Shake Stew - Lila

Shake Stew - Lila
Shake Stew - Lila

Shake Stew
Lila

Erscheinungstermin: 13.10.2023
Label: Traumton, 2023

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jazz-fun`s recap:

Magische, manchmal sogar tranceartige Musik. Es ist eine dieser Platten, die man sofort ganz hört, ohne Unterbrechung, ohne Pause. Es ist unmöglich, den Player auszuschalten. Großartige Soloparts, Rhythmen und Progressionen, die immer wieder neue Landschaften erschaffen, oder einfach nur extrem fesselnde Musik lassen es nicht zu, sich auch nur für einen Moment von diesem Album zu lösen. Diese Platte hat wieder einmal die Summe der musikalischen Güte im Universum erhöht. Danke, Shake Stew!

Lukas Kranzelbinder - double bass (1,2), guembri  (3,4,6)
Astrid Wiesinger - alto saxophone (3,4,5)
Mario Rom - trumpet
Johannes Schleiermacher - tenor saxophone, flute (1)
Oliver Potratz - Fender Bass VI
Nikolaus Dolp - drums (2,3,5), log drums (1,3,4)
Herbert Pirker - drums (1,3,4,5), percussion (1,3,5)
Special Guest: Precious Nnebedum - voice (1)

Meistens geht die Musik ihren eigenen Weg - umso mehr im Fall von Shake Stew. Die österreichische Formation um den Bassisten und Komponisten Lukas Kranzelbinder veröffentlichte im Herbst 2023 ihr sechstes Album Lila. Obwohl für dieses Jahr eigentlich keine Veröffentlichung geplant war, wurde schnell klar, dass die zwischen November 2022 und April 2023 entstandenen Aufnahmen eine magische und zum Teil völlig neue Stimmung besitzen. Und so bleibt die Band ihrem intuitiven Konzept treu und hält die Musik nicht künstlich zurück, sondern lässt den Stein, der 2016 mit der Gründung beim Jazzfestival Saalfelden ins Rollen kam, einfach weiter rollen - und schickt Lila hinaus in die Welt.

Als Shake Stew im April 2023 für ihr letztes Album Heat mit dem Amadeus Austrian Music Award 2023 ausgezeichnet wurden, war das eine kleine Sensation. Das Septett war der erste Instrumental-Act seit 20 Jahren, der in der Kategorie Jazz/World/Blues gewinnen konnte - zuletzt gelang dies keinem Geringeren als Joe Zawinul mit seinem Album Faces & Places. Umso mehr fühlte sich die Band bestärkt, den nächsten Schritt in ihrer musikalischen Entwicklung zu gehen.

Erstmals konnte Lukas Kranzelbinder für Lila die lang ersehnte Zusammenarbeit mit dem Wiener Produzenten Marco Kleebauer (Bilderbuch, Sharktank, Leyya,...) realisieren. Beide Künstler sind zentrale Figuren der österreichischen Musikszene, wenn auch in vermeintlich unterschiedlichen Wirkungsfeldern. Wie fruchtbar eine solche genreübergreifende Zusammenarbeit klingen kann, ist auf Not Water But Rest, Lila und Detroit zu hören. Kranzelbinders vielschichtige Kompositionen werden hier um eine Soundebene erweitert, die Shake Stew ein neues musikalisches Kapitel eröffnet und gleichzeitig den typischen Charakter der Band bewahrt.

Eine weitere Kooperationspartnerin auf diesem Album ist die zwischen Nigeria und Österreich aufgewachsene Spoken Word Künstlerin Precious Nnebedum. Ihr Beitrag zu Not Water But Rest ist ein gutes Beispiel dafür, wie organisch der musikalische Prozess bei Shake Stew abläuft: Das Stück wurde von Lukas Kranzelbinder komponiert und zunächst mit der gesamten Band aufgenommen. Bald darauf entstand der Wunsch, Marco Kleebauer in den Prozess einzubinden, um vor allem am Schlagzeugsound zu tüfteln. Während dieser Arbeit entwickelte sich der Charakter der Aufnahme so stark in eine bestimmte Richtung, dass die Vision eines Spoken Word Parts entstand. Also lud Kranzelbinder Precious Nnebedum für den nächsten Tag ins Studio ein. Sie bekam vorab die Instrumentalversion des Tracks und war davon so inspiriert, dass sie noch am selben Abend den Text zu Not Water But Rest schrieb. Ein absoluter Glücksfall.

Mit dem Titeltrack Lila schlägt Shake Stew eine sanftere Richtung ein. Hier zeigt sich Kranzelbinders Gespür für Melodien und Instrumentierung ebenso wie der weiche Ton und das geschmackvoll zurückhaltende Spiel, mit dem Astrid Wiesinger, Mario Rom und Johannes Schleiermacher ineinander zu verschmelzen scheinen. Es ist das bisher kürzeste, aber vielleicht auch prägnanteste Stück der Band.

Detroit zieht die Zuhörer:innen mit einem Dialog zwischen Kalimba (Wiesinger) und den beiden Schlagzeugern Herbert Pirker und Nikolaus Dolp in seinen Bann, bis Kranzelbinder mit seiner Guembri (marokkanische Basslaute) ebenfalls eintaucht. Das Stück leitet auch zum verspielteren Teil des Albums über, in dem die Band mit Heat, Shasta Fey und Breathe ihre ganze Bandbreite und Energie zeigt. Die Live-Session, die im November 2022 in einem für Shake Stew-Verhältnisse winzigen Rahmen in Wien aufgenommen wurde, spiegelt die Spielfreude und vor allem die Interaktion zwischen den einzelnen Musiker:innen auf beste Weise wider. Während die treibenden Grooves von Heat den Tenorsaxophonisten Johannes Schleiermacher zu immer neuen Höhenflügen antreiben, lassen die spontan improvisierten Einwürfe der beiden anderen Bläser die Grenzen zwischen Solist und Kollektiv immer wieder verschwimmen. Nach unzähligen Konzerten in den letzten Jahren erlebt man hier eine eingeschworene Band auf dem Zenit ihres musikalischen Zusammenspiels.

Dass hypnotische Grooves und das Abtauchen in tranceartige Passagen ein zentrales Merkmal von Shake Stew sind, wird auf Shasta Fey einmal mehr deutlich. Über einem repetitiv fließenden Pattern von Schlagzeug und Guembri hat Oliver Potratz scheinbar endlosen Raum, um sich mit seinem Bass VI (Bassinstrument, das wie die Gitarre 6 Saiten hat, aber eine Oktave tiefer gestimmt ist und vor allem in der Surfmusik der 60er und 70er Jahre verwendet wurde) voll zu entfalten. Der Titel spiegelt wiederum den starken Einfluss der Filmwelt auf Kranzelbinders Musik wider: Shasta Fey ist eine Figur aus Thomas Pynchons Inherent Vice und Detroit eine Widmung an eine Szene aus Jim Jarmuschs Film Only Lovers Left Alive. Beide Filme dienten bereits als Inspiration für mehrere Stücke.

Mit Breathe endet das Album mit einem kollektiven Ausatmen. Das Stück entstand ursprünglich beim Warten hinter der Bühne kurz vor einem Konzert. Schon damals hatte es eine unmittelbare Wirkung auf alle Beteiligten. Kranzelbinder beschreibt es so: „Wenn man eine lange Strecke läuft, gibt es oft die Empfehlung, am Ziel nicht sofort stehen zu bleiben, sondern langsam auszusteigen. Genau in diesem Sinne empfinde ich Breathe am Ende der Strecke, wenn wir es live spielen. Ich mag es auch sehr, dass wir nach all der explosiven Dynamik oft mit einer sehr zärtlichen Energie des Miteinanders enden. Damit schließt sich für mich der Bogen perfekt.

Text: Traumton Records

  1. Not Water But Rest (feat. Precious Nnebedum)
  2. Lila
  3. Detroit
  4. Heat (live)
  5. Shasta Fey (live)
  6. Breathe (live)

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