Rezension des Jazz-Albums "Biotic" von Shawn Lovato
Shawn Lovato
Biotic
Erscheinungstermin: 13.02.2026
Label: Endectomorph, 2025
Modernes Tenortrio zwischen Struktur und Improvisation
Mit seinen bisherigen Veröffentlichungen hat der Bassist und Komponist Shawn Lovato ein deutliches Profil entwickelt. Bereits das Debüt Cycles of Animation (2017, Skirl) verband Jazz, Kammermusik und punkartige Energie zu einem stilistisch offenen Quintettprojekt. 2022 folgte mit Microcosms eine komplexe Suite, realisiert in Zusammenarbeit mit dem zeitgenössischen Ensemble Hotel Elefant und improvisierenden Musiker:innen. Beide Alben zeigten Lovatos Interesse an struktureller Verdichtung und klanglicher Dramaturgie.
Mit Biotic wendet sich Lovato nun einem Tenortrio-Format zu – einer Besetzung ohne Harmonieinstrument. Dieser Schritt bedeutet eine ästhetische Verschiebung: Die kompositorische Arbeit konzentriert sich stärker auf rhythmische Organisation, motivische Entwicklung und texturale Gestaltung. Lovato beschreibt selbst die Herausforderung, eine klangliche Atmosphäre in einem reduzierten Trio-Kontext zu erzeugen, der weniger harmonische Stütze bietet und stattdessen auf Interaktion und strukturelle Klarheit angewiesen ist.
An seiner Seite stehen die Saxofonistin Ingrid Laubrock und der Schlagzeuger Henry Mermer. Gemeinsam formen sie ein dicht verzahntes Klanggefüge, in dem Bass, Tenorsaxofon und Schlagzeug gleichberechtigt agieren. Die Musik basiert weniger auf Akkordfolgen als auf rhythmischen Verschiebungen, Wiederholungsstrukturen und motivischer Verdichtung. Gerade diese Elemente ersetzen harmonische Fülle durch lineare Spannung und eröffnen einen Raum, in dem melodische Fragmente aus rhythmischer Energie entstehen.
Das Trio bewegt sich dabei zwischen Avantgarde und Traditionsbezug. Trotz der formalen Offenheit bleibt die Musik im jazzhistorischen Kontext verankert – insbesondere im Tenortrio-Erbe von Sonny Rollins –, erweitert dieses jedoch um zeitgenössische kompositorische Konzepte. Dynamische Kontraste, rhythmische Überlagerungen und klare Formverläufe prägen das Album.
Biotic präsentiert sich als konsequent durchdachtes Werk, das die Möglichkeiten des Tenortrios neu auslotet. Lovato setzt seine kompositorischen Ambitionen in einem reduzierten Rahmen fort und demonstriert, wie Spannung, Atmosphäre und narrative Struktur auch ohne harmonisches Fundament entstehen können.
(Jacek Brun, 28.02.2026)
Besetzung
Shawn Lovato - bass
Ingrid Laubrock - tenor saxophone
Henry Mermer - drums
Titelliste
- Spling
- Frequent Flyer
- One Step from Anything Easy
- Patience and Hydration
- Inexorable
- Dirt Doesn't Burn
- Parachute Bloom
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