Sebastian Studnitzky & Kammerorchester der Philharmonie Odesa - Memento Odesa (Live in Berlin)

Sebastian Studnitzky & Kammerorchester der Philharmonie Odesa - Memento Odesa (Live in Berlin) - Albumcover
Sebastian Studnitzky & Kammerorchester der Philharmonie Odesa - Memento Odesa (Live in Berlin)

Sebastian Studnitzky & Kammerorchester der Philharmonie Odesa
Memento Odesa (Live in Berlin)

Erscheinungstermin: 15.11.2024
Label: XJAZZ! Music, 2024

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jazz-fun`s recap:

Es gibt mehrere mehrstimmige Themen von Sebastian Studnitzky, und trotz der klassischen Orchesterbesetzung ist die Musik im Jazz verwurzelt, obwohl es ihr weder an zeitgenössischen noch an zutiefst traditionellen Ausdrucksakzenten mangelt. Dieses Album zeigt die unaussprechliche Tiefe der Gefühle und die Kraft der Musik. Ein schönes und bewegendes Album. (Jacek Brun, 15.11.2024)

Besetzung

Sebastian Studnitzky - p & tr
Kammerorchester der Philharmonie Odesa, dirigiert von Volodymyr Dikiy

feat.
Andrii Pokaz - p
Paul Kleber - b
Tim Sarhan - dr
Bodek Janke - perc

Über das Album Memento Odesa von Sebastian Studnitzky & Kammerorchester der Philharmonie Odesa

Nach mehr als zweieinhalb Jahren herrscht immer noch Krieg in der Ukraine, die Lage ist zunehmend bedrohlich. In Zeiten von Angst und Schrecken zeigt das Projekt Memento Odesa, wie man mit Kultur Mut machen kann. Im Sommer 2023 ist von Sebastian Studnitzky, Trompeter, Pianist, Komponist und Gründer des Berliner XJAZZ!-Festivals, nach Odessa gereist, um mit dem Symphonieorchester der Stadt Aufnahmen zu machen. Im März 2024 gelang es Studnitzky erstmals, einen Teil des Orchesters für eine Tour nach Deutschland zu holen. Am 15. November erscheint das Album Memento Odesa – Aufnahmen, die im Juli 2023 unter der Leitung von Dirigent Volodymyr Dikiy in der Philharmonie in Odessa und gut acht Monate später live auf Tour in der Gedächtniskirche in Berlin entstanden sind.

Sebastian Studnitzky gibt einen Einblick in die Historie seiner musikalischen Kooperation zwischen Berlin und Odessa, die in jeder Hinsicht bewegend und ungewöhnlich ist. Seine Begegnung mit der ukrainischen Kreativproduzentin Anastasiia Pokaz und die daraus erwachsene Zusammenarbeit mit ihr in Berlin machten das Projekt mit dem Odesa Philharmonic Orchestra erst möglich. Pokaz stellte für das XJAZZ-Team bereichernde Kontakte zur lebendigen Musiker-Szene in Odessa her. Schon zu Kriegsbeginn gab es verschiedene Formen der XJAZZ-Festival-Kooperation zwischen Berlin und der Ukraine. Studnitzkys Kompositionen mit dem Titel Memento waren zu diesem Zeitpunkt zwar schon ein paar Jahre alt, aber nun wollte er endlich seine Idee umsetzen, das Projekt mit großem Orchester aufzunehmen. „Das wollte ich sowieso irgendwann mal machen“, sagt der Trompeter. „Parallel dazu haben wir überlegt, wie wir ein Projekt in Odessa auf die Beine stellen können. Klar, in der Ukraine ist Krieg, es ist aber nicht so, dass man in Odessa immer in Lebensgefahr ist. Im Sommer 2023 wurde vor allem die Infrastruktur angegriffen und insofern konnten wir das Risiko eingehen. Vor dem Hintergrund, dass da ganz viele Menschen leben und ihrem Alltag nachgehen. Das war ja auch das Besondere. Wir kamen da an und es war Alltag.“

Eine etwas andere Art Alltag, mit dem Szenario des Krieges ständig vor Augen. Odessa liegt am Schwarzen Meer, eine Stadt mit einem historischen Stadtkern, eine wichtige Hafenstadt. Sebastian Studnitzky entschied vergleichsweise spontan, dass er nach Odessa gehen und dort sein Projekt verwirklichen würde. „Odessa ist ja nicht an der Front“, so Studnitzky. „Da gibt es vor allen Dingen nachts mal Raketenangriffe auf den Hafen und die Infrastruktur, aber die Stadt ist eine ganz normale und auch sehr schöne Stadt.“ Er erinnert sich an den Flug nach Kischinau in Moldawien und an die Fahrt mit dem Taxi zur ukrainischen Grenze. Mit seinem Koffer, in dem sein ganzes Equipment mit Mikrofonen und Soundkarten steckte, ging er zu Fuß über die Grenze. Anastasiia Pokaz, die aus Odessa stammt und deren Familie dort lebt, holte ihn auf der anderen Seite der Grenze ab, zusammen fuhren sie nach Odessa, eine Dreiviertelstunde von der Grenze entfernt. „Wir haben es gerade noch geschafft, vor dem curfew anzukommen, das ist die nächtliche Ausgangssperre ab elf Uhr“, so Studnitzky. „Und dann haben Anastasiia und ich das eigentlich mit einem ganz kleinen Team durchgezogen. Vor Ort hatten wir noch zwei, drei Leute, die uns mit der Technik und mit der Organisation des Orchesters geholfen haben“.

Für die Planung des Projekts hatten Sebastian Studnitzky und Anastasiia Pokaz nicht viel Zeit. „Im Frühjahr konnten wir unser Vorhaben nicht umsetzen, weil es da noch das Problem gab, dass die ganze Infrastruktur ständig zerbombt wurde“, erzählt Studnitzky. „Es war überall kalt, also hätte man erstmal einen Generator mitbringen müssen. Im Sommer erschien uns das relativ sicher, dann haben wir das gemacht. Es gab zwar täglich Sirenenalarm, dabei meldet sich eine App, die klingelt, aber meine ukrainischen Freunde haben gar nicht mehr reagiert. Es ist nicht so, dass alle in den Bunker rennen, sondern sie bleiben einfach im Café sitzen. Meistens wurden die Raketen und Drohnen abgefangen. Zwei Wochen nach den Aufnahmen schlug allerdings eine Rakete im Stadtgebiet ein, es traf die Kathedrale von Odessa. Das war nah dran an der Philharmonie, wo wir aufgenommen haben. Das hat es für uns so zugespitzt, dass wir die Idee hatten, das Orchester nach Deutschland zu bringen.“

Die Orchestermusiker in Odessa müssen mit gewaltigen Problemen leben. „Es gibt zwar noch Konzerte in der Philharmonie, aber stark reduziert“, sagt Studnitzky. „Das Leben ist massiv beeinträchtigt. Mein Freund André Pokaz, der an der Hochschule lehrt, hat im Winter mit Taschenlampe im Hochschulkeller unterrichtet und im Bunker. Konzerte wurden auch im Luftschutzbunker gespielt. Im Sommer war die Situation nicht ganz so angespannt, aber natürlich ist die Bedrohung allen Musikern ins Gesicht geschrieben. Jeder und jede von ihnen hat eine Wahnsinns-Story zu erzählen. Verwandte sind an der Front gefallen, alle sind massiv betroffen. Man hat diesen Kloß im Hals, man spürt dieses bedrückende Gefühl. Und wenn man das erste Mal eine Sirene hört, dann ist das ein schreckliches Geräusch.“

Trotz des Schreckens glaubt Sebastian Studnitzky an die Kraft der Musik und daran, dass sie über Grenzen hinweg kommunizieren kann. Er fühlt sich als Musiker in der Verantwortung, sein Talent und seine Plattform sinnstiftend zu nutzen, betont er. „Ich habe ja schon einige Male solche Aktionen gemacht. Es lohnt sich. Nicht finanziell, aber darum geht es im Leben sowieso nicht. Es war eine der besten Aktionen, die ich in meinem Leben gemacht habe. Es ist natürlich auch für mich als Künstler total befriedigend, wenn das alles nicht nur Musik ist. Keine Töne und Skalen und Noten, sondern etwas weit darüber hinaus. Das ist für mich das Entscheidende.“

Eine Zusammenarbeit und eine kulturelle Verbindung, von Studnitzky verwirklicht ohne große Bürokratie. „Ja, die ganze Geschichte war stark improvisiert“, meint er.
„Wenn man das richtig geplant hätte, wie man in Deutschland eigentlich so etwas plant, professionell und mit Vorlauf, dann hätte man das nie im Leben machen können. Das war total kurzfristig. Ich habe ein Mikro in meinen Koffer gestopft und bin dahin und habe geguckt, was mich da erwartet. Ich wusste nicht, wie gut das Orchester ist, auch die Besetzung war bis zum Vorabend unklar. Alles war stark improvisiert und ich wusste auch nicht, wie genau wir aufnehmen, ob in Orchestergruppen, oder ob wir live spielen. Ich wusste nicht, ob der Flügel in Schuss ist, ob er gestimmt ist. Die musikalischen Dinge waren völlig unklar. Ich bin aber Jazzmusiker und habe keine Angst davor, zu improvisieren. Das hat ziemlich gut funktioniert, auf allen Ebenen. Musikalisch sowieso, aber natürlich auch menschlich. Das war wunderbar, mit denen zusammenzuarbeiten.“

Den kulturellen Schulterschluss mit den ukrainischen Musikern hat Sebastian Studnitzky bewusst gesucht, um ihnen eine Perspektive zu geben. „Das war eine der ganz wenigen Kollaborationen, die die Musiker gemacht haben. Sie haben natürlich ab und zu mal Konzerte in der Philharmonie gespielt, aber dass jemand von außen kommt, ist selten passiert. Es war natürlich sehr inspirierend für alle. Das hat eine emotionale Dimension, die ich überhaupt nicht richtig erklären kann. Man spürt diese Energie, die im Raum ist und sich aus ganz vielen Ebenen zusammensetzt. Die leere Philharmonie, diese Stadt, die im Krieg ist. Dieses Volk, das so unglaublich kreativ ist und so unglaublich stark dagegenhält. Die Musiker, die so viel leiden, aber dann so einen Spaß haben, die Musik zu machen. Das ist mein inneres Bild und das sehe ich sofort, wenn ich nur einen Ton davon höre.“

Ein bewegendes musikalisches Unterfangen, das Sebastian Studnitzky zusammen mit Anastasiia Pokaz und den ukrainischen Musikern geschultert hat. Dokumentiert auf dem Album Memento Odesa, wobei der Name bewusst nur mit einem „s“ geschrieben ist, weil es sich um die ukrainische Schreibweise handelt. Sechs Stücke des Albums wurden im März 2024 vor Publikum in der Berliner Gedächtniskirche aufgenommen. Somit ist das ganze Album ein Mix aus den Aufnahmen in der menschenleeren Philharmonie in Odessa und den sechs Stücken aus dem Live-Konzert in Berlin. Eine knappe Stunde mit orchestraler Musik, die es emotional in sich hat. Melodiös, lyrisch und zugleich druckvoll lässt dieses Werk einen ergreifenden Film vor dem inneren Auge entstehen. Sebastian Studnitzky selbst tritt hier als Haupt-Solist an Trompete und Klavier in Erscheinung, neben seinem ukrainischen Piano-Kollegen Adrii Pokaz, dem Bassisten Paul Kleber, dem Schlagzeuger Tim Sarhan und dem Perkussionisten Bodek Janke.

Text: Sarah Seidel für jazz-fun.de

Titelliste

  1. Memento
  2. Margolina
  3. Organic
  4. Meldody
  5. Luba
  6. Pads
  7. Sul
  8. Egis
  9. Voices

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