Stefan Karl Schmid - Pyjama

Stefan Karl Schmid - Pyjama

Stefan Karl Schmid
Pyjama

Erscheinungstermin: 20.02.2020
Label: Tangible Music, 2020

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Stefan Karl Schmid - tenor saxophone, compositions
Bastian Stein - trumpet & flugelhorn
Heidi Bayer - trumpet & flugelhorn
Shannon Barnett - trombone
Mattis Cederberg - bass trombone & cimbasso
Pablo Held - piano
David Helm - bass
Thomas Sauerborn - drums

In den letzten Jahren hat sich Stefan Karl Schmid als feste Größe in der deutschen Jazz-Szene etabliert. Sein Debüt als Bandleader, ExTENded, erschien 2012 in der Reihe Next Generation, gefolgt von je zwei Alben als Co-Leader im Quartett mit Leonhard Huhn (Schmid's Huhn, 2014 und Golden Spheres, 2018) sowie im Quartett mit Philipp Brämswig (Anima, 2015 und Awake, 2019). Ebenso kontinuierlich ist der Saxophonist und Komponist als Gründungsmitglied des Subway Jazz Orchestra aktiv (jüngstes Album Primal Scream, 2016). Seit 2011 war er zudem an über 20 CDProduktionen als Sideman beteiligt, darunter bei Dierk Peters (Ambrosia, 2019), Simone Zanchini & Frankfurt Radio Bigband (Play The Music Of Nino Rota, 2019), Benjamin Schaefer, Reza Askari, Stefan Schultze, Florian Ross und Michel Reis.

Nicht nur Kollegen und Publikum, auch die Medien schätzen Schmid. „Alles an dieser Musik erscheint wohldosiert, gekonnt, balanciert. Und dennoch nie leblos, sondern liebevoll ausgearbeitet, gefeilt, geschmirgelt und eingefärbt“, schrieb Hans-Jürgen Linke in der Jazzthetik. Und Hans-Jürgen von Osterhausen bezeichnete ihn im Jazzpodium als einen „herausragenden Musiker voller Ideen, großer Kreativität und solistischer Virtuosität.“

Angesichts seiner vielfältigen Engagements verwundert es kaum, dass der 35 Jahre alte Schmid erst jetzt sein zweites komplett „eigenes“ Album veröffentlicht, auf dem er persönliche Ideen zu einer individuellen Klangsprache formt. Pyjama wurde, allein schon wegen der recht umfangreichen und prominenten Besetzung, konsequent geplant. Viele der Musiker*innen hatte Schmid bereits ein Jahr vor dem geplanten Aufnahmetermin angefragt, noch ehe er sich ans Schreiben der neuen Stücke machte. Die meisten Kompositionen entstanden im Sommer 2018 und wurden im Herbst zunächst in Trio-Besetzung (mit Bass und Schlagzeug) geprobt. Bis Jahresende „hatte ich unerwartet viel Material, das mir gefallen hat“, erinnert sich Schmid. Aus rund 25 Stücken wählte er neun aus, um sie fürs Oktett facettenreich zu arrangieren. Das Spektrum reicht von atmosphärischen Balladen, etwa After My Sleeping oder Sleepwalking (das allerdings gegen Ende unerwartet aufwacht) bis zu schillernder Dynamik wie in Amigo, CGN oder dem energetischen Donny's Mode. Im März 2019 spielte die Band im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks das Album ein.

Schmids Kernidee für sein Pyjama-Projekt war, zwei Welten zu vereinen, nämlich orchestrale Aspekte und Improvisationen im kleinen Format. Dazu gehört, die Bläser*innen in ausgefeilten Arrangements als vierstimmige Harmonie-Farbe einzusetzen. „Zunächst hatte ich mir die grundsätzliche Instrumentierung überlegt, dann darüber nachgedacht, wer als Musiker*in für die einzelnen Postionen in Frage kommt“, erklärt er. „Ich habe Leute ausgesucht, mit denen ich viel gearbeitet habe, deren Sound und Stärken ich kenne und denen ich vertraue. Wichtig war mir, dass sie gut zusammen klingen und ausgewiesene Satzspieler sind, andererseits aber auch prägnante Solisten.“ Die aus Australien nach Köln übersiedelte Posaunistin Shannon Barnett hat Schmid als Sideman bei der Produktion ihres eigenen Albums (Hype, 2017) sowie auf Tournee begleitet. Er schätzt ihre Spielhaltung, mit der sie sich gut einfügen, aber auch durch kraftvolle Soli in den Vordergrund treten kann. Die Trompeterin Heidi Bayer kennt Schmid vom Subway Jazz Orchestra, den Posaunisten Mattis Cederberg aus der WDR-Bigband. „Seine Bass-Posaune tritt selten in kleineren Bands auf“, sagt Schmid, „der noch seltenere Cimbasso ist eine Art VentilBassposaune, deren spezieller Sound einer Tuba nahekommt.“ Der vierte Bläser, Trompeter Bastian Stein, ist für seinen geschmackvollen Ton und seine zeitgemäßen Improvisationen hinlänglich bekannt.

Zu Pianist Pablo Held muss hier nichts weiter gesagt werden, auch das Team David Helm (Kontrabass) und Thomas Sauerborn (Schlagzeug) hat sich über die eigene Generation hinaus etabliert. „Zwischen Thomas und mir gibt es eine intuitive Verbindung. Er ahnt, was ich improvisiere, begeistert mich durch seine Energie und weite Bögen, kann das Orchestrale bedienen und bei Soli Feuer geben“, freut sich Schmid. „David hat ebenfalls eine enorme Bandbreite und ist in freien Improvisationen extrem kreativ.“

Stefan Karl Schmid pflegt schon lange ein Faible für größere Formationen. Als Teenager trat er ins Landesjugendjazzorchester ein, dem Bujazzo (2005-'08) folgten bis heute wiederkehrende Engagements bei der HR- und WDR-Bigband. Nach dem Saxophon-Studium absolvierte Schmid 2008-'10 seinen Master in Komposition an der Hochschule in Köln, ab 2010 hielt er sich dank eines Fulbright-Stipendiums ein Jahr in New York auf und studierte an der Manhattan School of Music u.a. bei Donny McCaslin und John Riley. „Es war eine prägende Zeit. Schon vorher hatte der amerikanische Jazz einen starken Einfluss auf mich, allein schon wegen Henderson, Konitz, Shorter. Als ich dort war, begegnete ich auch Leuten wie Seamus Blake und Mark Turner.“ Eine weitere Inspirationsquelle liegt weiter im Norden. Schmids Mutter stammt von Island, entsprechend oft hat der Musiker in den vergangenen Jahren die Insel besucht und auch mit dortigen Kollegen gespielt. „Der Geist und die Kreativität dort sind unglaublich, es passiert viel interessantes. Außerdem faszinieren mich die Landschaft und die innere Ruhe der Menschen. Sie drückt sich auch in der Musik aus: es gibt keine Notwendigkeit, sich durch spektakuläre Soli darzustellen.“

Pyjama sieht Schmid als Essenz seiner vielfältigen Erfahrungen der letzten Jahre. Die Musik spiegelt seine Persönlichkeit, der auf den ersten Blick lustige Albumtitel reflektiert ihre Entstehungsgeschichte. „Meist habe ich morgens geschrieben, also irgendwann zwischen vier und elf Uhr, im Pyjama und mit Kaffeebecher am Klavier“, grinst Schmid. „Die Stücke beschreiben oder assoziieren unterschiedliche Stimmungen. Mal schwelgen sie in Erinnerungen an die vorige Nacht, mal vertonen sie Erwartungen, was der Tag so bringen wird.“ Im Booklet skizziert Schmid die Hintergründe der einzelnen Titel, doch auch ohne diese Informationen vermag die Musik zu begeistern. Perfekt balanciert sie kontemplative und kraftvolle Momente aus, changiert zwischen lockenden Melodien und ausgeklügelten Arrangements, vereint warmherzige Timbres, subtilcharismatische Soli und transparente bis komplexe Strukturen. Mit Pyjama untermauert Stefan Karl Schmid nicht nur seinen weitreichenden Ruf als kultivierter Saxophonist, er erweist sich auch einmal mehr als versierter Komponist und kluger Arrangeur des zeitgenössischen Jazz.

Text: Tangible Music

  1. Rise and Shine
  2. CGN
  3. After my Sleeping
  4. Amigo
  5. Ornette
  6. Snillingur
  7. Sleepwalking
  8. Donny´s Mode
  9. Point of View

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