar Nilson und Bernhard Paumgartner noch einige weitere zu nennen: Joseph Messner, Gerhard Wimberger, Paul Angerer, Werner Pirchner, Martin Lowe, Julian Crouch, Markus Zwink, Mathias Rüegg, Wolfgang Mitterer …

Im Jahr 2023 erhielt der in Wien geborene Musiker und Komponist Hannes Löschel – aktuell der musikalische Leiter des Ensembles 013 – den Auftrag, ein Jubiläumsprogramm („Hundert Jahre Jedermann“) zusammenzustellen und zu bearbeiten. Aus der Fülle der im Musikarchiv vorhandenen Notenmaterialien und Manuskripte entstanden neue Arrangements verschiedener Jedermann-Kompositionen. „Seit 2026“, ergänzt Hannes Löschel, „entwickeln wir als Ensemble 013 gemeinsam mit dem Schauspieler Johannes Silberschneider ein Konzertprogramm rund um die Hintergründe der Entstehung, der Geschichte und der Legenden bisheriger Jedermann-Produktionen wie der in ihnen aufbereiteten Themen rund um Liebe und Tod.

Werner Pirchner und mathias rüegg

Verfolgt man die Hörbeispiele, die Irene Suchy für ihre Rundfunksendung zusammengetragen hat, wird nicht zuletzt deutlich, welche Zäsur die Jedermann-Musik des österreichischen Musikers und Komponisten Werner Pirchner bedeutet. Wurde die Musik zuvor überwiegend sakral aufgefasst, als „theatrales Oratorium“ (Suchy) verstanden, mit Kirchenorgel, Streichorchester, Chor und dergleichen, schuf Pirchner ein auch völlig eigenständig bestehendes, zeitlos schönes, vielschichtiges Werk, das derzeit leider weder als Tonträger noch im Stream verfügbar ist, aber unbedingt verfügbar gemacht werden sollte. Allein die „Festspiel-Fanfare“, die Pirchner für Salzburg komponierte, ist ein strahlend funkelndes, jazzig aufpoliertes Juwel zeitgenössischer Musik für Brass-Ensemble: Picc, 6 Tp, Hn, 4 Tb, Tuba, Perc, Timp; Vocal-Solisten; Chor & Vocal-Sextett, im Werkverzeichnis Pirchners als PWV 70 aufgeführt und mit der Bemerkung „geschrieben für Juvavum Brass und Hans Gansch (Solo-Trompete)“ versehen.

Werner Pirchners Jedermann-Musik erklang in den Jahren 1995 bis 2001; er durfte sich das Ensemble dafür noch selbst zusammenstellen – anders als mathias rüegg, der im Jahr 2017 den Kompositionsauftrag für eine Neuinszenierung erhielt und dabei bis auf zwei Besetzungsänderungen auf die Instrumentierung des Ensemble 013 angewiesen war. Der in Wien lebende Schweizer Musiker und Komponist, Mitbegründer und Leiter des über 30 Jahre lang erfolgreichen Vienna Ort Orchestras, in dem auch Werner Pirchner einst mitgespielt hatte, bekam bis auf die Instrumentierung keinerlei Vorgaben, welche Musik für die neue Inszenierung gewünscht wurde. Also entschied er sich dafür, sich bei seiner Komposition an zwei Motiven aus dem Schubert-Lied „Der Tod und das Mädchen“ zu orientieren – dem Motiv für den Tod und dem Motiv für das Mädchen. Als drittes schuf er ein auf nur zwei Akkorden basierendes Jedermann-Motiv („Jeder-Mann“). Insgesamt komponierte mathias rüegg in diversen Varianten dieser drei Motive rund 70 Minuten Musik, die in seiner Vorstellung in den nächsten drei bis fünf Jahren je nach Inszenierungswunsch wie aus einer „Sound Library“ heraus unterschiedlich eingesetzt werden konnten. Was in der Theorie überzeugt und in der aufgeführten, auch in der Presse gut besprochenen Musik fantastisch klingt. Möglich aber, dass er damit den Regisseur der Neuinszenierung, Michael Sturminger, überforderte – ganz sicher gesagt werden kann allein, dass es zu einem Zerwürfnis zwischen den beiden kam, weshalb rüegg schon vor der Premiere aus Salzburg abreiste und seiner Musik in der Jedermann-Stadt leider nur ein einziger Sommer gewährt war.

Moderne Zeiten: Das Ensemble 013

Eine Anfrage der Salzburger Festspiele, ob er beim Jedermann mitspielen wolle, war im Jahr 2013 der Anlass für die Gründung des bereits mehrfach erwähnten, bis heute bestehenden Ensembles 013: „Gesucht wurden Musiker“, erzählte der Schlagzeuger und Percussionist Robert Kainar den „Salzburger Nachrichten“, die viele unterschiedliche Musikrichtungen beherrschen und gut im Improvisieren sind.“ Die damalige Neuinszenierung des Briten Julian Crouch und des US-Amerikaners Brian Mertes, die Christian Stückels seit 2001 erfolgreich gespielte Inszenierung ersetzte, war gespickt mit Variationen der Originalmusik der Reinhardtschen Inszenierung, mit Volksliedern und Musik aus den 1920er-Jahren. Was dem gebürtigen Halleiner Robert Kainar durchaus liegt: „Ich mag es bunt und kreativ.“ Zudem kam es der Regie darauf an, dass die MusikerInnen jeweils mehrere Instrumente spielen konnten und auch bereit zu performativen Interaktionen waren. So gab es im Jahr 2013 vor dem Spiel am Domplatz einen großen Umzug durch die Stadt, der erst an der Bühne endete. Kainars Debüt als Schlagzeuger beim „Jedermann“ auf dem Salzburger Domplatz lag da allerdings schon dreißig Jahre zurück: „Ich war damals im Maturajahr und spielte neben Klaus Maria Brandauer.“ Eine wichtige Erkenntnis noch aus der Anfangszeit: „Wenn man mit dabei ist, sieht man den Wirbel drumherum nicht mehr so.“

Die Jedermann-Musik heute

Im Jahr 2022 kam der ebenfalls bereits erwähnte Hannes Löschel als musikalischer Leiter, Dirigent und Keyboarder (Samples) zum Ensemble 013. Wir haben ihn zur aktuellen Entwicklung der Jedermann-Musik gefragt, deren Anforderungen sich gegenüber früheren Kompositionsaufträgen deutlich verändert hat: „In diesem Jahr [2022], mit vielen „Legenden“ in der Schauspielbesetzung, ging es vor allem um die Optimierung der Kommunikation zwischen Musik und Schauspiel. Einsätze, Cues, Überlagerungen, Lautstärken, Textverständlichkeit im Kontext mit unterlegter Musik, Musik als solistisches Mittel.“ Zwei Jahre später, 2024, kam es zu einer neuen Inszenierung in der Regie von Robert Carson. Dazu Hannes Löschel: „Wesentlicher Teil dieses Konzepts aus musikalischer Sicht war und ist (die Produktion läuft 2026 zum dritten Mal), der Musik im Rahmen der sogenannten Tischgesellschaft die Form einer Party-Combo zu verleihen, die ihre Musik zum Tanzen für eine ausgelassene Gruppe rund 90 feiernder Partygäste aufspielt und im Zuge derer dann letztlich der Tod (in Gestalt eines Kellners) Jedermann unvermittelt zur Rede stellt. Musikalisch-kompositorisch war die Folge, dass (in sehr knapper Zeit) Songs und tanzbare Tunes entstehen mussten in Form von Kompositionen und Arrangements. Neben eigenen Kompositionen entstanden auch Stücke im enger Zusammenarbeit mit der Choreographin Rebecca Howell. Arrangements bzw Bearbeitungen entstanden aus der Feder von Chris Kronreif, Gernot Haslauer und mir.“

Die gesamte Szene dauert rund 20 Minuten. Löschel: „Die Musik ist mengenmässig reduziert, aber sehr kompakt, bedient das Profil des Performing Composers (als Kontrast zur davor durchkomponierten Musik, vom Ensemble via Dirigat interpretiert), weicht somit Kollisionen mit gesprochenem Text aus und gilt seit dem ersten Jahr dieser Inszenierung neben der Masseneröffnungsszene zu Anfang und der kollektiven Sterbeszene am Schluss als einer der Höhepunkte der Produktion – sehr bewusst in die Mitte des Stücks gesetzt.“ Neben diesem „Party-Block“, in der die Musik eine Hauptrolle spielt und die Musizierenden auch mit den Schauspielenden auf der Bühne sind, gibt es bis auf eine kurze Live-Intervention und ein Zitat von Arvo Pärt am Ende des Stücks sowie der zu Beginn des Stückes gespielten Kirchenorgel keine Musik.

Hannes Löschel präzisiert die engen Absprachen mit Robert Carson und Rebecca Howell: „Der Verlauf der Tischgesellschaft von ihrem Beginn bis zum Auftritt des Todes wurde gemeinsam abgesprochen. Gewünscht wurde eine tanzbare Musik, die eine junge, ausgelassene Gesellschaft beim fröhlichen Feiern zeigt. Disco, Samba, Tango, Jive, Calypso wurden ausgewählt als Formen. Mögliche Timings und die Tempi mit den Choreographien abgeglichen. No Samba ist eine Komposition von mir aus dem Jahr 2008, die ich ursprünglich für ein Quintett geschrieben hatte. Hier habe ich sie umarrangiert für diese Besetzung, mit Soloteilen versehen und formal der gewünschten Länge angepasst. Das hat für diese Bühnenversion des Jedermann perfekt gepasst. Der Party Opener (Last Dance) von Ferdinand Löschel hatte Textvorgaben sowie Vorgaben in der Länge. Stilistisch war wichtig, daß seine Beats das Rapper-Kollektiv (das anfangs zu sechst dazu tanzt) mit all seiner Virtuosität hervorheben. Die Wahl eines berühmten, von Frank Sinatra gesungenen Standard (Live till I die) war ein Wunsch des Regisseurs, der unbedingt wollte, das der dicke Vetter (Lukas Vogelsang) während der Party einen Song singt (was wunderbar funktioniert).“

Mit Jedermann auf der Bühne

Und wie ist es nun für einen Musiker, auf der Jedermann-Bühne zu stehen? Der gebürtige Salzburger Trompeter Lorenz Widauer sagte dazu 2022 in einem Interview mit Julia Hettegger: „Für mich als Musiker ist es besonders interessant, mit den Schauspielern in Berührung zu kommen. Man muss immer aufmerksam an ihrem Spiel dranbleiben. Denn die Emotionen von Spiel und Musik müssen zusammenpassen.“ Widauer hat bereits in jungen Jahren mit seinen Brüdern bei der Eröffnung der Festspiele auf der Bühne gestanden: „Meine Brüder spielen Saxophon und Posaune. Als ich ca. 15 Jahre alt war, sind wir als Bläsertrio bei der Eröffnung aufgetreten.“ Er selbst war damals stark an der klassischen Musik interessiert, die er auch studierte, ehe er sich mehr und mehr dem Jazz verschrieb. Da trifft es sich gut, was er später auf der Jedermann-Bühne zu spielen hatte: „Es gibt jazzige Elemente und improvisierte Parts, die mir gut liegen. Generell ist es musikalisch ein schöner Mix.“

Das würde wohl auch der Gitarrist Philipp Schiepek unterschreiben, den wir abschließend um ein paar Eindrücke von seiner Zeit auf der Jedermann-Bühne gebeten haben: Er war drei Jahre lang (2021–2023) im Ensemble 013, dessen Gründer Robert Kainar er bei einer Produktion von Mulo Francel kennenlernte. In dieser Zeit lernte Philipp Schiepek auch Lorenz Widauer kennen, mit dem sich eine enge Freundschaft entwickelte. Sie spielen immer wieder gemeinsam und veröffentlichten 2026 ihr gemeinsames Album Bangers and Ballads.

„Bei der Produktion 2021 mit Lars Eidinger und Verena Altenberger“, erinnert sich Schiepek, „war erstmals auch eine E-Gitarre Teil der Besetzung. Die Musik stammte von Wolfgang Mitterer und war für Trompete, E-Gitarre, Streichquartett, Percussion sowie drei Sopranistinnen geschrieben, die gleichzeitig auch als Schauspielerinnen auf der Bühne mitwirkten. Die Arbeit im Theater war für mich besonders spannend, da ich zuvor noch nie in diesem Bereich tätig gewesen war. Im Mittelpunkt stand nicht das solistische Spiel, sondern die enge Zusammenarbeit mit dem Ensemble: die Schauspielerinnen und Schauspieler musikalisch zu unterstützen, ohne sie zu überlagern, auf Texteinsätze und Cues zu achten und gemeinsam den dramaturgischen Verlauf der Aufführung zu gestalten.“

2023 folgte eine neue Jedermann-Inszenierung mit Michael Maertens in der Titelrolle. Schiepek:  „Das Schauspielensemble wurde neu besetzt, während das Musikensemble in derselben Besetzung bestehen blieb. Wolfgang Mitterer komponierte erneut eine vollständig neue Musik für die Produktion. Ein besonderes Highlight war die Zusammenarbeit mit der großartigen Anja Plaschg (Soap&Skin). Sie verkörperte den Glauben und sang außerdem die Ouvertüre. Im selben Jahr wirkten wir auch bei einem Konzert anlässlich 100 Jahre Jedermann-Musik mit. Dabei hatte ich die Gelegenheit, Musik früherer Inszenierungen kennenzulernen. 2024 konzentrierte ich mich wieder stärker auf meine eigenen Projekte, war jedoch mit dem Mozarteumorchester Salzburg an der Eröffnung der Salzburger Festspiele beteiligt.“

Salzburgs Jedermann 2026

Dass Robert Carsen in seiner Inszenierung vergleichsweise wenig Musik einsetzt, erstaunt zunächst – immerhin inszeniert der Kanadier auch Opern und ist mit dem Werk Hofmannsthals auch durch mehrere Strauss-Opern, für die Hofmannsthal das Libretto geschrieben hat, vertraut. Ähnlich reduziert ist das Bühnenbild von Luis F. Carvalho, das vor allem den Dom zur Geltung bringen soll. Mal leuchten dessen Fenster milchig, mal wird im Inneren der Altar erleuchtet. Zwischen den Portalen, über denen eine lateinische Inschrift „Dies ist das Haus Gottes, in dem sein Name angerufen wird“ verkündet, werden Zierbäume in Kegelformschnitt aufgestelt, davor grüner Rollrasen in der Gartenszenerie mit Holzbank und Sonnenschirm. So konzentriert sich die Inszenierung ganz auf die Leistung der allesamt beeindruckenden Schauspielerinnen und Schauspieler – mit Philipp Hochmair als Jedermann, Dominik Dos-Reis als Tod, Roxane Duran als Buhlschaft. Christoph Luser fasziniert in seiner Doppelrolle als „Jedermanns guter Gesell / Teufel“, Kristof Van Boven hat sichtlich Spaß daran, den Mammon wie einen „Jedermann-Zwilling auf Speed“ zu gestalten. Dass der Glaube in Gestalt von Juliette Larat als Putzfrau auftritt, dass Philipp Hochmair, nachdem er nackt und bloß vor der Domfassade gestanden hat, sich frisch geläutert und im Bettlerkostüm aufmacht, gleichermaßen gekleideten Statisten die Füße zu waschen? Nun ja – über all das kann und soll man diskutieren. Was als Gesamteindruck bleibt, ist ein sehr kurzweiliger, temporeich gestalteter, bildersatter Abend mit einer höchst effektiv eingesetzten Musik. Am eindrucksvollsten, schrieb die renommierte Kritikerin der Süddeutschen Zeitung Christine Dössel im ersten Jahr der aktuellen Inszenierung, sei die von einem Live-Orchester begleitete Party: „Es sind Tanz- und Feierszenen, so lustvoll, glamourös und nächtlich schön wie in Paolo Sorrentinos oscargekröntem Film La Grande Bellezza (Die große Schönheit) …“ Das gilt bis heute.

Philipp Hochmair
Philipp Hochmair, Foto: Robert Fischer

Text und Fotos: Robert Fischer

Salzburger Festspiele:
https://www.salzburgerfestspiele.at

Hugo von Hofmannsthal (1874 - 1929)
JEDERMANN
Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes
Wiederaufnahme
Fr. 17. Juli - Di. 25. August
16 Vorstellungen

LEADING TEAM
Robert Carsen: Regie / Bühne / Licht
Luis F. Carvalho: Bühne / Kostüme
Giuseppe Di Iorio: Licht
Rebecca Howell: Choreografie
David Tushingham: Dramaturgie

BESETZUNG
Dominik Dos-Reis: Tod
Philipp Hochmair: Jedermann
Daniela Ziegler: Jedermanns Mutter
Christoph Luser : Jedermanns guter Gesell / Teufel
Jannik Görger: Der Hausvogt
Susanne Wende: Der Koch
Meike Droste: Ein armer Nachbar / Werke
Arthur Klemt: Ein Schuldknecht
Nicole Beutler: Des Schuldknechts Weib
Roxane Duran: Buhlschaft
Lukas Vogelsang: Dicker Vetter
Daniel Lommatzsch: Dünner Vetter
Kristof Van Boven: Mammon
Juliette Larat: Glaube
Joshua Miro Ebsen, Luis Marlon Franz, Jannik Görger, Lukas Hanus, Lea Kron, Aaron Röll, Laura Schlittke: Tischgesellschaft

ENSEMBLE
Ensemble 013, Besetzung 2026:
Hannes Löschel: Keyboard, Musikalische Leitung
Joanna Lewis: Violine
Ana Perčević: Violoncello
Gernot Haslauer: Kontrabass
Christian Kronreif: Saxofon, Klarinette
Marc Osterer: Trompete
Alois Eberl, Stefan Heckel: Akkordeon
Chris Neuschmid: Gitarre
Robert Kainar: Perkussion, Orchesterleitung

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