Rezension des Albums "Legacy Dances" von Stefon Harris & Blackout
Stefon Harris & Blackout
Legacy Dances
Erscheinungstermin: 28.08.2026
Label: Motéma Music, 2026
Die Vergangenheit tanzt weiter
Tradition bedeutet im Jazz nie Stillstand. Sie lebt davon, weitergegeben, hinterfragt und verändert zu werden. Genau davon erzählt „Legacy Dances”, mit dem der vierfach für den GRAMMY nominierte Vibrafonist und Komponist Stefon Harris zugleich das zwanzigjährige Bestehen seiner Band Blackout feiert. Es ist ein Album über Herkunft und Gemeinschaft, über musikalische Vorfahren und Weggefährten – vor allem aber über die Freiheit, aus all dem etwas Neues entstehen zu lassen.
Die Veröffentlichung hat allerdings eine schmerzhafte Vorgeschichte. Casey Benjamin, dessen unverwechselbare Stimme als Saxofonist und Pionier des Electro-Jazz Blackout entscheidend geprägt hat, starb überraschend im Jahr 2024. Die geplanten Feierlichkeiten zum zwanzigjährigen Bestehen der Band wurden daraufhin zunächst gestoppt. Auf „Legacy Dances” ist Benjamin noch einmal zu hören. Damit wird das Album auch zu einer bewegenden Würdigung eines Musikers, der Teil dieser Geschichte bleibt.
Harris blickt jedoch in viele Richtungen. Sechs neue Eigenkompositionen stehen neben zwei Stücken, die unmittelbar zu Louis Armstrong führen: What a Wonderful World und West End Blues. Sie werden nicht als historische Monumente behandelt, sondern aus der Gegenwart heraus neu gedacht.
Ähnlich funktioniert „Echoes of the Lion”, Harris’ Hommage an Willie „The Lion” Smith. Ausgangspunkt ist das Ostinato der linken Hand aus Smiths „Echoes of Spring”. Harris löst dieses historische Material aus seinem ursprünglichen Kontext und überführt es in eine zeitgenössische rhythmische Architektur. In dieser treten Melodie und Harmonie aus den Zwischenräumen eines grundlegenden Bass-Grooves hervor. Hier wird Tradition nicht zitiert. Sie wird weitergeschrieben.
Auch Familie, Mentoren und kulturelle Vordenker hinterlassen Spuren in den Kompositionen. Dazu gehört der Dichter und Aktivist Amiri Baraka, dessen Denken Harris nachhaltig beeinflusst hat. So entsteht ein weit gefasstes Verständnis von musikalischer Herkunft: Sie besteht nicht nur aus Stilgeschichte, sondern auch aus Menschen, Begegnungen, Erfahrungen und Gemeinschaft.
Und Blackout spielt diese Musik mit entsprechender Freiheit. Vibrafon, Rhythmus, elektronische Klangfarben, Improvisation und Groove greifen ineinander, ohne sich um eindeutige stilistische Kategorien zu kümmern. Diese Musik kann tief in der afroamerikanischen Jazztradition verwurzelt sein und gleichzeitig entschlossen nach vorne schauen.
Vielleicht ist gerade das ihre stärkste Aussage. Jazz muss seine Vergangenheit nicht hinter sich lassen, um Neues zu entdecken. Er kann sie mitnehmen.
„Wir tanzen allein und gemeinsam“, schreibt Harris. Legacy Dances macht daraus Musik: persönlich und gemeinschaftlich, erinnernd und neugierig, tief amerikanisch und ebenso tief im Jazz verwurzelt.
Das ist Jazz, der keine Angst vor Veränderung hat. Und genau deshalb bleibt er lebendig.
(Jacek Brun, 06.09.2026)
Besetzung
Stefon Harris - vibraphone, marimba
Casey Benjamin - sax, aerophone, vocoder
Christian Sands - piano & keyboards
Dezron Douglas - bass
Terreon Gully - drums
Special guests:
Braimah “Weedie” Morris - djembe (1,4,9,10)
Anne Drummond - flute (3,6,8,11)
Oran Etkin - clarinets (3,6,8,11)
Eric Eaton - cello (3,11)
Dwayne Clark - spoken word (10)
Orchestrations for tracks 3, 6, 8 & 11 by Scott Arcangel
Titelliste
- Legacy Dances
- Wonderful World (Intro)
- What A Wonderful World
- Echoes Of The Lion
- West End Blues
- I Know Love
- Ell’s Boogie
- A Radical’s Love
- Libation
- We Are An African People
- I Know Love (Extended Version)
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