Jazz auf leisen Pfoten – Shortcut Jazzfestival Münster 2026 zwischen Kontrast, Kontemplation und Klangvielfalt

Ein Jahresbeginn in Münster ohne Jazzfestival ist möglich, aber sinnlos, wenn man Loriots Möpse-Zitat etwas umdichtet. Deshalb kommt zum mehrtägigen Internationalen Jazzfestival in den geraden Jahren ein Shortcut Festival, ein dichtes, intensives Konzertprogramm mit vier Konzerten am Samstag im Theater und einer sonntäglichen „Improvisation for _“ in der Dominikaner Kirche.
Ein Bericht von Angela Ballhorn

Jazzfestival Münster
Jazzfestival Münster, Foto: Ansgar Bolle

Auf leisen Pfoten kam Shortcut 2026 wortwörtlich daher: Das Festival ist auf den Hund gekommen, denn das Quartett „Ruf der Heimat“ hatte einen Vierbeiner im LineUp. Aber auch im übertragenen Sinne war es ein leises Festival, denn von fünf Bands hatte nur eine Besetzung ein Drumset dabei, die anderen Programmpunkte kamen mit Framedrums und präpariertem Klavier als perkussiven Instrumenten aus.

„Ästhetik der Kontraste“ nennt Festivalleiter Fritz Schmücker gerne die Ausrichtung seines Festivals, mit den Musikern aus Deutschland, Frankreich, Russland und Mali wurden schon geographische Gegensätze festgelegt.

Robinson Khoury, Senkrechtstarter der letzten Jahre, eröffnete das Festival mit Musik, die gleich länder-, epochen – und genreübergreifend war. Schon optisch genau austariert kam das neue Quatuor Demi-Lune des Posaunisten auf die Bühne: Den zwei Männern - sehr gross und mit langen Haaren, schwarze Röcke tragend und ihr Instrument im Stehen spielend (Khoury an Posaune und Gesang und Simon Drappier am Bass) - sassen zwei Frauen (Eve Risser – Piano und Lina Belaïd am Cello) in Hosen gegenüber.

Fast wollte man glauben, dass das Halbmond-Quartett Konzerte nach der Mondphase buchen lässt, denn die Halbmonde fügten sich an dem Abend zu einem üppigen Vollmond am Münsteraner Nachhimmel zusammen.  

Khoury verbindet in der Musik seiner neuen Besetzung gekonnt Barock, Weltmusik, Minimal Music und Jazz, alle Stile vermischen sich und verschmelzen zu etwas Neuem, das begeistert. Mal legen Posaune und Cello Arpeggien wie in einer Bach-Partita nieder, mal schmiegt sich das Klavier in weiten Oktaven einer Milonga über eine Bassbegleitung. Dass alle vier auch noch singen und Eve Risser mit ihrem präparierten Klavier ab und an den pur akustischen Sound des Quartetts durch ganz überraschende Klänge auflockert, ist ein absoluter Gewinn.

Herausragendes Stück des Quatuor Demi-Lune war „Poussière“, was auf deutsch Staub bedeutet. Das traurige Stück bekam eine längere Erläuterung, da es allen verloren Seelen gewidmet ist, Staub für und von all den Menschen, die uns verlassen mussten und viel zu früh und viel zu jung starben, speziell für die Menschen, die in Gaza und in Jordanien ihr Leben lassen mussten. Khoury wollte das Stück aber allen verlorenen Seelen widmen. Über Piano Arpeggios singen alle vier, in den langen Noten und den engen Intervalle, die flirrende Sounds erzeugten, konnte man wahrlich die verlorenen Seelen hören.

In dem alten französischen Tanz „Bourrée“ wechselte Eve Risser vom klanggewaltigen präparierten Klavier zur Altquerflöte, lange Noten in Blasinstrumenten und Cello tauschten immer wieder den Melodiepart und wurden durch einen vorwärtstreibenden Bassgroove begleitet.

Irgendwann zwischendurch liefert sich die Posaune eine Diskussion mit sich selber, quirlig und hell wechselte mit tiefen Noten, mitgesungen, knapp, kurz angebunden und grummelnd. Die abwechslungsreichen, ansprechenden Kompositionen mit viel historischem Fundament und trotz allem in grosser Leichtigkeit verweben sich zu einer wunderschönen, einheitlichen Klangfarbe, die zum Abschluss des Sets in einer opulenten romantischen Komposition mit barocken Passagen samt Trillern endet.

In der zweiten Band folgten Saxophonist Thomas Borgmann und Schlagzeuger Willi Kellers dem „Ruf der Heimat“, die Exil-Münsteraner sind Teil des gleichnamigen Quartetts, das seit 2018 in der Besetzung mit Posaunist Christof Thewes und Bassist Jan Roder spielt. Und nicht zu vergessen: dem Furchenmolly Gojin. Der spanische Strassenhund ist Nachfolger auf Dackel Theo, der den Konzerten des Quartetts gerne vor der Bassdrum lauschte.

Der „Ruf der Heimat“ zelebriert Freejazz in kultivierter Form und nachvollziehbaren Strukturen, bei dem sich Tenorsaxophon und Posaune gerne mit der Melodieführung abwechseln und Motive in Ganztonleitern aufwärts steigen lassen.

Greift Thomas Borgmann zur Mundharmonika, kommen schnell Assoziationen zum Liederheft „Die Mundorgel“, dann wird der Ruf der Heimat zum Klang der Heimat. Werke, bei denen alle Musiker zu Pfeifen und Flöten greifen, sind zwar flirrend im Sound, aber offensichtlich nicht störend für den weissgrauen Mischling, der unermüdlich von rechts nach links schnürt, ab und an einen Abstecher in den Zuschauerraum macht oder neben Herrchen Borgmann sitzt. Oder stoisch und absolut präzise mit seinem Wedeln das Tempo vorgibt. Ein erfrischender Auftritt des Quartetts/Quintetts.

Die „Ästhetik der Kontraste“ wurde mit Anw Be Yonbolo („Wir sind zusammen“) fortgesetzt und entführte die Zuhörer in eine ganz andere Welt. Entstanden ist das Projekt aus einer afrikanischen Frauenband, die Instrumente spielt, die eigentlich nur Männern vorbehalten sind. Die Pianistin Eve Risser aus Frankreich durfte abermals auf die Bühne, diesmal zusammen mit der Griot-Sängerin Naïny Diabaté aus Mali in absolut umwerfender grün-goldener Kleidung. Sie ist in ihrer Heimat nicht nur ein Gesangsstar, sondern auch Schamanin, die Hochzeiten und Taufen vornimmt.

Das Duo spielte sein drittes Konzert seit 2021 in Deutschland, und auch wenn Eve Risser sich schwer tat, die Stücke auf englisch zu erklären, wurde der politische Aspekt der auf Mandika und Bambara gesungenen Stücke deutlich: Naïny Diabaté singt mit lauter, mitreissender Stimme gegen Kinderarbeit und Frauenunterdrückung.

Teils legt Eve Risser mit wiederum stark präpariertem Klavier eine Begleitung in Akkorden unter die Melodielinien, was zum Ohrenflirren im positiven Sinne führte, denn die Melodien der Griotsängerin sind alles andere als wohltemperiert, was zu Interferenzen mit der Klavierstimmung führte.

Andere Stücke entstanden in Kooperation. Die beiden aussergewöhnlichen Musikerinnen spielen seit acht Jahren zusammen und führen seither einmal im Jahr zwei Bands mit  insgesamt 16 Musikerinnen für ein Konzert zusammen.

Die Ahnen wurden gerufen, es wurde gewarnt, wenn die Vögel schreien, das Publikum zum mitsingen aufgefordert. Die Interaktion der zwei Musikerinnen, die unterschiedliche  Kulturen und Sprachen zusammenbringen zeigt, dass Musik etwas Universelles ist, etwas, das Menschen zusammenbringt.

Das Projekt „Ray of Light“ des österreichischen Trompeter Richard Koch war zum Abschluss ein entspannter Ausklang für die Ohren. Seine europäisch besetzte Band in aparter Besetzung mit Geige, Akkordeon, Bass und Frame Drums brachte eingängige Melodien und gute Strukturen mit, auch die klaren Formen in den Soloparts gaben dem Ohr nach so viel ungewohnter Musik wieder einen Anhaltspunkt.
Die Stücke des aktuellen Albums vereinen ein bisschen Tango, ein bisschen Theatralisches, ein bisschen Jazz und die Klangkombinationen mit Geige (Fabiana Striffler), der stets im Sound wandelbaren Trompete und Akkordeon (Valentin Butt) begeisterten das Publikum im ausverkauften Münsteraner Theater auch noch zu fortgeschrittener Stunde.

Festivalausklang war wie immer die Nachtsession in der Atelier-Bar und die halbstündige Improvisation in der Dominikaner-Kirche am Sonntag, die 2026 in den Händen von Richard Koch und Nora Thiele (Frame Drums) lag.

Richard Koch Quintet
Richard Koch Quintet, Foto: Ansgar Bolle

Text: Angela Ballhorn
Fotos: Ansgar Bolle, Elmar Petzold

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