Scott McLemore – Ein amerikanischer Schlagzeuger zwischen New York und Island

Scott McLemore Trio
Scott McLemore Trio, Foto: Angela Ballhorn

Den amerikanischen Schlagzeuger aus dem sonnigen Virginia Beach hat es über Brooklyn nach Kópavogur verschlagen, eine Stadt in unmittelbarer Nähe der isländischen Hauptstadt Reykjavík. In den kalten, unbeständigen Nordatlantik zog es ihn der Liebe wegen. Seit knapp 20 Jahren lebt und arbeitet er auf der rauen Insel. Aber er sagt selber: „Wäre Sunna (Gunnlaugs, die Jazzpianistin) nicht gewesen und wäre sie nicht so organisiert mit allem, inklusive allem Papierkram und Bewerbungen um Stipendien würde ich vermutlich immer noch in einem winzigen Apartment in Brooklyn leben und Gelegenheitsgigs und vielleicht auch ein paar wenige mit meiner eigenen Musik spielen.“

Das Gespräch fand im Rahmen des Jazzfestivals in Reykjavík im August 2025 statt, bei dem Scott McLemore im Trio und Quartett von Sunna Gunnlaugs mitwirkte.

Der Artikel, der aus diesem Gespräch hervorging, erschien in der Novemberausgabe 2025 der Zeitschrift JAZZTHETIK. Auf jazz-fun.de ist das Gespräch hier erstmals in seiner vollständigen Fassung zu lesen.

jazz-fun.de:
Es ist schon sehr ungewöhnlich, dass ein amerikanischer Musiker nach Island kommt und bleibt. Aber ich weiss ja den Grund...

Scott McLemore:
Ich hatte keine Wahl (lacht)

jazz-fun.de:
Du lebst jetzt seit 20 Jahren hier?

Scott McLemore:
Am 11. Januar 2025 waren es ganz genau 20 Jahre. Wenn ich zurückblicke, erscheint es eine schwere Entscheidung, aber ich war wirklich unreif zu dem Zeitpunkt. Ich habe dieses Bohemian Life in New York gelebt und nur an Musik gedacht. Dann kam der Gedanke an Kinder auf. Damals habe ich immer Gigs gespielt, wir beide eigentlich, aber trotzdem reichte es gerade nur so für die Miete.

Dann sind Sunna und ich beide in den Graphic Design Bereich gekommen, haben Websites gemacht, Albumcover-Design für Musiker. Sunna hat sogar einen Master in Graphic Design. Ich hatte dann begonnen, für ein Graphic Design Büro in Brooklyn zu arbeiten.

Wir hatten das Gefühl, dass wir mehr und mehr in diese Richtung gingen. Dann kamen Überlegungen, ein Zuhause zu kaufen. Wir wollten Eigentum haben, und es war so teuer. Wir fanden ein Apartment in Brooklyn, das wir uns leisten konnten und gaben ein Angebot ab.

Als ich in eines Nachts nach Hause gefahren bin, nachdem wir das Angebot abgegeben hatten, fragte mich eine Frau, ob wir nach Brooklyn fahren und sie mitnehmen könne. Dann stellte sich heraus, dass sie genau in diesem Apartmenthaus wohnte. Sie sagte nur, zieht da nicht hin, es ist gefährlich, ich wurde schon überfallen. Sie hat mir so viele Geschichten erzählt! Und als ich nach Hause zu Sunna kam, sagte ich zu ihr – ich glaube, wir sollten nicht in New York leben. Das war wirklich ein Zeichen von Gott irgendwie. In dieser riesigen Stadt, von allen Möglichkeiten, wo man wohnen könnte… Es war eine verwirrende Zeit.

Zuerst hatten wir an Dänemark gedacht, doch Sunna meinte, es wäre schön, näher bei der Familie zu sein, vor allem, weil wir über Kinder nachdachten.
Also war die Entscheidung entweder nach Virginia Beach zu meinen Eltern zu gehen oder nach Island zu ihren Eltern. Das amerikanische Health Care System hat die Entscheidung einfach gemacht. Das ist in den nordischen Ländern einfach unglaublich. Also war es ein No-brainer. Als wir umgezogen sind, durften wir feststellen, dass Sunna schon schwanger war. Also waren wir auf der Überholspur, wir mussten schnell sehr viele Entscheidungen treffen.

jazz-fun.de:
Aber du fühlst dich hier zuhause, oder? Oder hast du Heimweh?

Scott McLemore:
Schon ein bisschen, von Zeit zu Zeit.
Ich bin soweit, dass ich akzeptiere, dass ich mich nie als Isländer fühlen werde. Ich bin inzwischen einer, ich habe die Staatsbürgerschaft, ich kann mich auch auf isländisch unterhalten. Aber bestimmte Dinge, auf die sich Leute in Island beziehen, wie Popculture zum Beispiel, das kriege ich einfach nicht. Mein Isländisch ist OK, ich mache immer noch grammatikalische Fehler. Als ich hierher gekommen bin, habe ich die Entscheidung getroffen: Auch wenn ich lange wie ein Idiot klingen werde - wenn ich in New York bin und einen Fremden mit der Sprache kämpfen höre – das wirst du jetzt auch sein. Doch die Erkenntnis war OK. Ich musste Empathie mit mir selber haben und mit mir selber gnädig sein, dass ich nicht perfekt bin.
Ich glaube, eine Menge Leute werden davon abgehalten, eine Sprache zu lernen, weil sie keine Fehler machen wollen oder wie ein Idiot klingen wollen.

jazz-fun.de:
Und Faulheit wohl auch. Wenn du englisch kannst, kommt du überall durch. Und ich glaube, isländisch ist wirklich schwierig.

Scott McLemore:
Ich hatte Deutschunterricht an der Schule… das war schwer. Es gibt vermutlich schwierigere Sprachen als isländisch. Im polnischen gibt es viel mehr Grammatik. Ich habe entschieden, meine Ohren zu nutzen. Ich lerne, wie es klingt, wie Leute es verwenden. Manchmal sage ich Sachen komisch und ich erfinde Wörter, aber Leute wissen, was ich meine.

jazz-fun.de:
Nach dem Konzert gestern mit Sunnas Trio hatte ich mit einem Journalistenkollegen gesprochen, wir hatten beide den Eindruck, dass ihr die am meisten amerikanisch klingende Band seid, was Harmonien oder Formen angeht. Die isländische Jazzszene klingt anders.

Scott McLemore:
Es gibt eine Menge Musiker, die sehr stark im Straight Ahead Jazz verwurzelt sind, eigentlich sogar mehr als ich. Im Quintett mit Eythor ist schon sehr verwurzelt. Ich glaube, ich habe mich immer mehr am europäischen Jazz orientiert. Meine Inspiration war zum Beispiel Jon Christensen. Ein anderer Einfluss von mir war Jack deJohnette und ich liebe Joey Baron. Es ist eine kleine Szene hier, aber sie ist sehr abwechslungsreich.

Manchmal spielen Bands total frei improvisierte Musik und die Band Skuggamyndir frá Býsans spielt Balkan-Musik.
In New York war es mehr darauf ausgerichtet, dass Du deinen Approach findest, deine musikalische Identität und welche Musiker du brauchst, um da hin zu kommen. Als ich nach Island kam, wurde ich angerufen, einen Country Gig zu spielen, das habe ich noch nie gemacht und dafür wurde ich bisher nie angerufen. Oder in einer Fusionband zu spielen. In der Band eines alten Hammondorgelspielers, weil sein Drummer in den Norden von Island gezogen ist. Ich habe seinen Job übernommen – und ich habe noch nie vorher in meinem Leben in einer Fusionband gespielt. Ich habe Rock gespielt. In New York, da gab es all diese Musik, aber deine Mission dort ist, herauszufinden, wer du bist.
Du bist ein Künstler.

jazz-fun.de:
Du gehst ja regelmäßig zurück und spielst auch in den Staaten. Was sagen deine früheren Musikkollegen? Finden die, dass du anders spielst?

Scott McLemore:
Wahrscheinlich, Leute machen mir Komplimente, aber sie analysieren nicht, was ich mache.
Aber es ist ja normal, dass man sich verändert, jeder ist von seinem Umfeld, seinen Mitmusikern oder der Musik, die er hört, beeinflusst. Ich würde anders klingen, wenn ich nach New York zurückgezogen wäre oder wenn ich wieder in Virginia Beach leben würde.

Ich hätte ja auch nie gedacht, dass ich einen Südstaatenakzent haben würde. Und dann bin ich zum Studium nach New Jersey gegangen, und als ich im Sommer zurückgegangen bin, hörte ich auch einmal den Akzent, den ich nie vorher wahrgenommen habe. Wenn ich jetzt nach Hause komme, denken die Leute, dass ich ein Fremder bin, sie fragen mich, woher ich ursprünglich komme. Ich bin von hier – no way, woher kommst du echt?

Aber nachdem ich so lange in New York war und jetzt hier lebe, das war wirklich komisch.

jazz-fun.de:
Kannst du etwas zu deiner Band The Multiverse erzählen?

Scott McLemore:
Mein erstes Album, das ist gemacht habe, hiess das Multiverse und eine Komposition hiess auch so. Inzwischen gibt es drei Alben plus ein Live Album.
Das Stück habe ich so genannt, weil ich das Gefühl hatte, dass ich dieselbe Phrase genommen hatte und sie immer und immer wieder ein kleines bisschen verändert habe. Es schien so, als ob ich immer und immer wieder eine neue Version von dem Stück geschrieben hätte. Immer wieder in einer anderen Tonart. Und manchmal kam noch ein komischer Extratakt dazwischen. Hilmar (Jensson, Gitarre) hat das Stück gehasst, weil er immer das Gefühl hatte, dass er das Stück endlich kannte, dann kam wieder eine etwas andere Version. Ich denke, der Name kam über den Song.

Ich hatte nicht gedacht, dass ich ein neues Multiverse Album machen würde. Dann kam das nächste, dann sollten wir an der Jazzahead spielen und Pierre Perchaud (Gitarre) war beschäftigt. Also habe ich David gefragt, den ich schon aus New York kannte, der war inzwischen auch nach Europa gezogen, nach Paris und er kannte Nico, den Bassisten. Irgendwie kam der Name auf, er hat für Pierre gesubt, es gab ein paar Gigs und ein Album, das wir nach der Tour mit David und Hilmar aufgenommen hatten. Auf dem ersten Album spielte Mats Eilertsen Bass. Es veränderte sich einiges, es verschob sich, obwohl es die gleiche Instrumentierung blieb. Die Band ist ein Multiverse, eine Parallel Reality der Band. Zur selben Zeit habe ich mit Hilmar und Andres in Island gespielt, und danach mit Pierre und David endlich, auch wenn wir schon in Paris zusammen gespielt haben.

jazz-fun.de:
Warum spielst du mit zwei Gitarristen? Das ist ja eigentlich mehr ein Rock oder Pop-Lineup wie bei den Beatles.

Scott McLemore:
Ich hatte mit John Abercrombie gesprochen, ich wollte mit ihm ein Trioalbum aufnehmen, mit ihm und Drew Gress, den ich aus New York kannte. Mit John Abercrombie habe ich im Jahr bevor er gestorben ist, ein paar Mal gespielt. Das zweite Mal haben wir seine Musik gespielt. All diese Ideen, die ich hatte, hatte ich wegen seinem Sound, den ich im Kopf gehört habe, als ich die Musik geschrieben habe. Deswegen heisst auf dem letzten Album ein Stück „Knowing“, das ist als Widmung für Abercrombie gedacht. Dann starb er. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Sunna hat mir verschiedene Gitarristen vorgeschlagen, mit denen ich aufnehmen könnte, aber ich war mir unsicher.

Aber je mehr ich über Gitarre nachgedacht habe, desto mehr faszinierte mich die Idee, wie zwei von ihnen zusammenklingen würden. Ich habe viel über den Sound der Gitarre nachgedacht und die Stücke, die ich mit Gitarre haben wollte.

jazz-fun.de:
Schreibst du auch an der Gitarre?

Scott McLemore:
Nein, ich schreibe am Klavier. Aber ich schreibe mit dem Gitarrensound im Kopf. Manchmal schreibe ich einer Tonart und transponiere es später, kein Pianist würde in E Dur spielen wollen, für Gitarristen ist das eine sehr beliebte Tonart. Ich bin fasziniert von der Gitarre, verstehe sie aber nicht, es ist mir ein  Rätsel, wie man das Instrument spielen kann, es ist so unbequem für mich. Es ist nicht logisch, es macht keinen Sinn. Wenn ich jemanden spielen höre, ist das Magie.

jazz-fun.de:
Also ist es für dich auch eine Überraschung, wie deine Songs auf der Gitarre klingen?

Scott McLemore:
Ja, auf jeden Fall. Und es ist mir auch ein Rätsel, wie alle so unterschiedlich klingen können. Zwei Typen, die das gleiche Instrument spielen, und die so unterschiedlich sind. Die Faszination, wie Persönlichkeiten auf dem Instrument durchkommen, und wie sie beide zusammen passen. Hilmar spielt mit einem anderen Gitarristen anders.

Vielleicht ist es ja auch ein bisschen Rivalität. Ich liebe die Band, die Chris Lightcap hatte mit Tony Malaby, Bill McKinly und Gerald Cleaver. Mit zwei Tenorsaxofone, die habe ich mir immer in New York angehört. Tony und Bill klangen so unterschiedlich, und sie haben sich gegenseitig beeinflusst. Fast wurden sie zu einer neuen Person. Mit allen unterschieden, aber doch mit Gemeinsamkeiten. Aber auch mit Unterschieden, die in komplett andere Richtungen gingen, um zu die Unterschiede zu untertsrreichen.

jazz-fun.de:
Ich mag auch auch Marc Johnsons Album Sound of Summer Running mit den verschiedenen Gitarristen Pat Metheny und Bill Frisell, das ebenfalls so unterschiedlich aber toll war.

Scott McLemore:
Mit Joey Baron, dieses Album kam auf, als wir das erste Mal aufgenommen haben. Mats brachte das Album mit, und man hatte das Gefühl, man spielt auf dem Album mit. Es klingt so einfach, und die Gitarren verschmelzen so gut. Sie kommen wie ein Team, jeder hat seine verschiedenen Aufgaben, jeder dient der ganzen Band, und interessanterweise gerade dadurch, dass sie unterschiedlich sind.

jazz-fun.de:
Du hast jetzt diese neue CD auf dem Markt – wie ist es als Musiker in Island, neue Alben zu veröffentlichen oder sogar zu touren?

Scott McLemore:
Sehr schwierig, es gibt ein paar Plätze, da habe ich ein bisschen meinen Fuss in der Tür, weil ich schon mit Sunna dort gespielt habe. Aber Hilmar ist bekannt, er ist ein bekanntes Wesen in Europa, aber eher als Avantgarde Free Improviser. Das ist ja gar nicht, was wir machen. Das ist interessant., das kann uns helfen, aber es kann auch Leute verscheuchen. Bestimmte Plätze fallen weg, weil es nicht die Musik ist, die sie von Hilmar erwarten. Ich hoffe, dass die Leute die Musik anhören und vielleicht innere Widerstände aufgeben. Oft habe ich den Eindruck, dass Leute, die Konzerte buchen, die Musik gar nicht mehr anhören, sie schauen nur auf die Namen und haben gleich eine Idee.

Aber Siggi von Music Iceland ist sehr hilfreich, über die Organisation kann man Unterstützung für Tourneen beantragen. Zuschüsse für die Tour sind wichtig, Reisekosten sind hoch.

jazz-fun.de:
Als ich mich vor langer Zeit begonnen habe, mich für Jazz und das ganze Drumrum zu interessieren, dachte ich – sehr blauäugig – dass man Konzerte spielt und damit sein Geld verdient. Der grössere Teil wird es immer noch sein. Aber wenn sogar Leute wie John Scofield mit sicher gut bezahlten Konzerten bis zu sechs Monate im Jahr auf Tour sein müssen, um sich den Rest des Jahres auf neue Musik konzentrieren zu können?

Scott McLemore:
Jemand wie Sco verbringt sicher eine nicht unbeträchtliche Zeit in Hotelzimmern und arbeitet an neuen Stücken und arbeitet sich durch administrative Dinge…

jazz-fun.de:
In einer idealen Situation würdest du gerne durch ganz Europa touren, kann ich mir vorstellen?

Scott McLemore:
Ja, auf jeden Fall. Ich dachte, wenn ich Pierre und Nico in der Band habe, dann wäre es einfacher, auch ein paar Konzert in Frankreich zu spielen. Aber sogar Nico sagte, es wäre vielleicht möglich ein paar wenige Konzerte dort zu spielen, aber nur, wenn er sagen würde, dass es seine Band wäre. Es ist wirklich schwierig, wenn man dich nicht kennt, und du kein Superstar bist. Nico sagte auch, dass man eine PR Firma in Frankreich haben muss, du musst ein PR Team beschäftigen, um die Tour zu promoten. Sogar französische Musiker müssen investieren, um zu touren.
Ich habe einen Freund beim französischen Radio, der spielt sehr gerne meine Musik, das ist immer toll. Er ist offen für meine Musik, das gibt es nicht so oft in Frankreich. Es erscheint mir als eine geschlossene Gesellschaft.

Wir verkaufen CDs, vor allem in Deutschland. In Schweden haben wir auf einer kompletten Tour nur eine Handvoll CDs verkauft, das ist verrückt.
Liz Palins Buch „Mood Machine“ gibt einen guten Eindruck, was da gerade passiert mit Streaming und Spotify. Spotify startete in Schweden, es startete über Werbung. Jeder lädt Musik herunter, also muss ein Angebot mit Werbung her, während Musik angehört wird. Dann könnten wir es legal machen und Geld bezahlen. Spotify hat mit illegalen mp3s von Pirate Bay begonnen, dann haben sie es öffentlich angeboten. Sofort kamen die Labels und drohten, Spotify zu stoppen, wenn sie nicht beteiligt würden. Sie wollten einen Sweet Deal. Und klar gab Spotify einen Stück Kuchen für die Label.

jazz-fun.de:
Jemand der sowieso schon viel Geld macht wie Rihanna oder Taylor Swift, der nimmt über Spotify noch mehr Geld ein, Musiker mit weniger Aufrufen bleiben da auf der Strecke.

Scott McLemore:
Ich weiss gar nicht, wieviel Geld Rihanna oder Beyonce einnehmen. Das sind vermutlich eher die Labels, die das grosse  Geld machen, dann ist es die Frage, wieviel Geld weiter an die Künstler ausgezahlt wird. Ich kenne die Deals nicht.

jazz-fun.de:
Im Jazzbereich ist es ja sowieso schon schwierig. Wenn man ein Label hat, das einen gut unterstützt, ist man schon aufgestellt. Hat man ein Label gefunden, dass den Musiker unter Vertrag nimmt, muss ja oft eine Gebühr bezahlt werden, man gibt die Rechte an seinen Kompositionen ab und verpflichtet sich, eine bestimmte Menge der eigenen CDs abzukaufen, um sie in Konzerten verkaufen zu können. Das finde ich schon absolut irrsinnig.

Scott McLemore:
Als Startpunkt ist ein Label ja auch toll, du hast eine Menge Exposition, man lernt dich kennen. Das kann zu einer langjährigen Karriere führen. Wenn du einen langjährigen Vertrag abschliesst kann es sein, dass du einfach stecken bleibst, ein exklusiver Deal heisst ja auch, dass du nicht mit anderen Musikern und Labels aufnehmen kannst. Ich habe Geschichten von Kollegen gehört, die mit Fake-Bühnennamen operieren, um eine Karriere zu haben - weil sie früh einen Label-Vertrag unterzeichnet haben und das Label sie ausbremst und der Vertrag so nie erfüllt werden kann.

jazz-fun.de:
Du bist nicht nur Schlagzeuger, du unterrichtest auch und bist mittlerweile auch Podcaster, habe ich gelesen.

Scott McLemore:
Das war tatsächlich nicht wie bei vielen in Corona-Zeiten geboren, sondern das mache ich erst seit einem Jahr etwa. Es fing an, weil ich schon immer am Schreiben interessiert war, schon seit meiner Kindheit. Ich dachte erst, dass ich das beruflich machen wollte, ich habe Shortstories geschrieben. Und wenn du jung bist und dir jemand Komplimente gibt für das, was du machst, denkst du, dass es dein Weg ist. Wenn dein Englischlehrer deine Geschichten lobt, denkst du, dass du Talent hast. Meine Eltern haben mich dann auch jeden Sommer in Writers’ Camps geschickt. Da hat man sich mit Poesie und Prosa beschäftigt. Aber ich wollte schon als Kind auch Schlagzeug spielen, und als ich mit 14 ein Drumset bekam, war es das einzige, das ich machen wollte. Ich habe wieder mit Schreiben begonnen, weil ich mir in meiner Unterrichtstätigkeit viele Gedanken über Kreativität gemacht habe. Wie man Studenten ermutigen könnte, kreativer zu sein. Andererseits wird dir immer wieder erzählt, dass man Kreativität nicht unterrichten kann. Hier ist der Lehrplan sehr technisch ausgerichtet. Kreativität ist schwer in Zahlen auszudrücken, es ist schwer, was mehr oder weniger kreativ ist, es hat viel mit Meinungen und Geschmack zu tun. Es ist genauso wie die Frage, welches Bild dir besser gefällt, was kreativer ist. Das hat mit dem Hintergrund des Betrachters zu tun.

jazz-fun.de:
Wenn Musik wirklich kreativ ist und von Herzen kommt, spricht das die Leute an und es hat dann nichts mehr mit einem technischen Background zu tun.

Scott McLemore:
Ja, das stimmt. Ich habe mir viele Gedanken über Kreativität gemacht, seit Kindheit. Wenn dir jemand als Kind sagt: Du bist kreativ, dann machst du dir Gedanken, was das bedeutet. Es ist gut, darüber nachzudenken, und man möchte mehr in dieser Richtung unternehmen.

Als ich begonnen habe, darüber zu schreiben, war es fast wie eine Therapie für mich. Dann wollte ich die Texte auf einer Medienwebsite herausbringen. Als ich dann begonnen habe, Podcasts zu hören, habe ich mich gefragt, wie es wäre, diese Essays in Podcasts zu bringen. Also habe ich sie vorgelesen. Aber das ist ganz anders. Das war so steif, Podcasts sind anders als Schreiben. Was und wie ich schreibe, so würde ich im normalen Leben nicht sprechen. Es war der Prozess, wie meine Ideen ausgesprochen klingen, und ich fing an, meine Skripte dahingehend auszurichten, dass man sich selber wohl fühlt zu sprechen, ohne etwas abzulesen. Einer gewissen Form musst du allerdings folgen.

Ich versuche, die Punkte zwischen verschiedenen kreativen Bereichen zu verbinden. Wenn du Maler oder Koch bist, wie gehst du dann im kreativen Umfeld um, zum Beispiel mit Dingen wie Ablehnung oder Blockaden?

Es ist ein Mittel, das kreative Leute haben können. Wenn du kreativ bist und Probleme hast, vielleicht sage ich in den Podcasts ja etwas, das dir helfen kann.
Es ist ein Numbers Game mit der Kreativität. Je mehr du machst, desto besser wirst du. Aber je mehr du machst, desto mehr Möglichkeiten findest du, aus denen du auswählen kannst. Die ersten Ideen sind ja nicht immer die besten Ideen.

jazz-fun.de:
Aber es ist ein Startpunkt…

Scott McLemore:
Es gibt eine grosse Unsicherheit bei kreativen Köpfen heutzutage, auch wegen AI. Meine ältere Tochter studiert Graphic Design, sie ist aber auch Musikerin und schreibt Songs. Letzte Nacht bin ich beim Klang ihrer Gitarre eingeschlafen, als sie dabei war, einen Song zu schreiben.

Seit sie als kleines Kind mit Buntstiften malte, wollte sie immer etwas kreatives machen. Vielleicht nicht einmal notwendigerweise, um damit Geld zu verdienen, aber als wichtiger Teil ihres Lebens. Jetzt gibt es jede Woche eine neue App, mit der man auf einer Website etwas zeichnen kann. Du kannst AI alles machen lassen.

Warum soll ich so viel Zeit investieren, um mit Adobe Illustrator umzugehen, wenn es die AI gleich erledigen kann, diese Frage verstehe ich sehr gut.
Ist dieser Karriereweg irgendwann weg, weil alles von Künstlicher Intelligenz erledigt wird?
Computer können gut Material sammeln und Punkte verbinden, so arbeitet das menschliche Gehirn aber nicht. Das kann eine Maschine nur nachahmen.
Wenn ich mich hinsetzte und komponiere, dann brainstorme ich nicht.

Wenn ich morgens aufstehe, ist mein Tag wie Storytelling. Wir sind unser eigener Charakter ein ganzes Leben lang, wir haben eine Kindheit, einen Lebensweg, da ist eine Bedeutung dahinter, warum wir bestimmte Sachen so machen, wie wir sie machen.

Das menschliche Gehirn sortiert, was Sinn macht und was nicht. Ich hoffe, dass die Menschen auf lange Sicht erkennen, wie wichtig das menschliche Gehirn und die Kreativität sind und wie limitiert AI doch immer bleiben wird.

jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.

Scott McLemores Multiverse repräsentiert in jeder Besetzung seiner Band einen eingefangenen Moment der kreativen Verschmelzung. Ausgehend vom ersten, von John Abercrombie inspirierten Erkundungen des Originalalbums von 2018 bis hin zur intimen Dokumentation der Europatournee auf „Knowing“ (2022) ist jedes  Album eine klangliche Momentaufnahme. „Onward“ ist das neueste und erschien 2025. Mit wechselnden Musikern aus Reykjavík, Paris, Oslo und Prag präsentiert The Multiverse McLemores kompositorische Vision und würdigt gleichzeitig die einzigartigen Beiträge jedes einzelnen Mitwirkenden. So entsteht ein Werk, das gleichermaßen stimmig und wunderbar unvorhersehbar ist.

Die momentane, ungewöhnliche Besetzung mit zwei Gitarren ist hier mit Hilmar Jensson (electric guitar), Andrés Thor (el. guitar, ac. guitar & pedal steel) und Nicolas Moreaux (Bass) ausgerichtet.

Aktuelles Album:

Scott McLemore – Subtext: Intimes Soloalbum zwischen Jazz, Ambient und Klangexperiment

Scott McLemore Internetseite:
www.scottmclemore.com

Das Gespräch führte Angela Ballhorn
Foto: Angela Ballhorn

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